Hauptrubrik
Banner Full-Size

Der zweifelnde Künstler

Untertitel
Eine fiktive Reise auf Johann Sebastian Bachs Lebensspuren
Publikationsdatum
Body

Johann Sebastian Bach ist fast fünfzehn Jahre alt, als er im März 1700 von Ohrdruf aus mit seinem Freund Georg Erdmann nach Lüneburg aufbricht. Beide wollen in der dortigen Partikularschule des Michaelisklosters, die für ihre ausgezeichnete Musikpflege bekannt war, die schulische Ausbildung fortsetzen. Für die Strecke von Ohrdruf nach Lüneburg – laut Navigationsgerät etwa 320 Straßenkilometer zu Fuß über das heutige Straßensystem – benötigten Bach und sein Freund Erdmann etwa vierzehn Tage, über Stock, Stein und zerklüftete Wege, an Wäldern vorbei und durch sie hindurch, an Bächen entlang und in Wirtshäusern nächtigend. Fast vierhundert Kilometer Beschwerlichkeit. Wo Maarten ’t Hart zweifelt (in „Bach und ich“ schreibt er: „Von Ohrdruf aus ging er – zu Fuß? – nach Lüneburg“), liefert Jens Johler in „Die Stimmung der Welt“ eine klare, haarscharf die Wirklichkeit ankratzende Wegbeschreibung.

Johler konstruiert ein Leben aus spärlichen Quellen und malt es aus. So ist Bach zwar nicht als Komponist von Opern bekannt. Gleichwohl erzählt Johler, wie Bach, nachdem er eine Opernaufführung in Hamburg besucht hatte, den Plan fasste, selbst eine Oper zu komponieren. Sein Freund Erdmann lieferte alsbald ein poetisches Grundgerüst: „ … die Episode, die er für eine Oper vorschlage, sei die von Odysseus und Circe“. Johler beschreibt einen enthusiastisch glühenden, jungen Komponisten, der seine eigene Zukunft in der Tätigkeit eines Opernkomponisten sah und den leichter Größenwahn erfasst, sieht er sich doch schon seiner Verwandtschaft enteilt, „die in Sachsen oder Thüringen ihr Leben als Stadtpfeifer oder als Organisten im schlecht bezahlten Kirchendienst fristeten, ihn um seine Freiheit und um seinen Ruhm beneideten!“ Dass es so weit nicht gekommen ist, sondern dass Bach zwar sehr viel für die menschliche Stimme geschrieben, aber eben nicht mit Opern die „Stimmung der Welt“ veränderte, ist hinreichend bekannt.

Jens Johler schildert den großen Erneuerer der Harmonik und Komponisten des „Wohltemperierten Klaviers“ auch als zweifelnden Künstler, der zum einen selbstbewusst das Spektrum des musikalischen Ausdrucks zu erweitern vermochte, den zum anderen nach Vollendung der „Kunst der Fuge“ im März 1722 aber auch skeptische Gedanken umtrieben. In einem dem Roman vorangestellten Kapitel „März 1722“ lässt Johler Bachs Freund Erdmann äußern, dass Bachs Werk auch „nur von dieser Welt“ sei, ein Diktum, das sich in Bachs Gedanken festsetzt und für Versagensängste im Blick auf das „Himmlische“ in seinem Werk sorgte.

In seinem lesenswerten Roman, der sich auf hohem erzählerischen Niveau bewegt, streut Johler gekonnt fiktionale Elemente in die wenigen überlieferten Fakten ein, er montiert das Er- und Gefundene, das Hinzugedichtete und das biographisch Korrekte in einer Weise, die der Persönlichkeit Bachs einen lebendigen und durchaus abenteuerlichen Anstrich zu verleihen vermag. „Die Stimmung der Welt“ ergänzt Lücken im Bach’schen Lebenslauf mit den Möglichkeiten des Romans zu einem Lebensbild, das sich mit all seinen fiktiven und realen Einzelteilen zu einer stimmig wirkenden Künstlerbiographie fügt.

Jens Johler: Die Stimmung der Welt. Roman, Alexander Verlag, Berlin 2013, 352 S., Abb., € 22,90, ISBN 978-3-89581-320-7

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!