Herbert Haffner: Furtwängler, Parthas Verlag, Berlin 2003, 496 S., Abb., E 39,80, ISBN 3-932529-45-6
„Herr Ka.“ war ihm nie ganz geheuer. Musikalisch kanzelte er ihn kurzerhand ab: „Wenn’s drauf ankommt, dann ist da nichts.“ Auch Ka.s kluges Taktieren außerhalb des Orchestergrabens war ihm höchst suspekt. Erst hatte er Berlin und Bayreuth erobert, anschließend die Scala. „Ich glaube, dass allerlei Anzeichen dafür sprechen, dass der Einfluss des Herrn Ka. in Mailand jedenfalls eher im Wachsen ist.“ Sie wurden sich nie grün, der macht- und medienversierte Jungspund Karajan und der alternde Großmeister Furtwängler. Dieser wurde zum Dirigier-Darling im Wirtschaftswunderland Deutschland, jener galt einem konservativen, teilweise national denkenden Bürgertum als der letzte musikalische Repräsentant „deutscher“ Musik.
Nachdem im letzten Jahr Richard Osbornes Karajan-Biografie in deutscher Übersetzung erschienen war, folgt nun (vielleicht schon im Vorgriff auf den 50. Todestag Ende 2004) Herbert Haffners Buch über „Fu“, wie ihn das Berliner Publikum gern nannte. Die Furtwängler-Rezeption ist reich an Widersprüchen, Falschaussagen, Fehldeutungen und Mythisierungen. Die einen stellten ihn gern in die nazibraune Ecke, die anderen holen ihn prompt dort wieder heraus, weil Furtwängler in ihren Augen das Hitlerregime weder unterstützt noch geduldet habe.
Haffner indes konzentriert sich auf Fakten. Er hat überparteilich recherchiert: in den Goebbelschen Tagebüchern, im Aussagenfundus bei Hitler, in alten Zeitungen, natürlich auch in Furtwänglers Briefwechseln sowie in der neueren Forschungsliteratur. Aus diesem Quellen-Puzzle formt Haffner ein entideologisiertes Gesamtbild. Furtwängler wird nicht verklärt, sondern entlarvt: in seinen Beziehungen zur Münchner Bohème, in seinem Verhältnis zu dem Wiener Musikwissenschaftler Heinrich Schenker, in seinem (von Hitler unterbundenen) Bemühen, in Salzburg eine Art Anti-Bayreuth aufzubauen und schließlich in seinem unerklärlichen Hang zur Fehleinschätzung. Haffner sieht in Furtwängler einen Utopisten, „der zahlreiche Illusionen lebte: die Illusion zum großen Komponisten berufen zu sein, die Illusion, dass die Kunst bessere Menschen mache, die Illusion, dass es ein ‚ewiges Deutschtum’ gebe, in dem es möglich sei, eine ‚totale künstlerische Existenz’ zu leben und seine größte Illusion, nämlich dass Kunst und Politik zu trennen seien“.
Bereits in seiner Jugend zeigte Furtwängler Ansätze zum Querulanten: Er pflegte seine Allüren, erkannte seine eigenen Grundsätze selbstherrlich an und die seiner Spielkameraden absolutistisch ab. Er konnte beides sein: Genie und Wankelgeist, Pedant und Hitzkopf. Haffner scheut sich nicht, Schwachstellen bloßzulegen, Fehler zu monieren, Eitelkeiten zu benennen.
Furtwängler wird in diesem Buch nicht zum Mythos, sondern zum Menschen. Zu kurz allerdings geraten die Analysen seines Dirigierstils und seiner Kompositionen. Haffner verzichtet darauf, Furtwänglers Werke näher vorzustellen oder sie musikhistorisch zu bewerten. Umso ausführlicher widmet er sich den latenten Scharmützeln mit Widersachern wie Toscanini. Über ihn urteilte Furtwängler lapidar: „Seine Größe liegt im Charakter. Damit ist ihm subjektiv in den Augen der Welt, wie man sieht, geholfen, leider aber nicht in der Kunst.“ Im Gegenzug nannte ihn Horowitz, nachdem Furtwängler zum Ehrendoktor ernannt worden war (ohne je ein Examen gemacht zu haben), einen „Doktor hypophysis causa“.
Aus diesem reichhaltigen Inventar an Intrigen und Sticheleien vermag Haffner jedoch sinnvoll auszuwählen. Ihm geht es nicht um die Darstellung von Tratsch, sondern um eine möglichst objektive wie perspektivenreiche Aufarbeitung dieser zweifelhaften Künstlerpersönlichkeit. Dass dabei den zwölf Jahren Nazi-Diktatur rund die Hälfte des Buches gewidmet ist, weist auf die Ernsthaftigkeit hin, mit der der Verfasser Furtwänglers Rolle während dieser Zeit nachgespürt hat.
Haffner weist überzeugend nach, dass Furtwänglers größtes Verhängnis wohl darin bestand, dass er gegen jene Epochen stand, in denen er lebte: seine Triumphe musste er inmitten von Kulturpropaganda und Kriegslüsternheit feiern, während ihn die Nachkriegsgesellschaft nicht mehr die Rolle spielen ließ, die er sich zugedacht hatte: dirigierend Musikgeschichte zu machen, Botschafter zu sein für bewahrenswerte Musik und Verhinderer nebensächlicher Strömungen.