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Auf gestrichenen und angeschlagenen Saiten

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Sonaten und andere Werke für Violine und Klavier in neuen Einspielungen
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Die weitaus größte Zahl an Violinsonaten entstand offenbar in der spät- und nachromantischen Ära – jedenfalls legen dies einige der in den letzten beiden Jahren veröffentlichten, musikalisch und interpretatorisch ergiebigen Raritäten nahe, die den Anstoß zu diesem Beitrag gaben. Die Duosonate für ein Streich- beziehungsweise Blasinstrument und ein Tasteninstrument hat sich ursprünglich aus der barocken Triosonate entwickelt – unter Weglassung der mittleren Stimme. Lange Zeit genießt noch einer der beiden Beteiligten klaren Vorrang, sei es, wie bei Leclairs 1743 erschienenem „Quatrième livre de sonates“ die Geige, oder wie bei Onslows 1824/25 komponierten, frühromantischen Duos, das im Titel zuerst genannte Klavier.

Im 18. Jahrhundert konnte das gelegentlich so weit gehen, dass die Geige eine bloß rahmende und ausschmückende Option im Rahmen einer Klaviersonate darstellte. Die Einseitigkeit bei Leclair, die dank Simon Standages Wendigkeit niemals zu Eintönigkeit führt, erklärt sich aus Leclairs Stellung als einer der führenden Geigenvirtuosen der spätbarocken Ara (folgerichtig benutzt Standages Begleiter noch ein Cembalo). Der zumindest auf CD eine verdiente Renaissance erfahrende George Onslow (1784–1853) hat eine Fülle qualitativ hervorragender Streicher-Kammermusik hinterlassen; zwei seiner drei reifen Duosonaten geigt Sandrine Cantoreggi mit einem leicht angerauten, für die Entstehungszeit etwas zu vibratoreichen Ton.

Edward Elgars einzige erhaltene Violinsonate datiert von 1918, sie kann fast schon als Standardwerk gelten. Wer trotz des berückend schönen Tons der Britten-Wettbewerbsgewinnerin von 2004 Simone Lamsma glaubt, auf die leichtgewichtigen Miniaturen des jungen Elgar verzichten zu können, greife zur aufschlussreichen Kopplung mit Waltons gehaltvoller, 1949 für Yehudi Menuhin geschaffener Sonate, die ebenfalls günstig zu haben ist.

Naxos‘ Verdienste um die lang verkannte Musik des Briten Arnold Bax (1883–1953) können gar nicht überschätzt werden; neben der kompletten Klaviermusik hat sich Ashley Wass an der Seite von Laurence Jackson (Primarius des Maggini Quartets, das zuvor die Streichquartette einspielte) seiner Kompositionen für Violine und Klavier angenommen – sie füllen zwei CDs bis zum Rand. Die einzelnen Sätze zu drei gezählten sowie einigen unvollständigen Sonaten entstanden in Schüben – nach einem tastenden Versuch des Achtzehnjährigen in den Jahren 1910, 1915/16 und 1927/28. Eine Generation jünger als Elgar, ließ sich Bax von seinen Liebesaffären und dem französischen Impressionismus gleichermaßen inspirieren, und in den stilistisch durchaus unterschiedlichen Stücken vereinen sich jugendliche Frische der Erfindung und lässige Meisterschaft der Ausführung. Welch ein Gewinn fürs Repertoire!

Der Däne Carl Nielsen (1865–1931) wollte zunächst Geiger werden. Auf ein mozartisches Jugendwerk in G-Dur folgten 1895 und 1912, als er schon als Komponist anerkannt war, die zwei ,,offiziellen“, nun ganz eigenständigen Violinsonaten. Die spätere verdankt ihre Verbreitung dem ungarischen Geiger Emil Telmänyi, der sich, nachdem er die Tochter Nielsens geehelicht hatte, unter anderem auch für die Geigenstücke von Bax einsetzte.

