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Ein Jahrhundert der Klavierinterpretation

Untertitel
14 große Pianisten auf 20 CDs, Aufnahmen ausgewählt und kommentiert von Joachim Kaiser
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Musik kann so einfach sein. Ein Jahrhundert sammelt und hortet seine Schätze, der Liebhaber mit seinem nie absterbenden Wunsch nach Überblick (denn er weiß, dass er ihn allenfalls lückenhaft hat, und das gräbt in ihm wie der ewige Wunsch nach dem All-Wissen) nimmt dankbar Leitlinien dafür auf.

Ob es nun 50 wichtige Romane des 20. Jahrhunderts oder eben 14 Pianisten sind, die ebenfalls prägend auf das Jahrhundert wirkten, es bleibt sich gleich. Unser enzyklopädisches Verlangen wird zumindest vorübergehend gestillt. Dumm der Verlag, der Herausgeber, der da nicht zugreift. Und Musik ist ohnehin eine herrliche Sache! Eines vorweg: Wer seinen Schallplattenschrank durchforstet und dabei feststellt, dass er, sagen wir, 75 Prozent der im oder vom Klavier Kaiser veröffentlichten Aufnahmen nicht hat, für den ist die Anschaffung der Kassette (für 99 Euro) ein Gewinn. Denn die Musik und ihre Interpretation sind verbürgt großartig. Einen Irrtum kann es da gar nicht geben, Schlagseiten und schmerzliche Lücken (subjektiv empfundene aber auch objektive) wird jeder akzeptieren, da man mit dem Erwerb die Beschränktheit des Umfangs in Kauf nimmt.

Wie viele könnten so eine Box herausgeben, ebenso stimmig, ebenso einen Überblick verschaffend? Die Kunst liegt weniger im Finden als im Weglassen. Vermutlich recht viele würden das bewerkstelligen. Und dennoch würde die Auswahl nicht in gleichem Maße gesellschaftlich akzeptiert. Hier nämlich tritt eines hinzu, ein gleichsam auratischer Aspekt. Joachim Kaiser hat sich diese Aura erworben: im Grunde dadurch, dass er ein halbes Jahrhundert lang Pianisten belauschte, sie kritisierte, ihren Lebensweg verfolgte. Und er verstand es, einen eigenen Ton der Musikbetrachtung zu etablieren.

Es ist etwas Changierendes an dieser Kassette. Fast jeder sieht sie so, als würde eine Topliste der großen Klavierinterpreten des vergangenen Jahrhunderts aufgestellt. Dieser Anschein wird nirgendwo geleugnet, der Slogan „Kultaufnahmen großer Klaviermusik – reich ist, wer sie besitzt“ unterstreicht dies. Dennoch hält man sich geschickt im neutraleren Umfeld und schreibt einfach „14 große Pianisten auf 20 CDs. Die schönsten Aufnahmen ausgewählt und kommentiert von Joachim Kaiser.“ Vielleicht gibt es einmal eine zweite Box mit 14 weiteren großen Pianisten (fast aus dem Stegreif könnte man von Rachmaninow über Backhaus, Erdmann, Judina, Gilels, Richter, Ney bis hin zu Biret, Pogorelich, Kissin, Schiff, Kocsis, Aimard oder Mustonen eine zweite Reihe in Gang setzen, und eine dritte stellt sich fast parallel ein), aber sie könnte die Aura der Ersterwählten nicht erreichen, ja würde diese sogar gefährden. Hier sind es Rubinstein, Fischer, Argerich, Schnabel, Pollini, Kempff, Horowitz, Barenboim, Michelangeli, Brendel, Lipatti, Arrau, Solomon und Gould (und nur die Nennung von Barenboim als allererste Wahl könnte freundschaftliche Befangenheit andeuten). Und Kaiser gibt ihnen gewissermaßen Prädikate mit, die ihre Einordnung im Stauraum unseres Gehirns erleichtern. Rubinstein ist der „Orpheus des Klaviers“, Fischer besitzt „Gewaltige Elementarkraft“, Argerich ist die „Temperamentvolle Göttin“, Schnabel zeichnet sich aus durch „Tiefgründige Spiritualität“, Pollini durch „Wahrhaftige Einfühlung“, Kempff ist „Der poetische Meister“, Horowitz der „Jahrhundert-Virtuose“, Solomon, wir überspringen einige Pianisten, besitzt „Die Kraft des Überprivaten“ und Gould ist „Der geniale Exzentriker“.

Stimmt das? Natürlich nicht! Interpretatorische Weiten, die differenzierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Welten der Klaviermusik meinen ein Universum an Charakterzügen und zum Beispiel Gould könnte ebenso als Konzentriker wie als Exzentriker beschrieben werden. Aber Kaiser trifft natürlich immer einen Punkt der betreffenden Persönlichkeit ganz genau. Es ist vielleicht der Punkt, der ihm in jedem Falle besonders am Herzen liegt. Und noch etwas liegt ihm am Herzen: die Klaviermusik des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts. Überschreitungen sind rar, extremer Pol ist Pollinis phantastische Interpretation von Schönbergs Klavierkonzert, aber hier endet schon die Palette. Für Kaiser scheint hier die große Klaviermusik, im Grunde die große Musik, an ein Ende gekommen. Das ist schade. Was ist mit der Klaviermusik von Ives, Janácek, Bartók, Berg, Webern, Strawinsky, Boulez, Stockhausen, Nono, Rihm oder Lutoslawski? Eines ist klar: Sie wäre gewiss schwerer zu vermitteln und das erlaubt die Strategie dieser Kassette nicht. Denn sie zielt natürlich auf hohe Verkaufszahlen. Und noch eines: Diese Musik hätte wohl kaum die enthusiastische Fürsprache Joachim Kaisers erfahren, die den Stücken der Box zuteil wird. Denn dies sind Einspielungen, die Kaiser mit auf die Insel nehmen würde. Und das Wort „göttlich“, gepaart mit Tiefe, Erschütterung und anderen wird immer wieder herangezogen, wenn er über die Interpretationen spricht. Kaiser versteht es dabei immer, den Kern der pianistischen Ansätze zu benennen und auf besonders eindringliche Stellen zu verweisen.

Das ist anschaulich, nicht zu komplex und somit für jeden, der im emphatischen Sinne zuhört, verständlich. Kaiser nimmt viele an die Hand und vermittelt schlagend seine Begeisterung, ohne nur an der Oberfläche zu bleiben. Und er hat viel versammelt, was prägend die Geschichte des über Einspielungen zugänglichen Klavierspiels beeinflusste. Es ist ein Punkt, von dem aus weiterzudenken wäre: mit anderen Blickwinkeln, mit Mut zum Neuen. Dieser Punkt, in dem sich Kaisers weiter Erfahrungshorizont versammelt, wurde benannt.

Klavier Kaiser. 14 große Pianisten auf 20 Cds (Artur Rubinstein, Edwin Fischer, Martha Argerich, Artur Schnabel, Maurizio Pollini, Wilhelm Kempff, Vladimir Horowitz, Daniel Barenboim, Arturo Benedetti Michelangeli, Alfred Brendel, Dinu Lipatti, Claudio Arrau, Solomon, Glenn Gould)
Verlag Süddeutsche Zeitung

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