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Dem Schmerz Ausdruck verleihen

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Zum 20. Todestag Mieczysław Weinbergs – ein Überblick neuer Einspielungen
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In letzter Zeit häufen sich CD-Premieren, Zweit- und sogar Dritteinspielungen von Weinbergs Musik auffällig, und zwar keineswegs bloß, weil der 100. Geburtstag im Jahr 2019 allmählich in greifbare Nähe rückt, sondern schlicht, weil sich Qualität am Ende immer durchsetzt, wie der große Günter Wand einmal äußerte. Dabei haben es Weinbergs Interpreten keineswegs leicht; zum einen ist er verteufelt schwer zu singen (daraus machte Michelle Breedt, die KZ-Aufseherin Lisa in der Bregenzer Inszenierung der „Passagierin“, keinen Hehl), zum anderen besitzt das Werk ungewöhnlich großen Umfang: Besagte „Passagierin“ (1967/68) war Weinbergs zu Lebzeiten nicht aufgeführte Erstlingsoper (er betrachtete sie als sein Hauptwerk), die siebte und letzte entstand 1985 nach Dostojewskis „Der Idiot“ und kam kürzlich als zweite Einspielung eines Weinberg’schen Bühnenwerks überhaupt bei Pan heraus. Dabei war das Vokale nicht einmal sein wichtigstes Anliegen: Das Werkverzeichnis umfasst 154 Titel mit Opuszahlen und Dutzende anderer ohne.

An dessen Anfang steht viel Klavier- und Kammermusik, darunter sechs Klaviersonaten, die qualitativ leider nicht an die Gattungsbeiträge Prokofieffs heranreichen, dafür stark an Weinbergs Mentor Schostakowitsch und dessen 2. Sonate sowie die Präludien und Fugen anknüpfen: Hier trifft das lange kolportierte Klischeebild Weinbergs als wenig eigenständiger Schostakowitsch-Adept einmal zu. Die Musik gibt sich stachelig und widerborstig, nur die auf Vol. 3 der Gesamteinspielung zusammengefassten „Children’s Notebooks“ und „Easy Pieces“ geben sich eingängiger. Geradezu kantabel gerieten ihm die Violinsonaten; Weinberg konnte also leicht und melodiös, ja tänzerisch beschwingt bis grotesk komponieren, wenn er es wollte oder musste – wie in den ungezählten Filmpartituren, die lange seine wichtigste Einkommensquelle darstellten, oder in der „Choreographischen Symphonie“ op. 113, die auf ein nicht aufgeführtes Ballett zurückgeht. Doch meistens wollte Weinberg nicht, denn er sah es als seine Lebensaufgabe an, dem Schmerz, den er durch den Verlust seiner ganzen Familie im Warschauer Ghetto erlitten hatte, Ausdruck zu verleihen, und den Gewissensbissen, die ihn als überlebenden polnischen Juden plagten, mit harter Arbeit zu begegnen, durch die er den Ermordeten eine Stimme gab.

Das Moskauer Exil, das ihm nur vermeintliche Sicherheit bot (beinahe wäre er einer antisemitischen Säuberungsaktion Stalins zum Opfer gefallen), wurde ihm keine zweite Heimat; er blieb im Lande seiner Zuflucht trotz zahlreicher Freunde und Bewunderer zeitlebens ein Fremder. Kein Wunder, dass das Spielerische nicht sein Metier war; dabei lag ihm das Musikantische durchaus nicht fern: Er schuf außer einer schwer zu überschauenden Zahl an Solo- und Duosonaten (insbesondere für die geliebten Streicher) eine Reihe von Konzerten, aber überraschenderweise keins für sein ureigenstes Ins-trument, das Klavier, von dessen virtuoser Beherrschung eine fulminante Aufnahme des Quintetts op. 18 mit dem Borodin-Quartett Zeugnis ablegt. Besonders hervorzuheben aus diesem reichen Fundus wäre das Cellokonzert c-Moll op. 43 für Rostropowitsch und das (kürzlich in der nmz vorgestellte) Violinkonzert g-Moll op. 67 für Kogan, die in historischen Mitschnitten mit den Widmungsträgern nun erneut vorliegen. Die Symphonie Nr. 10 für das legendäre Kammerorchester von Rudolf Barshai bildet einen Vorläufer der vier späten, jedoch teils auf frühen Streichquartetten beruhenden Kammersymphonien, die Weinberg nur deswegen so taufte, weil ihm unwohl dabei war, derart viele (lies: deutlich mehr als Schostakowitsch) nummerierte Symphonien zu veröffentlichen. Am Schluss waren es 22, deren letzte er nicht mehr selbst instrumentieren konnte – eine Aufgabe, die zehn Jahre später Kirill Urmansky untadelig ausführte. Tiefgreifenden Umwälzungen war Weinbergs zunächst dissonant-polyphoner, später zunehmend versöhnlicher, neotonaler Personalstil nicht unterworfen – Hörer, deren Eindrücke allein auf den „ernsten“ Werkgattungen Symphonie und Streichquartett beruhen, könnten ihm einen gewissen Hang zur Monochromie vorwerfen.

Auch in der Zahl hinterlassener Quartette (17) übertraf Weinberg übrigens seinen ähnlich introvertiert-grüblerisch veranlagten Freund Schostakowitsch – leider fand sich nach dem Quatuor Danel bislang keine zweite Formation, die sich eingehender mit ihnen befasst hätte. Außerdem liegen trotz der langfristigen Initiativen auf Chandos, Naxos und Toccata immer noch nicht alle Symphonien vor, schon gar nicht aus einer Hand. Es bleibt also noch einiges zu tun bis zur Zentenarfeier in drei Jahren!

Verwendete Tonträger (außer den beiden SACDs alle im Vertrieb von Naxos):

  • Die Passagierin. Michelle Breedt, Roberto Saccà, Elena Kelessidi u.v.a., Wiener Symphoniker, Teodor Currentzis. Arthaus Musik 109079 (2 DVDs)
  • Sämtliche Klavierwerke. Allison Brewster Franzetti. Grand Piano GP698-701 (4 CDs)
  • Sonaten für Violine und Klavier Nr. 4 & 5, Sonatine. Maria Sławek, Piotr Rózanski. Accord ACD 217-2
  • Klavierquintett, Streichquartett Nr. 8. Moisey (sic!) Weinberg, Borodin-Quartett. Melodiya MELCD 10 01998
  • Klavierquintett, Streichquartette Nr. 10 & 13. Nikita Mindoyants, Zemlinsky-Quartett. SACD Praga Digitals PRD/DSD 250 296 (Harmonia Mundi)
  • Konzerte für Cello, Violine und Flöte. Mstislav Rostropowitsch, Leonid Kogan, Alexander Korneyev, versch. Orch. & Dir. Melodiya MELCD 10 02315
  • Symphonien Nr. 5 & 10. Moskauer Philharmoniker, Kirill Kondrashin; Moskauer Kammerorchester, Rudolf Barshai. Melodiya MELCD 10 02281
  • Kammersymphonien Nr. 3 & 4. Helsingborg SO, Thord Svedlund. SACD Chandos CHSA 5146 (Note 1)
  • Symphonie Nr. 22, 6 Ballettszenen – Choreographische Symphonie. Sibirisches SO, Dmitry Vasilyev. Toccata Classics TOCC 0313

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