Reinhard Schau: Das Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar. Geschichte und Gegenwart, Böhlau Verlag, Köln 2010, 319 S., € 22,90, ISBN 978-3-412-20556-0
Wie diese ehemalige Spezialschule für Musik, orientiert am erfolgreichen Schultypus totalitärer osteuropäischen Staaten, zum Musikgymnasium sui generis (einschließlich Internat) unter der Trägerschaft des Freistaates Thüringen wurde (neben Dresden und Ost-Berlin), das erfährt der Leser in elf spannenden Reports, kritisch kommentiert und durch Dokumente belegt. Dabei die schonungslose Abrechnung mit dem System des SED-Staates, das zwar jene begabten, aufstrebenden jungen Menschen zwischen 12 und 18 Jahren im Blickfeld hat, aber zugleich aus staatsegoistischen Zielen Prestigeleistung erwartet, verordnet, missbraucht. Spitzensuche gleich dem Nachwuchssport. Oder das Tauziehen zwischen Spezialschule für Musik und der Franz-Liszt-Hochschule Weimar, bis Rechte und Pflichten in Rahmenvereinbarungen festgezurrt werden.
Deutlich wird hier, wie im Gezerre und Kompetenzstreit zwischen öffentlichen und parteilichen Autoritäten, dann aber allein durch persönlichen und weitblickenden Einsatz und Argumentation Einzelner sich das Erfolgsmodell über alle Klippen des strauchelnden DDR-Staates rettet. Doch nach der Wende erneut auf den Prüfstand gestellt: ebenfalls Abwickeln, weil diese Talentschmiede wegen ihrer Außergewöhnlichkeit nicht in die Schublade bundesdeutscher Schulstrukturen passt? Bürgerinitiativen, Monita der Fachinstitutionen, Gutachten aus der Musikwelt, demokratisch kämpferischer Einsatz der Eltern, Lehrer und Ehemaliger, inzwischen zu namhaften Künstlern avanciert, dann die hörbaren Erfolge der Weimarer Finalisten im 28. Bundeswettbewerb „Jugend musiziert 1991 in Kiel, – unter diesen Vorgaben wurde für Politik und Kulturverwaltung die Weiterführung der Belvedere Institution, Erhalt ihres „unverwechselbaren Eigenprofils“, unumgänglich. Hochschule und ihre Pädagogen formten sie zur heutigen Musterschule für musikalisch Hochbegabte, die doppelgleisig sowohl das Abitur wie die Instrumentalausbildung als Jungstudenten der Musikhochschule geboten bekommen. Zuvor aber noch die spannende Schilderung, aus einem aktuellen Desaster herauszukommen. Das hört sich wie ein Märchen an: Die desolate Bausubstanz von Belvedere forderte 1992 die „sofortige Schließung“ von Schule und Internat, womit die weitere Existenz ernsthaft in Frage gestellt war. Krisensituation mit Containerlösungen und notdürftigen Ersatzgebäuden. In fast vierjähriger Odyssee, von allen Beteiligten toleriert, lief der Unterricht ungebrochen erfolgreich weiter. Inzwischen hatte eine gute Fee namens Deutsche Bank eingegriffen: Dank ihrer großzügigen Jubiläumsstiftung wurde ein schon früher erträumter, jetzt neu konzipierter Schulneubau nächst den ebenfalls renovierten Belvedere-Schlossgebäuden hochgezogen, 1995 eingeweiht und bezogen. Jetzt konnte sich das Musikgymnasium Schloss Belvedere, inzwischen als UNESCO-Projektschule gewürdigt, mit Recht als „Juwel des Kulturlandes Thüringen“ verkaufen.
Reinhard Schau gelang eine hochdramatische Darstellung, die sich streckenweise wie ein Krimi liest, gegründet auf authentischen Materialien, die er aus Sicht und Abstand eines stillen Beobachters in Belvederes Nähe, also eines nicht unmittelbar Betroffenen, erhellend zu interpretieren versteht.