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Lis Malina (Hrsg.): Dear Papa, how is you? Das Leben Erich Wolfgang Korngolds in Briefen, Mandelbaum Verlag, Wien 2017, 328 S., € 24,90, ISBN: 978385476-533-2
Lis Malina (Hrsg.): Dear Papa, how is you? Das Leben Erich Wolfgang Korngolds in Briefen, Mandelbaum Verlag, Wien 2017, 328 S., € 24,90, ISBN: 978385476-533-2
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Dramatisches Künstlerleben

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Erich Wolfgang Korngold im Mittelpunkt einer Briefe-Sammlung
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Immer wieder erstaunt, dass Komponisten, die zu ihrer Zeit hoch geschätzt waren, bald nach ihrem Tode, mitunter schon zu Lebzeiten völlig vergessen, gewissermaßen „no names“ wurden. Der in Brünn geborene, in Wien aufgewachsene, später in die USA emigrierte Erich Wolfgang Korngold beispielsweise wurde selbst von Richard Strauss als Wunderkind bestaunt; als 23-Jähriger hatte er 1920 mit seiner Oper „Die tote Stadt“ einen der größten Opernerfolge im frühen 20. Jahrhundert. Doch 1952 musste er verbittert feststellen: „die heranwachsende Generation weiß nichts mehr von mir.“ Selbst die runden Lebensdaten in diesem Jahr – vor 120 Jahren geboren und vor sechzig Jahren gestorben – haben kaum Widerhall gefunden (Simon Rattle wird in einem seiner letzten Konzerte mit den Berliner Philharmonikern im Juni 2018 Korngolds Filmmusik zu „The Adventures of Robin Hood“ bringen).

Korngolds resignierende Feststellung findet sich in einer Sammlung von Briefen an und von Korngold, die die Wiener Musikwissenschaftlerin Lis Malina jüngst herausgegeben hat. Die Edition ergänzt mehrere Biographien durch den Blick auf den „privaten Korngold“ in ansprechender Weise. Gleich zu Beginn schränkt Malina allerdings ein, dass diese Sammlung längst keine vollständige Edition der Korrespondenz Korngolds sei, sondern nur ein „erster Schritt der Aufarbeitung“.

Gleichwohl spiegelt der Band ein farbiges, mitunter dramatisches Künstlerleben. Korngold ist 13, als seine Opern „Der Ring des Polykrates“ und „Violanta“ an der Hofoper in München herauskommen. „Die tote Stadt“ wird bis 1933 an fast allen großen Opernhäusern in Europa gespielt, wobei Künstler wie Richard Tauber, Bruno Walter oder Alexander von Zemlinsky mitwirkten. Ende der 1920er Jahre kommt es zur langjährigen Zusammenarbeit mit Max Reinhard, der Korngold nach Berlin holt, wo dessen Bearbeitungen der „Fledermaus“ und von „Die schöne Helena“ rauschenden Beifall finden. Max Reinhard hatte Deutschland 1933 verlassen und 1934 von Hollywood aus Korngold mit dem lukrativen Angebot, für einen Film Mendelssohns Sommernachtstraummusik zu arrangieren, nach Amerika gelockt – eine ebenso folgenreiche wie für die Familie lebensrettende Entscheidung. Diese zog bald ganz in die USA; dort hat Korngold bis 1955 23 Filmmusiken geschrieben, von denen manche zu Klassikern der Filmgeschichte wurden. Zweimal erhielten seine Kompositionen einen Oscar. Korngold war einer der wenigen Glückspilze unter den emigrierten Musikern; er konnte nicht nur seine große Familie ernähren, sondern half auch Freunden und Bekannten in hochherziger Weise. Aber nach 1945, als er wieder vermehrt „seriös“ komponierte (sein Violinkonzert hob 1947 kein Geringerer als Jascha Heifetz aus der Taufe), stellten sich die früheren Erfolge nicht wieder ein. Die mit großen Hoffnungen verbundene Rückkehr nach Europa 1950 endete mit einem Desas­ter; er sah sich – vielleicht nicht ganz zu Unrecht – als Opfer der neuen und tonangebenden Musik eines Stockhausen und Boulez. 1952 schon kehrten die Korngolds für immer nach Hollywood zurück; dort ist Korngold am 29. November 1957 nach einem Schlaganfall gestorben. Seine Ehefrau Luise („Luzi“) folgte ihm fünf Jahre später.

Die Korrespondenz der Eheleute macht einen Großteil des Bandes aus. Es war 1924 eine Liebesheirat, und ohne Luzi, ohne ihre selbstlose und großes Selbstbewusstsein ausstrahlende Persönlichkeit wäre Korngolds Karriere wohl nicht so glatt verlaufen. Er wusste das auch und hielt zu ihr, auch als sein besitzergreifender Vater ihn bis ins hohe Alter für sich beanspruchte. Zu dieser Zeit prägen dann doch mehr und mehr politische und künstlerische Sorgen die Briefe, zumal sich die Korngolds nach dem Tod von Reinhard (1943) und Franz Werfel (1945) zunehmend vereinsamt fühlten. Luzis Briefe nach „old europe“ sind berührende Zeugnisse – künstlerische und menschliche Bindungen mögen nicht abreißen.

Nachdem nun mit diesem Band die private Sphäre um Korngold recht anschaulich in den Blick genommen wird, ist zu hoffen, dass er auch mit seiner Musik wieder deutlicher ins allgemeine Bewusstsein rückt.        

  • Lis Malina (Hrsg.): Dear Papa, how is you? Das Leben Erich Wolfgang Korngolds in Briefen, Mandelbaum Verlag, Wien 2017, 328 S., € 24,90, ISBN: 978385476-533-2

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