Politische Instrumentalisierung von Musik der Vergangenheit im Deutschland des 20. Jahrhunderts am Beispiel Georg Friedrich Händels +++ Religiöse Friedensmusik von der Antike bis zur Gegenwart
Wenige Komponisten wurden so rigoros unter einer bestimmten Ideologie interpretiert wie Georg Friedrich Händel. Der Nationalsozialismus sah in ihm einen „Ur-Deutschen“ und in seines Musik ein „kämpferisches“ Vorbild. Wenige Jahre später wurde er in der DDR als Vorläufer des werktätigen Volkes gefeiert. Die Interpretationen, die Lars Klingberg und Juliane Riepe in ihrer umfangreichen Darstellung in überbordender Fülle bringen, erscheinen heute zum Teil hanebüchen, aber da sie zu ihrer Zeit bitterer Ernst waren, auch erschreckend.
Die Popularität Händels wollte auch das NS-Regime nutzen. Obwohl viele Oratorien biblische, ja deutlich jüdische Stoffe zum Inhalt haben, war das kein Hindernis; Goebbels persönlich ordnete an, dass trotz dieser Inhalte Oratorien wie „Jephta“, „Der Messias“ oder „Judas Maccabäus“ durchaus aufzuführen seien. Gerade letzteres reizte aber zu so genannten „Entjudungen“. Auch „Jephta“ wurde in „Das Opfer“ umgetextet, wobei die Autoren auf einen mutigen Sänger verweisen, der an der alten Bezeichnung festgehalten hatte. Auch verweisen sie auf aberwitzige Ideen, etwa den in der Westminster Abbey bestatteten Komponisten nach einem Sieg über England nach Deutschland „heimzuholen“.
In der DDR war das Händeljahr 1959 der Startschuss für eine intensive Händelpflege unter den von der SED verordneten Vorgaben („der am meisten parteigebundene Komponist“, so der Gambist Siegfried Pank). Das geschah immer auch unter Abgrenzung zur Bundesrepublik, was rein musikalisch kaum begründbar war, auch wenn die im Westen in den 1970er Jahren massiv einsetzende historische Musizierpraxis nur zögerlich übernommen wurde.
Klingberg und Riepe berücksichtigen alle nur denkbaren Bereiche der Händelpflege in den behandelten Zeiträumen, erschließen bis dato weniger bekannte Quellen, widmen sich der Neu- und Uminterpretation der großen Oratorien insbesondere in der NS-Zeit und beleuchten die handelnden Personen und stilprägenden Aufführungen im geteilten Deutschland. In fünf großen, vielfältig unterteilten Kapiteln wechseln die Autoren ständig zwischen beiden Zeiträumen hin und her, wobei die DDR, vielleicht auch wegen der günstigeren Quellenlage, eine etwas größere Gewichtung erfährt. Allen Kapiteln und Abschnitten sind längere theoretische Überlegungen vorangestellt, die mitunter fragen lassen, ob eine knappere Darstellung nicht zweckmäßiger gewesen wäre. Bei der enormen Textmenge sind Doppelungen und Wiederholungen unvermeidlich (Goebbels’ Nicht-Verbot, Hitlers erstaunliche Toleranz gegenüber „Schöpfungen gewaltiger künstlerischer Heroen“), aber die reiche Materialfülle entschädigt dann doch für eine etwas anstrengende Lektüre.
Fast erwartungsgemäß taucht Händel auch in dem Buch über religiöse Friedensmusiken auf. Es vereint 16 Vorträge eines Symposiums der Universitäten Münster und Essen im Juni 2018, wobei das Thema zeitlich von den alten Reichen in Ägypten und Mesopotamien über die neuzeitliche Musik in Europa bis zur Gegenwart in Indien, Ghana und Südafrika reicht. Überraschend macht das zeitlich eigentlich extrem weitgespannte Thema durchaus Sinn: Friedensmusik war in den alten Kulturen bis weit in die Neuzeit immer auch eine Feier eines siegreichen oder friedensstiftenden Herrschers, was der Band an einem schönen Beispiel eines mecklenburgischen Herzogs, an den Anthems Händels nach diversen Friedensschlüssen und an Carl Reineckes nationalistisch übersteigerter Konzertouvertüre „Friedensfeier“ zum deutschen Sieg 1871 über Frankreich (in die „Seht den Sieger“ aus „Judas Maccabäus“ eingebaut ist) zeigt.
Friedensmusiken zeugten auch von der Sehnsucht der Menschen: So zielte der gregorianische Gesang auf den inneren Frieden, den „Seelenfrieden“. Nach Ende des 30-jährigen Krieges wurden vielerorts Dank- und Friedensfeiern abgehalten, in protestantischen Regionen auch solche zur Hundertjahrfeier des Augsburger Bekenntnisses. Zwei Beiträge widmen sich Beethovens „Missa Solemnis“ und „Friedenspsalmen“ des ganz und gar nicht unkriegerischen Arnold Schönberg.
Zur Gegenwart zeigt der Text über Ghana, wie sehr Musik und Tanz zum inneren Frieden eines Landes mit vielen Ethnien beitragen und wie versöhnend in Südafrika eine Kantate mit Texten aus der von Bischof Tutu geleiteten Wahrheits- und Versöhnungskommission („Rewind“ von Philip Miller) sein kann. Generell, so das Fazit des Herausgebers, sei die musikwissenschaftliche Friedensforschung gegenüber der viel populäreren Kriegsmusik noch nicht sehr umfangreich; dem versucht dieser durchweg sehr informative Band etwas abzuhelfen.
- Politische Instrumentalisierung von Musik der Vergangenheit im Deutschland des 20. Jahrhunderts am Beispiel Georg Friedrich Händels (Studien der Stiftung Händel-Haus, Bd. 6), hrsg. von Lars Klingberg/Juliane Riepe, Ortus Musikverlag, Beeskow 2021, 702 S., Abb., € 89,00, ISBN 978-3-937788-67-8
- Religiöse Friedensmusik von der Antike bis zur Gegenwart, hrsg. von Dominik Höink (Folkwank-Studien, Bd. 21), Olms, Hildesheim u.a. 2021, 345 S., € 78,00, ISBN: 978-3-487-15915-7