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Kultur boomt – tatsächlich?

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Das Jahrbuch für Kulturpolitik 2007 mit einer Fülle von Hinweisen und Ideen
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Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft (Hrsg.), Jahrbuch für Kulturpolitik 2007: Europäische Kulturpolitik, Klartext Verlag, Essen 2007, € 19,90

Europas Ursprung und seine Jahrtausende alte Geschichte ist geprägt vom dialektischen Wechselspiel zwischen Kultur und Macht. „kultur.macht.europa“ lautete denn auch das vieldeutige Motto des 4. Kulturpolitischen Bundeskongresses am 7./8. Juni in Berlin, wieder veranstaltet von der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. und der Bundeszentrale für politische Bildung in Verbindung mit der Friedrich-Ebert-Stiftung. Ähnlich einem Silben-Scrabble lassen sich die drei Begriffe in beliebiger Folge sinnvoll kombinieren und je nachdem deuten. Wie dies in den ungezählten Präsentationen und Beiträgen, in den Panels und vielfach parallelen Foren des Kongresses geschah, wird die gegen Ende des Jahres zu erwartende Dokumentation wiedergeben. Unmittelbar vor der Eröffnung dieses mit rund 500 Teilnehmern bislang größten kulturpolitischen Kongresses stellte Fritz Pleitgen, langjähriger Intendant des WDR und nun Vorstand der Geschäftsleitung der Europäischen Kulturhauptstadt „Ruhr 2010“ (die noch nicht auf der gleichbezifferten Agenda erscheint), den stattlichen Band 7 des Jahrbuchs für Kulturpolitik zum Thema „Europäische Kulturpolitik“ vor. Herausgegeben wieder von Bernd Wagner und Norbert Sievers, enthält der stattliche, inhaltlich strukturierte und dadurch übersichtliche Band 40 Beiträge zumeist in ihren Funktionen oder Arbeitsfeldern profilierter Autorinnen und Autoren, dazu einen allein 100 Seiten umfassenden Anhang von Kulturstatistik, Chronik, Literatur und Adressen von Institutionen, Gremien, Verbänden, dazu eine Übersicht über Kunst und Kultur im Internet. „Kultur boomt“, stellte Fritz Pleitgen euphorisch fest und erinnerte daran, dass Kultur in den Bemühungen und Verlautbarungen zur (Ver-)Einigung in Europa jahrzehntelang überhaupt keine Rolle gespielt hat, erst 1992 mit den Verträgen von Maastricht ins Bild gerückt wurde und nun – Indiz sei die „Berliner Erklärung“ der EU-Staatschefs im März 2007 – wirklich im Kommen sei: „Plötzlich stellen alle fest, dass Kultur im Zentrum Europas steht.“

„ Europäische Kulturpolitik – mein Gott, was soll das denn sein?“ fragt hingegen Gottfried Wagner, Direktor der immerhin bereits 1954 gegründeten Europäischen Kulturstiftung in Amsterdam, um in seinem Beitrag ernüchternd festzustellen: „Eine Kultur-Großkonferenz jagt die andere ... Allerdings noch (?) ohne Folgen: Das Kulturbudget der europäischen Institutionen ist noch immer so schmal wie der Inhalt des Klingelbeutels nach der Sonntagspredigt.“ (S. 60). Politisches Gestalten aber bedarf – gleich ob in der Landwirtschaft, in der Industrie, im Gesundheitswesen oder in der Kultur – überzeugender Konzepte und tatkräftiger Persönlichkeiten ebenso wie ausreichender Investitionen. An allen diesen Ressourcen mangelt es vorläufig, jedenfalls was Europäische Kulturpolitik betrifft. Niemand bei klarem, kultiviertem Verstand mag sich zwar so etwas wie Kulturglobalisierung auch nur im europäischen Rahmen vorstellen, mehr noch als uns ohnehin widerfährt; um jedoch die Vielfalt europäischer Kultur, im historischen wie im aktuellen Wechselspiel von Konvergenz und Divergenz, als Reichtum erfahrbar zu machen und zu schützen, sind überall in Europa Offenheit, Sensibilität und Kooperation unerlässlich.

Das Jahrbuch für Kulturpolitik 2007 bietet zu diesem reizvoll schillernden Fragen- und Problemkomplex – allerdings lediglich aus deutscher Perspektive – Ideen, Informationen, Anregungen, Hinweise sowie Übersichten in Fülle und angenehmer Nüchternheit.

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