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Alt muss nicht immer gut sein … kann es aber

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Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow
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Das 15. Studioalbum von Element of Crime: „Morgens um Vier“. +++ Herbert Grönemeyer veröffentlichte 1998 mit „Bleibt alles anders“ das beste deutschsprachige Album aller Zeiten. +++ In Künstlerjahren gerechnet dürften U2 ähnlich lange wie Herbert Grönemeyer unterwegs sein. Mit „Songs of Surrender“ wollen die Iren ihrem Karriere-Alter Tribut zollen. +++ Man erschrickt etwas, dass „Did you know that there’s a tunnel under Ocean Blvd“ bereits das neunte Studioalbum von Lana Del Rey sein soll. Wo ist nur die Zeit geblieben?

Das 15. Studioalbum von Element of Crime: „Morgens um Vier“. Es bleibt nicht viel festzustellen. Außer: Schlichtweg wieder großartig. Nach wie vor unfassbar, welche Leichtigkeit, ja fast Wurstigkeit die Songs umgarnt. Selbstverständlich darf man bei Element of Crime, ja, muss man das böse Wort Melancholie erwähnen. Denn genau das ist die Definition von Melancholie. Jederzeit hörbar. Immer einsetzbar. Lebenslagen unabhängig dosierbar. In glücklichen wie traurigen Momenten. Und wenn du denkst, es geht dir gerade gut, dann kommen Element of Crime daher und wischen dir einen Eröffnungssong wie „Unscharf mit Katze“ ins Gesicht. Und alles wird plötzlich in Frage gestellt. Exakt das und nicht weniger ist es, was wir bitteschön von jeder Art Musik erwarten sollten. Gebt uns Denkfutter. Lasst die Akkorde nicht einfach ausklingen. Gebt ihnen Ansatzpunkte, Verknüpfungen und Inhalte. Wie das geht? Bitte dringend Element of Crime hören. (Vertigo Berlin)

Herbert Grönemeyer veröffentlichte 1998 mit „Bleibt alles anders“ das beste deutschsprachige Album aller Zeiten. Musikalisch, textlich, produktionstechnisch wird nie wieder eine einzige Produktion dieses Gesamtniveau erreichen. Er hätte sich danach zur Ruhe setzen und als Livemusiker seinen wohlverdienten Ruhm genießen sollen. Hat er leider nicht getan. Und deswegen steht nun mit „Das ist los“ sein 16. Studioalbum zur Diskussion. Wobei es nicht viel zu diskutieren gibt. „Das ist los“ ist ein Popalbum. Hier und da mit elektronischen – vielleicht zeitgemäß gut gemeinten – Spielereien angereichert. Das Album schafft zu viele verwirrende Momente. „Angstfrei“ zum Beispiel. Das kommt mit Synthesizern aus dem Rocky-IV-Soundtrack daher, davor und dazu gibt es verstörende Scooter-Bausatz Elektrohiebe. Der Titelsong „Das ist los“ knüpft textlich wie musikalisch irgendwie und irgendwo an Billy Joels „We didn’t start the fire“ an. Schlagworte der jüngeren Weltereignisse werden aneinandergereiht. Warum nur? „Eleganz“ sucht musikalisch (die frühen ATARI-Spiele hatten ähnliche Tastentöne) die Verbrüderung mit Billie Eilish, nur in fröhlich statt fatalistisch. Was ist los mit Herbert Grönemeyer? Das ist die Frage, die nach dem Album bleibt. (Grönland)

 In Künstlerjahren gerechnet dürften U2 ähnlich lange wie Herbert Grönemeyer unterwegs sein. Mit „Songs of Surrender“ wollen die Iren ihrem Karriere-Alter Tribut zollen. Und haben 40 ihrer selbst erwählten besten Songs noch einmal mit der Güte der Altersmilde neu aufgenommen. Genie und Belanglosigkeit liegen auch bei absoluten Topstars recht nahe beieinander. Bei „Songs of Surrender“ fällt die Wahl recht leicht. Es gibt hier ausschließlich 40 substanzlose Versionen der ehemaligen Hymnen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, „Sunday Bloody Sunday“, „Beautiful Day“ oder „Until The End Of The World“ als Akustikversionen zu veröffentlichen? Im Prinzip wäre es spannender gewesen, drei Kids mit Gesang und zwei Gitarren an ein Lagerfeuer zu setzen und die Songs im Drei-Griffe-Modus durchnudeln zu lassen. Einfach unnötig. (Island Records)

Man erschrickt etwas, dass „Did you know that there’s a tunnel under Ocean Blvd“ bereits das neunte Studioalbum von Lana Del Rey sein soll. Wo ist nur die Zeit geblieben? Nun, das Album selbst gibt keine Antwort darauf. Dafür ist es ein weiteres, rätselhaftes, magisches, unberührbares Album, das Lana Del Rey erschaffen hat. Schon der Opener legt sich wie ein Gemälde auf die eigene Umgebung. Ein Gospelchor, erst versteckt und latent, dann großzügig gegen Ende wirkend, schafft die Grundlage für ein meisterhaftes „The Grants“. Man könnte hier aufhören, weiterzuhören. Doch der nun folgende Song öffnet ziemlich unverschämt alle Tränendrüsen. Jede Harmonie so elend traurig-schön, dass man schluchzen und nie mehr aufhören möchte. Auch die viele anderen Songs sind quasi Gedichte, Hollywood-Streifen in Hochglanz und vielleicht wäre es einmal ein interessanter Ansatz, wenn Quentin Tarantino dieses Album verfilmen wollte. Lana Del Rey kann Gefühle konstruieren. Das stellt man nur zu spät fest. Oder anders gesagt: Wenn ich schon untergehen muss, dann bitte ausschließlich und exklusiv mit einem Album von Lana Del Rey. (Interscope Records)

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