Hysterisch könnte man werden: Opel, Karstadt, Merz, die Bahn sowieso, Sebastian Deisler und in Florida stand das Ergebnis der US- Wahl bereits Ende Oktober fest. Durchhalten sei da empfohlen, auf keinen Fall aggressiv werden und kompensieren.
Warum nicht mit John Denver? Die Song-Sammlung „A Song’s Best Friend – The Very Best Of“ der Songwriter-Legende (über 60 Millionen Alben weltweit, 1997 bei einem Flugzeugabsturz verstorben) stellt sich vorweihnachtlich mit Denvers größten Hits in aufpoliertem Sound vor. In die gleiche Kerbe schlägt der ex-King of Pop Michael Jackson. Weil die Knete rar wird und aus „Neverland“ Everland wurde, gibt es ab sofort die sagenhafte CD Box „The Ultimate Collection“ mit über sechs Stunden Spieldauer, einer Zusatz DVD (Live in Bukarest), dazu ein 64-seitiges Booklet in edler Ledergestaltung und Millionen Features von Fotos über Demoaufnahmen bis Discographie und unveröffentlichten Songs und Versionen. Nicht nur ein Opfer in die Kollekte, ja, auch ein moralischer Solidaritätskauf. Der nächste Superstar wäre dann Neil Young, der sich herabließ seine „Best of“ – Pinakothek zu kreieren. Eine Bilanz sicher nicht, eher ein „Post-it“-Album, denn es ist zu befürchten, dass Neil Young noch lange weiter macht. Auch John Mellencamp lässt sich nicht lumpen und schiebt seine „Greatest Hits“ unter den Rezessions-Weihnachtsbaum. Immerhin mit zwei neuen Songs, aber schön ehrlich ist Mellencamps Songarsenal unweigerlich. Einer der letzten Popsongwriter mit amerikanischer Würde. Selbst die vermeintlich modernen Stilrichtungen entziehen sich dem „best of“-Wahn nicht. Bei Depeche Mode darf es „Remixes 81>04“ sein, eine Doppel CD, in der sie die Jahre 1981-2004 „neu schüttelnd“ resümieren. Klingt übrigens wirklich mehr im Präsens. Schon noch ein Star, wenngleich nicht so plakativ, ist Andy Summers, der ehemalige Gitarrist der Sting-Fußabtreter Band „The Police“. „X-Files“ nennt er sein Kollektiv aus fünf Soloalben und diversen Kollaborationen. Mit dabei sind unter anderem Sting, Debbie Harry und Rapper „Q-Tip“, der eben die aktuelle Platte von R.E.M. mit feinen Raps auf Hochglanz gewienert hatte. Zuletzt auf der Baustelle des alten Songmaterials: die alternativen Rocker aus UK: Placebo. Unbedarft pfeffern sie ihre Singles der Jahre 1996 – 2004 auf eine CD, holen einen neuen Song aus der Schublade und vollendet zeigt sich der Panorama-Blick „Once More With Feeling“ über die subkulturellste aller Gitarrenbands.
Zwischendrin hängt eine Wieder- Veröffentlichung aller 14 CAN-Alben im Namen des bestmöglichen Sounds, der den Experimentalisten um Holger Czukay im SACD-Format so nahe kommen möchte, wie man das von Vinylscheiben kennt. Begonnen hat der Reigen mit den Alben „Monster Movie, Soundtracks, Tago Mago, Ege Bamyasi“. Restauration gelungen.