Dass die bis 1890 verfasste Kammermusik von Ferruccio Busoni (1866–1924) keinen größeren Bekanntheitsgrad genießt, hat sich der Komponist selbst zuzuschreiben: Die 1898 geschriebene Violinsonate Nr. 2 op. 36a bezeichnete er selbst als sein ,,Opus 1“, mit dem er seine eigene Stimme gefunden zu haben glaubte. Trotzdem ist bereits die acht Jahre ältere erste Sonate eine rundum geglückte Schöpfung, wie Joseph Lins Interpretation klarstellt; die Bagatellen empfehlen sich als köstliche Zugabestückchen.

Der Belgier Joseph Jongen (1873–1953) ist der Traditionslinie Franck/Fauré verpflichtet, das heißt der Gefühlsausdruck – bei klarer Formbeherrschung – gilt nach wie vor als conditio sine qua non der Musik; die zwischenzeitlich bittere Süße des Geigentons in der Ausführung der 2. Sonate durch Mitglieder des Trios César Franck wird dem Ideal Jongens also absolut gerecht.

Nikolai Medtner (1880–1951) ist der neben Rachmaninoff und Prokofieff gerne übersehene dritte große russische Pianisten-Komponist der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch zur Geige hatte er durch seinen Bruder und seine Schwägerin (seine spätere Frau), die das Instrument professionell spielten, ein inniges Verhältnis. Von Medtners drei Violinsonaten dauern zwei jeweils eine Dreiviertelstunde. In dieser Zeit werden Gefühlswelten durchmessen, welche der russischen Seele alle Ehre machen. Ein Hoch auf die temperamentvolle Laurence Kayaleh, unter deren Fingern diese Brocken wie aus einem Guss wirken! Was wäre Rumänien ohne seinen musikalischen Leitstern George Enescu (1881–1955)? Umso merkwürdiger, dass es bis ins 21. Jahrhundert gedauert hat, bis seine Geigenmusik vollständig eingespielt wurde. Die dritte Sonate ,,dans le caractère populaire roumain“ hat schon Menuhin auf Vinyl gebannt, aber wer hat je die Vorstudie dazu, den 1911 aufgegebenen, rhapsodischen Torso einer Sonate in a-Moll vernommen?

Doch auch die meisterlich bis ins kleinste Detail ausgezirkelten ,,lmpressions d‘enfance“ würde man gern öfter hören, die früheren, in jeder Hinsicht vollendeten Sonaten sowieso. Die beiden vorzüglichen rumänischen Interpreten bürgen zusätzlich für ethnische Authentizität: Remus Azoitei. Den Namen dieses jungen Ausnahmegeigers wird sich jeder, der seinen Enescu gehört hat, einprägen wollen.

Karol Szymanowskis Violinkonzerte haben sich inzwischen ihren verdienten Platz im Repertoire erobert; die über seinen gesamten Schaffenszeitraum hinweg komponierten Duowerke fristen jedoch weiterhin ein Schattendasein. Die konventionell gearbeitete d-Moll-Sonate kann man noch als Jugendwerk abtun, die geheimnisvollen ,,Mythes – Trois Poèmes pour violon et piano“ und das reißerische ,,Notturno e Tarantella“ (beide von 1915) hingegen dürfen getrost zu den individuellsten Schöpfungen des Polen (1882–1937) gezählt werden, dessen Stärken vielleicht mehr im vokalen Bereich liegen.

Ewa Kupiec, ebenfalls Polin, hat eine Schwäche für ihre Landsmännin Gracyna Bacewicz (1909–69); nach den Klavierstücken hat sie sich nun (mit Piotr Plawner) die Duowerke vorgenommen, von denen im Verlauf zweier Jahrzehnte kein einheitlicher Stil, ja nicht einmal eine klare Entwicklung ablesbar wird; eine undogmatische Individualistin offenbar! Allemal genügend Kurzweil bieten die meist knappen Sätze, die intime Kenntnis der Geige verraten. Sie war immerhin Bacewiczs eigenes Instrument, für das sie auch sieben Konzerte schrieb. Über Jahrzehnte hinweg fungierte Pancho Vladigerov (1899–1978) als die zentrale Gestalt in Bulgariens Musikleben. Auf keiner seiner vier derzeit lieferbaren CDs darf die Bulgarische Rhapsodie op. 16 ,,Vardar“ fehlen – ob als Orchesterwerk, für zwei Klaviere oder eben in der 1922 entstandenen Originalfassung für Violine und Klavier. Doch wie etwa das ,,Poème érotique“ zeigt, gibt es nicht nur den Folkloristen und Nationalkomponisten Vladigerov zu entdecken, sondern auch den jungen Heißsporn ganz auf der Höhe der (damaligen) Zeit – das heißt, unter französischem Einfluss.

