Ohne zu übertreiben, wird man Eduard Steuermann (1892–1964) als Arnold Schönbergs „Hauspianisten“ bezeichnen können. Schon in jungen Jahren ein technisch versierter und interpretatorisch geschulter, mithin fertiger Musiker, wirkte Steuermann bereits 1912 bei einer Aufführung der achthändigen Bearbeitung der „Orchesterstücke op. 16“ mit, um dann nur wenige Monate später, am 16. Oktober 1912, den Klavierpart bei der ersten Aufführung des „Pierrot lunaire op. 21“ zu übernehmen.
Wie sehr er von Schönberg geschätzt wurde, lässt sich auch daran ablesen, dass Steuermann im „Verein für musikalische Privataufführungen“ nicht nur als Pianist, sondern auch als „Vortragsmeister“ wirkte. Wie ein Höhepunkt dieser künstlerisch-interpretatorischen Beziehung wirkt noch heute die Übernahme des Soloparts bei der Uraufführung von Schönbergs „Klavierkonzert op. 42“, die 1944 in den USA landesweit im Rundfunk übertragen wurde. Als wohl bedeutendstes Dokument aber blieb die im Januar 1957 für das Label Columbia produzierte Einspielung sämtlicher mit einer Opuszahl versehenen Klavierstücke erhalten, die Theodor W. Adorno kurz nach Steuermanns Tod gar als „authentisch kodifiziert“ bezeichnete – und dabei den Interpreten gar über das Werk stellte: „Seine Imagination schoss in der Moderne zuweilen genialisch über das Komponierte hinaus; Schönberg bemängelte einmal, dass er den Walzer aus op. 23 nicht so spiele, dass der Himmel voller Geigen hängt, aber Steuermann hatte recht, als er jenen Geigen nicht vertraute, sondern dem Dunkeln sich überließ, das in jenen Klängen überdauert, auch wo die Zwölftontechnik sie zu Materialien bändigt.“
Und tatsächlich hat selbst heute, 53 Jahre später, die Aufnahme nichts von ihrer inneren Kraft und äußeren Faszination verloren. Versteht man sie als Ausdruck einer ungebrochenen Aufführungs- und Interpretationstradition der Zweiten Wiener Schule, so öffnet sich eine historische Tiefendimension, der noch weiter nachzuspüren wäre. Gleichwohl haftet der Einspielung aber auch die eigene Geschichtlichkeit an – sie wirkt mit heutigen, an interpretatorischen Alternativen geschulten Ohren vor allen Dingen zeitgenössisch. Denn die unterkühlte Spannung zwischen den Tönen ist mittlerweile einer Sichtweise gewichen, die auch den mehr äußerlich gefühlten Ausdruckscharakter stärker in sich aufnimmt und Schönbergs Klavierstücke nicht länger mehr ihrer eigenen Voraussetzungen beraubt.
Dass die Werke für Steuermann selbst wegweisend waren (er hatte ursprünglich auch deren Edition im Rahmen der Gesamtausgabe übernommen), ist der eigenen fünfsätzigen „Suite“ (1949/51) anzumerken, auch wenn sie – anders als bei Schönbergs op. 23 – eine Folge von Charakterstücken darstellt. Mit ihr bietet die vorliegende Einspielung durch Thomas Hell zwar konzeptionell eine willkommene Ergänzung, doch handelt es sich bei weitem nicht um eines der Hauptwerke aus dem ohnehin schmalen Œuvre. Dass Steuermann überhaupt schöpferisch tätig war, mag manch einen überraschen. Schon zu Lebzeiten hatte seine Bedeutung als Pianist den eigenen Anspruch des Komponisten nach außen überstrahlt – obwohl er selbst betonte: „Composition is not a hobby of mine, but the most serious thing in my artistic personality.“ Warum daher auf dieser Doppel-CD statt weiterer eigener Kompositionen (etwa der „Sonate“ von 1925/26) ausgerechnet Bearbeitungen für mehrere Klaviere nach Werken von Poulenc, Schubert und Strauss (entstanden in den 1940er-Jahren) ausgewählt wurden, lässt sich nicht recht nachvollziehen – schmälert aber die Bedeutung der Veröffentlichung insgesamt nur unbedeutend. Eine klingende Rehabilitation Steuermanns als Komponist steht demnach noch bevor. Erinnert sei daher an Schönbergs bemerkenswerten Tagebuch-Eintrag vom Januar 1912: „Am 27. war Steuermann bei mir. Mir seine Kompositionen vorgespielt. Sehr talentvoll!“
Hommage à Steuermann. His historic recording of Schoenberg‘s piano music. Works and arrangements by Eduard Steuermann. TACET 186 (2 CDs)