Nun zu Ungehörtem, möchte man sich betörend einreden. Die kanadische Band „Four Square“ hat es kapiert. Keine Allüren, nur Rocksongs zählen. Deshalb haben sie auf „Industry At Home“ zwölf unklobige Nummern verfasst, die unglaubliche Stärken in Gesang und Gitarre vereinen. Blühende Rockmusik im Stil erwachsener Musiker. Mehrköpfig und geschlechtlich verteilt sind seit jeher „The Polyphonic Spree“, der Massenchor um den amerikanischen „Gotthilf Fischer“ Tim Delaughter. 23 Bandmitglieder singen diesmal als wären sie Engel und wäre darunter nicht Popmusik mit kalorienarmen Melodien bis zu zehn Minuten Dauer, würde man sich in einen Weihrauchtempel entführt glauben. „Atömström“ nennt sich ein genialer Sampler mit Artisten der schwedischen Indiepop-Szene, der am 22. November erscheint. Rebellisch und zeremoniell zeigen „Caesars, The Hives oder Broder Daniel“ wie unarrogante Songs sein dürfen. Geschmaust und Seelen massierend erfreut Lemongrass durch „Fleur Solaire“, ein Chillout/Downbeat-Werk des Sound-Modellierers Roland Voss. Eine Wiese voller Sonnenblumen im schwerelosen Zustand möchte man da sein. John Frusciante hängt sich da mit „Inside of Emptiness“, seiner vierte Soloplatte 2004, inhaltlich dran. Soundmäßig wechselt er zwischen brüsk und samtig, bleibt seiner 70er geprägten Songwriter Linie aber treu. Ein realistisches Werk. David Judson Clemmons war einst bei „The Fullbliss“, zwei Jahre hat er am Soloalbum gedreht, „Life in the Kingdom of Agreement“ kam nun heraus. Eine elegische Songpyramide, gesteinmetzt als Songwriter mit Band. DJC vereint Ionen von Elliott Smith, Frusciante und David Poe zu einem beklemmenden Kosmos. Anhören, weinen und Rotz wischen. Zarte Frauenstimmen verlieren nie an Magie. Deshalb haben Klee mit „Jelängerjelieber“ nach dem ersten Song gewonnen, denn Suzie Kerstgens sticht uns mit ihrem Butter weichen und rührenden Gesang mitten ins Harm gegerbte Herz. Unpelziger Deutschpop ohne Trittbrettfahrer-Gefahr. Crash Tokio (mit Bandmitgliedern von Viriginia Jetzt! oder Miles) kommt uns britisch in die Quere. Eine AquaplaningFahrt vollführen sie auf „We are plastic“, sind dabei wunderbar hymnisch poppig und bleiben hängen weil im Understatement verhaftet. Nach einem Zitat aus Hesses Steppenwolf nennt sich DAAU. Ein Orchester übrigens. Klassik mit Rockintention, Streichquartett mit Jazzfolklore. Rock war nie „Klassiker“ als auf DAAU’s „Tub Gurnard Goodness“. Ein Stilbruch nun, denn Ciara avanciert zu einer der „Top Fünf“ R&B Königinnen. Spartanisch die Arrangements, gazellig der Gesang und „Goodies“ kennt man wohl jetzt zur Genüge. Ein Album mit redundanten Whitney Houston artigen Songs.
Diskografie
• John Denver: A Song’s Best Friend – The Very Best Of (BMG)
• Michael Jackson: The Ultimate Collection (Sony)
• Neil Young: Greatest Hits (Warner)
• John Mellencamp: Greatest Hits (Universal)
• Depeche Mode: Remixes 81>04
• Andy Summers: The X-Files (CNR Records)
• Placebo: Once More With Feeling (Virgin)
• CAN: Monster Movie, Soundtracks, Tago Mago, Ege Bamyasi (Spoon Records)
• Four Square: Industry At Home (Bad Taste Records)
• The Polyphonic Spree: Together We’re happy (Good Records)
• V.A.: Atömström (Panatomic)
• Lemongrass: Fleure Soleil (Mole)
• John Frusciante: Inside of Emptiness (Warner)
• David Judson Clemmons: Life in the Kingdom of Agreement (Village Slut Records)
• Klee: Jelängerjelieber (V2)
• Crash Tokio: We are plastic (Tapete Records)
• DAAU: Tub Gurnard Goodness (PIAS)
• Ciara: Goodies (BMG)