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Angriffslust und Lyrik

Untertitel
Eine Hommage an Grazyna Bacewicz von Zimerman & Co
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Grazyna Bacewicz: Piano Sonata 2/Piano Quintets 1 & 2; Krystian Zimerman, Klavier; Kaja Danczowska und Agata Szymczewska, Violine; Ryszard Groblewski, Viola; Rafal Kwiatkowski, Cello
Deutsche Grammophon 477 8332 GH

Komponierte Musik – da und dort immer noch als „Ernst“ bezeichnet – entfaltet sich bekanntlich im Spannungsfeld von Emotion und ästhetischem Diskurs, von introvertierter Innigkeit bis zu irrsinniger instrumentaler Innovation der höheren spieltechnischen Anforderung. Der denkerischen freilich nicht weniger. Das war von der frühen abendländischen Einstimmigkeit so bis ins Zeitalter des globalen Facettenwahnsinns. Das differenzierte sich aus im Gang der Zeiten und repräsentiert dergestalt immer ein klingendes Abbild des jeweiligen Bewusstseins. So gehört klingt die Musik der großen polnischen Komponis­tin, Geigerin und Pädagogin Grazyna Bacewicz (1909–1969) heute als Musik aus längst vergangenen Tagen, als sensibel und zart und sehnsuchtsvoll in – dem Alltag eher fern stehende – Wahrnehmungsbereiche hineinhörende und diese subtil aushorchende Feinziselierung.

Das ist höchste formale Meisterschaft, brillantes Handwerk. Das ist als wahrhaft wunderschöne Musik festgeschrieben, deren analytische Umsetzung und offene Wahrnehmung unser aller intellektuelles und seelenvolles (Er)Leben gravierend bereichert. Schon auch im Sinn der die Gesellschaften verändernden 68er-Visionen zwischen den Prellböcken des sogenannten Kalten Krieges. Grazyna Bacewicz hat Symphonien, Ballettmusiken,  Instrumentalkonzerte, andere Orchestermusik, vor allem aber Kammermusik geschrieben. Zwar nicht dezidiert politisch, aber mindestens aus dem Bewusstsein heraus, dass Erkenntnisprozesse immer subtilerer Sensibilisierung bedürfen. Um dergestalt über den Einzelnen hinaus ins Gesellschaftliche zu wirken.

Angesichts der aktuellen Weltlage hält sich der Glaube daran freilich in überschaubaren Grenzen. Was der Professionalität, der handwerklichen Brillanz, der formgebenden Intelligenz nichts nimmt. Denn die wirken. In die Souveränität eines Krystian Zimerman hinein, der auch weit jenseits seiner „Domäne Chopin“ wahrlich unvergleichlich agiert. Und der seine polnischen Mitstreiter zu fulminanter, feinfühlender und voll be- wie ergreifender Transparenzleistung der höheren Dimension animiert, ganz im Sinn der Musikerin Bacewicz: „In meiner Musik geschieht viel, sie ist angriffslustig und zugleich lyrisch.“

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