Um seiner Angst vor dem Tod Herr zu werden, schrieb Schostakowitsch die in jeder Hinsicht anspruchsvolle Violinsonate von 1968; mit Sonaten seines aus Polen geflüchteten Protégés Mieczyslaw Weinberg (1919–96), der die Schostakowitsch-Sonate mit David Oistrach uraufführte, haben Kolja Blacher und Jascha Nemtsov sie nun sinnigerweise gekoppelt. Während Chandos die Sinfonien vorlegt, kümmert man sich bei Hänssler also weiter um Weinbergs Kammermusik. Die nun erstmals vorgelegten, in einem neusachlichen Stil gehaltenen Violinsonaten 3 und 4 entstanden beide 1947 und integrieren jüdische Melodien. Die geigerische Tour de force, die das Perpetuum mobile der vierten darstellt, bewältigt Blacher mit Bravour. 

Diskographie

(der Name des Geigers/der Geigerin ist immer zuerst genannt)

Jean-Marie Leclair: 4 Sonaten aus op. 9. Simon Standage, Nicholas Parle. Chaconne/Codaex, CHAN 0726

George Onslow: Duos für Klavier und Violine opp. 29 & 31. Sandrine Cantoreggi, Laurent Martin, Ligia KC Lidi 0103178-07

Edward Elgar: Violinsonate e-MoII, 11 kurze Stücke. Simone Lamsma, Yurie Miura, Naxos 8.557984

Edward Elgar, William Walton: \/iolinsonaten. Lorraine McAslan, John Blakely, Resonance/Codaex CD RSN 3060

Arnold Bax: Violin Sonatas Nos. 1 and 3; Violin Sonata No. 2. Laurence Jackson, Ashley Wass, Naxos 8.557540 und 8.570094

Carl Nielsen: Violinsonaten 1 & 2 (+Werke für Violine solo). Jon Giesme, Jens Elvekiaer, Dacapo/Naxos 8.226065

Ferruccio Busoni: Violinsonaten 1 & 2, 4 Bagatellen. Joseph Lin, Benjamin Loeb, Naxos 8.557848

Joseph Jongen: Violinsonate Nr. 2, Serenata (+Kammermusik). Véronique Bogaerts, Jean-Claude van den Eyden, Cypres/Note 1 CYP1647

Nikolai Medtner: Violinsonate No. 3, 3 Nocturnes; Violinsonaten No. 1 & 2, Zwei Ganzonen mit Tänzen. Laurence Kayaleh, Paul Stewart. Naxos 8.570298 und 8.570299

George Enescu: Sämtliche Werke für Violine und Klavier, Vol. 1 – Sonate No. 2, „Torso“-Sonate, lmpressions d‘enfance; Vol. 2 – Sonaten 1 & 3, Einzelstücke. Remus Azoitei, Eduard Stan, Hänssler/Naxos CDs 98.239 und 98.240

Karol Szymanowski: Violinsonate, Mythes, Romance, Berceuse, Notturno e Tarantella. Miriam Kramer, Nicholas Durcan, Naxos 8.557748

Grazyna Bacewicz: 5 Sonaten und andere Werke für Violine und Klavier. Piotr Plawner, Ewa Kupiec, Hänssler/Naxos 93.117(2 CDs)

Pancho Vladigerov: Vardar, Ratschenitza, Deux lmprovisations, Deux Morceaux (+Klaviertrio). Édua Amarilla Zadory, Katalin & Endre Hegedüs, Hungaroton/KC HCD 32301

Mieczyslaw Weinberg: Sonaten Nr. 3 & 4; Dmitri Schostakowitsch: Sonate op. 134. Kolja Blacher, Jascha Nemtsov, Hänssler/Naxos 93.190

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