Christoph Drösser: Hast du Töne? Wa-rum wir alle musikalisch sind, Rowohlt Verlag, Reinbek 2009, 320 S., E 19,90, ISBN 978-3-498-01328-8
Musik als Balzritual. Was aber, wenn eine „kongenitale Amusie“ festgestellt wird, wenn beim Menschen die Wahrnehmung von Tönen aufgrund genetischer Ursachen gestört ist? Dann kein Balzritual? Oder was passiert, wenn musikalische Profis zu einer vorhandenen Begleitung eine neue Melodie erfinden sollen und ihnen nichts dazu einfällt? Dabei hätte unser Innenohr 3.500 Sinneszellen zur Verfügung, mehr noch: Im Hörzentrum unseres Gehirns wartet gleich ein Millionenheer von Neuronen auf die Verarbeitung akustischer Signale. Sie sind mit dafür verantwortlich, dass wir verschiedene Klangfarben unterscheiden können. „Überlegen Sie einmal, wie viele Menschen Sie an der Stimme erkennen.“
Aufforderungen wie diese nimmt der Leser gern entgegen. Denn was Christoph Drösser, Wissenschaftsredakteur der „Zeit“, mit uns treibt, ist musikalisches Hirn-Jogging. Er füttert uns mit Fakten, mit Zahlen, Studien und Untersuchungsergebnissen, dass einem schwarz werden könnte vor Augen. Doch Drösser kommt keineswegs schulmeisterlich daher. Er versteht es, seine Ergebnisse auf wunderbar dosierte und, mehr noch, auf äußerst anschauliche Weise zu vermitteln.
Worum geht’s? Drösser fragt im Titel seines Buches salopp: „Hast du Töne?“ und fügt gleich mit an: „Warum wir alle musikalisch sind.“ Von dieser These ausgehend, beleuchtet er unsere Wahrnehmungs- und Umgangsformen mit musikalischem Input. Dabei versucht Drösser erfolgreich, alle Klischee-Grenzen zwischen U- und E-Musik zu umgehen, denn die spielen für unser Hörverhalten nicht die geringste Rolle. Genauso wie es für ein absolutes Gehör keine Rolle spielt, ob eine Werbemelodie im Fernsehen oder eine Tenorarie live auf der Bühne erklingt. Drösser geht es ums Grundsätzliche: Er klärt, was „musikalisch sein“ überhaupt bedeutet; hinterfragt, was Musikunterricht mit uns anrichtet; untersucht den unabstellbaren Ohrwurm; äugt kritisch auf das Phänomen „Gedudel überall“.
Allein die muntere Art der Kapitel-Überschriften belegt den hohen Unterhaltungsfaktor, mit dem der Autor uns eine komplizierte Materie verständlich näher bringt: „Wie erzeugt Musik Gefühle?“, „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder“, „Zwischen Wohlklang und Missklang“. Das klingt alles sehr umfassend, und das ist es auch. Drösser gelingt es, der Universalität von Musik und Musikalität auf den Grund zu gehen. Das gelingt ihm so famos, weil er in verschiedene beteiligte Disziplinen ungezwungen seine Nase gesteckt und geschickt dazwischen Verbindungslinien gezogen hat. Da ist die Psychologie und, übergeordnet, die Medizin; da ist die Gehirnforschung, und über allem schwebt das breit-diffuse Feld der „Musikologie“. Drössers These ist eindeutig: Wir alle verlangen nach Musik, egal ob jung oder alt.
Denn Musik weckt unsere Sinne und sie hält sie rege, Musik ist mit Erinnerungen assoziiert und mit Emotionen. Wie arg das gesamte Thema in Deutschland noch unterrepräsentiert ist, verrät ein Blick ins Literaturverzeichnis, das fast ausschließlich englischsprachige Texte auflistet. Drösser ist es mit diesem Band gelungen, eine Lanze zu brechen für ein Thema, das uns alle angeht – auch wenn manche ihre Musikalität hartnäckig leugnen.
Und wem all das noch nicht genügt, der kann sich auf der Website zu diesem Buch das passende Klang-Material anhören. So kann man sich dort dem ultimativen Selbsttest unterziehen: Gibt es hörbare Unterschiede bei einer Chopin-Etüde, wenn sie einmal von Menschenhand, einmal von einem Computer gespielt wird? Die Antwort unter: http://www.hast-du-toene.com/de/hoeren.php.