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Wie kann man für klassische Musik begeistern?

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Joachim Kaisers anregende „kleine Klassik-Kunde“
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Wie kann man heute, „ im Trommelfeuer von Zerstreuung und Verblödung“, bei jungen Menschen Interesse an klassischer Musik wecken? Für Joachim Kaiser, den Doyen unter den deutschen Musikkritikern, ist die Antwort relativ einfach: durch Vorbild und Leidenschaft: „Man muss den jungen Leuten zeigen, wie schön die Musik ist. Das sind Aufgaben von Eltern und Musiklehrern. Vor allem muss der Vermittler selbst entflammt sein von der Materie und dafür sorgen, dass der Funke überspringt.“

Kaiser, 1928 in Ostpreußen geboren und seit 1951 Literatur-, Musik- und Theaterkritiker, hat unzählige Bücher, Rundfunk- und Fernsehsendungen zum Thema klassische Musik gemacht. Seine vielstündige Sendereihe im Bayerischen Rundfunk über Beethovens Klaviersonaten wurde selbst geradezu ein Klassiker. Auch jetzt, im höheren Alter, lässt er nicht los. Als langjähriger Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ hat er vor einigen Jahren deren Leser ermuntert, Fragen zur Musik zu stellen, die er dann in loser Folge in einem Video-Blog beantwortete. Jetzt hat er knapp sechzig seiner Antworten in einem kleinen Buch zusammengefasst und auf zwei CDs (hier mit etwa fünfzig Texten) wiedergegeben. 

Das Ergebnis ist, so möchte man es sagen, ein „typisch kaiser’scher“ Hör- und Lesegenuss, denn es geht ohne wirkliches Konzept, einfach den ganz unterschiedlichen Fragen folgend, „Querbeet“: von Komponisten zu einzelnen Werken, von Interpreten zur heutigen Aufführungspraxis, von persönlichen Vorlieben zum düsteren Urteil über das heutige Theater. Es ist ein imponierend großer Strauß von Gedanken – Gedanken, getragen von der Liebe zur Musik, formuliert aus immenser Kenntnis der Musikgeschichte sowie der heutigen Musik- und Theaterwelt und schließlich erfahrungsgesättigt im Urteil als jahrzehntelanger Musikkritiker. 

Man möchte unentwegt zitieren: Große Adagios seien nicht von den Romantikern, sondern vor allem von den Wiener Klassikern geschrieben worden, weil diese „kühle Konstrukteure“ gewesen seien; Schubert sei gar nicht auf die Idee gekommen, ein Klavierkonzert zu schreiben, da er ja – anders als Beethoven – nicht zur Wiener Hochkultur gehörte; Vladimir Horowitz habe sein Leben lang das Gleiche gespielt und dennoch keine Sekunde daran gedacht, „dass es immer dasselbe sei“; bei Wiederholungen dürfe keine mechanische Gleichförmigkeit aufkommen – „das zweite Mal darf nicht sein wie das erste Mal“; die heute so verbreitete Ablehnung des Vibratospiels erschwere in der Praxis „ungemein“, eine musikalische Phrase aus natürlichem Bedürfnis heraus zu entwickeln; bei den Dirigenten sei „noch immer“ keiner in Sicht, der so genial sei wie Herbert von Karajan; bei Richard Strauss schließlich falle auf, dass all seine sinfonischen Dichtungen um männliche Helden kreisen, während seine Opern den Frauen huldigen; und natürlich seien „Buhs“ in Oper und Konzert erlaubt – die Künstler müssten sich den unmittelbaren Reaktionen des Publikums aussetzen. 

Kaiser scheut nicht emotionale Bekenntnisse: Ja, er benutze gern das Wort „herzbewegend“, wenn eine Musik tatsächlich so sei. Es sind diese immer wiederkehrenden, sehr persönlichen Aussagen, die den Leser und Hörer unmittelbar ansprechen, ihn hineinziehen in das jeweilige Thema und zu einer überaus anregenden Auseinandersetzung mit eigenen Ansichten herausfordern. 

Etwas hilflos wirkt am Ende der Aufruf, den Musikunterricht in Deutschland ernster zu nehmen und in der Öffentlichkeit weiterhin das Gefühl zu pflegen, „dass die Musik eine wichtige Sache ist“. Wer wollte dem widersprechen, zumal nach der Lektüre dieses so geist- und materialreichen Kompendiums? 

 

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