Künstlerisches Schaffen in der erweiterten EU. Mobilität und Verantwortung. Deutsch-Französisch-Polnische Konferenz Warschau 2005, ConBrio, Regensburg 2007, 132 S., Abb., € 14,80, ISBN 978-3-932581-85-4
Eine „geniale Idee“ nennt Ingo Kolboom das Weimarer Dreieck, ein politischer Trialog zwischen Deutschland, Frankreich und Polen, der sich aber noch längst nicht aus dem Schatten des viel beschworenen deutsch-französischen Tandems heraus gestrampelt hat. Am 30. November 2005 veranstalteten der Deutsch-Französische Kulturrat und das Institut Français in Warschau eine deutsch-französisch-polnische Konferenz zum Thema „Die Bedingungen künstlerischen Schaffens in der erweiterten EU: Künstler zwischen Glanz und Elend, Gesellschaft und Staat.“ Die nun vorliegende Dokumentation der Tagung, herausgegeben von Nele Hertling und Eva Hoffmann-Müller, zeigt die Lebendigkeit, mit der gerade dieses Dreiergespann die Frage nach Europa als künstlerischer und nicht als bürokratischer Idee aufgreift.
Vier Debatten über die Rolle der Kultur beim Zusammenwachsen der Zivilgesellschaften stehen im Mittelpunkt der Publikation, die Vorträge und Statements von Bernard Faivre d‘Arcier, Joachim Fritz-Vannahme, Hans-Herwig Geyer, Volker Hassemer, Nele Hertling, Ingo Kolboom, Catherine Lalumière, Lidia Makowska, Corina Suteu, Nike Wagner und vielen anderen vereint. Angesprochen werden hier Jugendaustauschprogramme, Kulturinstitute und Festivals, aber auch Probleme des Kulturaustauschs, beispielsweise die insbesondere bei dramatischen Texten herrschende Sprachbarriere oder Dumping als Motiv für Kulturmigration, vor allem bei Filmproduktionen. Jean-Baptiste Joly warnt davor, die Mobilität zwischen Ost und West zur Einbahnstraße werden zu lassen und aufgrund des wirtschaftlichen Gefälles zwischen Ost- und Westeuropa nur den osteuropäischen Künstlern das westeuropäische Feld zu öffnen.
Bei der Frage nach der Koordination von öffentlicher und privater Kulturförderung werden Aspekte wie Cultural Industry, Sponsoring, Anstoßfinanzierung und Grundversorgung diskutiert. Ein derzeitiges Manko in der Kulturfinanzierung liegt in der fehlenden Zugänglichkeit zu kleinen Geldmengen. Für kleine Veranstalter ist die Schwelle der großen privaten und öffentlichen Fonds viel zu hoch, so dass auch im kulturellen Bereich „Mikrofonds“ eingerichtet werden müssten. Die Verantwortung des Künstlers im Prozess des Zusammenwachsens von Europa ist verbunden mit der Suche nach der „Seele“ Europas. Volker Hassemer präsentiert sechs Einzelprojekte der Initiative „Europa eine Seele geben“, die Kultur als bedeutendes Element Europas begreift. Die gesellschaftliche Rolle des künstlerischen Berufs wird kontrovers diskutiert, wobei sich abzeichnet, dass West- und Osteuropäer aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungen mit dem Kommunismus einerseits, den westeuropäischen Demokratien andererseits ein anderes Verständnis des Verhältnisses von Kunst und Staat an den Tag legen. Beide Seiten können dabei noch viel voneinander lernen. In der letzten Debatte eher technischen Inhalts geht es um den Schutz geistigen Eigentums, Pirateriebekämpfung, das europäische Urheberrecht im Gegensatz zum anglo-amerikanischen Copyright-Prinzip, aber auch die Vorherrschaft der USA im europäischen Filmsektor und deren mutmaßlich negative Auswirkung auf die Identitätswahrnehmung Jugendlicher. Eins wird in der Vielfalt der Beiträge insgesamt deutlich: Es ist nicht Europa, dem die Seele fehlt, es ist vielmehr der kulturpolitische Verwaltungsapparat der EU, der der „empfindlichen Alchimie der Kreativität“ gegenübersteht. Zwischen der künstlerischen und der administrativen Zeit eine Brücke zu schlagen – darin liegt die Herausforderung und die zukünftige Verantwortung einer „beseelten“ europäischen Kulturpolitik. Die vorliegende Dokumentation bietet dafür zahlreiche Anknüpfungspunkte und wird zum Weiterlesen durch eine sorgfältig zusammengestellte Linksammlung ergänzt.