„Viele blasen, ohne eigentlich zu wissen, was dazu gehöret.“ So machte „Flötenist“ Johann George Tromlitz 1791 seinem Unmut über die damalige pädagogische Situation im Flötenspiel Luft. Das Handbuch Querflöte soll mit dieser Beschwerde Schluss machen. Die Autoren wenden sich an ausübende und angehende Flötisten gleichermaßen und geben eine umfassende Orientierung über das Flötenspiel heute sowie eine facettenreiche Geschichte von Instrument, Spielpraxis, Unterricht und Repertoire.
Die Bedeutung der Flöte als erotisches Symbol lässt sich vor allem im 16. und 17. Jahrhundert in den bildenden Künsten nachweisen, ihre Nachwirkung bis ins 18. Jahrhundert, als es für eine Frau undenkbar war, sich mit dem Blasinstrument abbilden zu lassen, das noch immer dem männlichen Lebensraum zugeordnet wurde. In der Empfindsamkeit entwickelte sich dagegen eine regelrechte Flautomanie, die aber nicht ohne kritische Stimmen blieb. Stellvertretend sei auf Johann Wolfgang Goethes „Wahlverwandtschaften“ verwiesen, in denen er Ottilie sagen lässt: „wenn uns nur Eduard mit seiner Flöte verschonte“.
Als Geburtsstunde der modernen Flöte darf die Erfindung der Boehm-Flöte gelten. Der Flötist und Instrumentenbauer Theobald Boehm reagierte mit seiner Neuerung auf ein durch zusätzliche Klappen immer schwerer zu handhabendes Griffsystem, das im Prinzip noch immer auf der Spielweise des barocken, einklappigen Flauto traverso basierte. Der Durchbruch gelang ihm 1847 mit der zylindrischen Silberflöte, die seitdem seinen Namen trägt und sich weltweit gegen alle anderen Modelle durchgesetzt hat. Die Herausgeber beschränken sich mit ihren Ausführungen aber nicht nur auf den europäischen Raum. Ebenfalls sehr sorgfältig wurden die Entwicklungen der Querflöte in anderen Kulturen einbezogen.
Bei allen geschichtlichen Details bietet das Handbuch aber nicht nur wissenschaftliche Theorie. So erhält der weniger erfahrene Flötist oder Anfänger wichtige Tipps für den Kauf eines neuen Instruments. Dazu gehören etwa das Warmspielen vor dem Testen oder das Mitbringen eines Vergleichsinstruments, dessen Klangeigenschaften von anderen Räumen als dem Verkaufsraum bekannt ist.
Besonders interessant ist auch das Kapitel über den Flötenunterricht einst und heute. So ist etwa der knappe Traktat „Principes de la flûte“ (1707) von Jacques Hotteterres für die Ausführung von Musik des 18. Jahrhunderts und insbesondere von französischen Kompositionen bis heute unverzichtbar. Die Autoren haben etliche bedeutsame Schulen zusammengetragen und ermöglichen mit jeweils knappen Erläuterungen dazu eine Orientierung inmitten der Fülle von verfügbaren historischen wie aktuellen Lehrwerken.
Dem gegenwärtigen lobenswerten Bemühen um das Verstehen und Wiederbeleben historischer Aufführungspraxis trägt ein eigenes Kapitel („Historische Improvisationsmodelle“) Rechnung. Abgerundet wird die Publikation durch einen Streifzug durch und Infos zum Repertoire der Flöte – auch das natürlich von der Vergangenheit bis in die Gegenwart.
Das Handbuch ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem hintergründigen Wissen über die Flöte. Zwar kann man die Publikation wie einen Roman von vorne nach hinten lesen, sie eignet sich aber genauso gut als Nachschlagewerk. Der interessierte Liebhaber wird aus der Lektüre seinen Nutzen ebenso ziehen können wie der erfahrene Spieler. Damit steht der Erfüllung der Forderung des Johann George Tromlitz eigentlich nichts mehr im Weg: „zu blasen mit dem Wissen, was dazu gehöret.“