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Fatal bis genial

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Der Workshop CD-Kritiken
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Die Teilnehmer des Karlsruher Workshops (siehe Seiten 42 und 43) brachten den Entwurf einer CD-Rezension mit, den sie nach der ersten Sitzung, bei der die allgemeinen Grundlagen musikkritischer Arbeit besprochen wurden, definitiv ausarbeiten und am nächsten Tag zur Diskussion vorlegen sollten. Unverbindliche Vorgabe war die bei Wergo neu erschienene Porträt-CD von Markus Hechtle. Die meisten der 26 aktiven Workshopteilnehmer entschieden sich dafür, nur fünf Rezensionen bezogen sich auf einen anderen Komponisten. Dass gleich zwei davon hier veröffentlicht sind, ist nicht nur den besonders gelungenen Texten, sondern auch dem Neuigkeitswert des Gegenstands zu verdanken: Rued Langgaard und John Tavener sind Komponisten, die in deutschen Feuilletons praktisch nicht vorkommen. Der Workshop verlief in einer sehr angeregten Atmosphäre, Wissensdurst und Diskussionsbereitschaft der Mitwirkenden waren ungeteilt hoch. Auf die Qualität der Texte traf das nur bedingt zu. Vielen fehlte der nötige Begriffsapparat, manche hatten Probleme mit der deutschen Sprache. Auffällig war eine mangelnde Selbständigkeit im Denken. Die Rezensionen wimmelten von Formulierungen und Argumentationen aus dem CD-Booklet. Bei feuilletonistischen Denkfiguren, die schon im Original arbiträr wirken, sind solche Übernahmen besonders fatal, weil sie – abgesehen von der Nullinformation – sich zu Floskeln verdichten, die die Rezeption verstellen. Die Abschlussdiskussion hat in diesem Punkt vermutlich klärend gewirkt, nicht zuletzt dank der Anwesenheit von Markus Hechtle. Er machte klar, dass die Kritik dem Komponisten einen Bärendienst erweist, wenn sie die über ihn einmal in die Welt gesetzten Meinungen einfach reproduziert. Dass aber auch unter den notorisch beengenden Verhältnissen der Musikkritik – vorgegeben waren 1.800 Anschläge – Texte entstehen können, die einen frischen und unverstellten Zugang zur Musik ermöglichen, lässt sich an den besten Arbeiten dieses Workshops ablesen.


Höhenflüge jenseits der Avantgarde

John Tavener: Werke für Violoncello. Raphael Wallfisch, Royal Philharmonic Orchestra, Ltg. Justin Brown. In der Reihe „Quadromania. Music of the 20th Century”, Membran 222190-444.

Wie sich ein junger Vogel in die Lüfte schwingt, an Höhe gewinnt und dahingleitet, gespannt und zugleich berauscht über sein eigenes Fliegenkönnen, so tastet sich das Cello in John Taveners „Protecting veil“ mit verhaltener Spannung in die hohen Lagen. Und die Interpretation des Cellovirtuosen Raphael Wallfisch, begleitet durch das Royal Philharmonic Orchestra, verdeutlicht: Da ist ein Raum, der sich weit über alle Resonanzräume erhebt, offen ist und doch Geborgenheit bietet.

Was die drei Stücke von John Tavener auf der ersten CD aus der Porträtsammlung avantgardistischer Werke vereint, ist das durchgehend weiche Timbre und das Fehlen scharfer Dissonanzen, wie sie Hörer moderner Musik fast zwingend erwarten. Wie zahlreiche andere Werke des Londoner Komponisten vermitteln die auf einfache Konsonanzen reduzierten Klänge der Werke Taveners den Eindruck disziplinierter Ruhe. Dabei wird die strenge Klang-ökonomie des melodietragenden Instrumentes unterbrochen von Orchestereinsätzen, die in Klangfarbe und Ausdruck intensiv hervortreten.

Ob die Werke des Kompositionsprofessors am Londoner Trinity College freilich passende Beispiele für avantgardistische Musik darstellen, ist fraglich. Fraglich, weil die Avantgarde den ideologisch behaupteten Vormarsch gegen eine schal gewordene Musiktradition meint. Und weil der 1944 geborene Schöpfer unzähliger sakraler Werke mit seiner Vorliebe für viktorianische Hymnen und seinen Vorbildern Ligeti, Boulez und Messiaen an Traditionen anknüpft, ohne sie zu verleugnen.
Wenn der durch Strawinskys „Canticum Sacrum“ zur Komposition Inspirierte mit etwas bricht, so mit der Vorstellung, Musik müsse hochreflexiv sein, um Wert zu besitzen. Taveners Klänge erreichen Flughöhen, doch geschieht das stets von einem festen Grund aus.


Komponist zwischen den Zeiten

Rued Langgaard: Violin Sonatas Vol. 2. Serguei Azizian, Violine; Anne Øland, Klavier. DACAPO CD 8.226006 (2003). Spieldauer: 66 Minuten.

Die wechselvolle Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat bekanntermaßen tiefe Spuren in der Musikästhetik hinterlassen. Dies zeigt auch das ungewöhnliche Schaffen eines hierzulande noch weitgehend unbekannten dänischen Komponisten: Der zeitweise als avanciertester Nachwuchskomponist seines Landes gehandelte Rued Langgaard (1893–1952) hatte sich schon zu Lebzeiten mit seiner radikalen Rückkehr zur Klangwelt der Romantik ins Abseits der Musikgeschichte katapultiert; so blieb auch sein originelles, von absurden Zügen gezeichnetes Spätwerk zunächst lange verborgen, ehe in Dänemark eine mittlerweile rege Langgaard-Rezeption eingesetzt hat. Die vorliegende, erstmalige Gesamteinspielung der späten Werke für Violine und Klavier durch Serguei Azizian und Anne Øland kann als ein geeigneter Einstieg in das umfangreiche und vielschichtige Œuvre des Komponisten empfohlen werden – findet sich hier doch der musikalische Grundkonflikt zwischen Romantik und Moderne in geradezu essentieller Weise verdichtet: Der für Langgaard typische, ganzheitliche Kunstanspruch mit den offenen religiösen Bezügen ist dabei ebenso zu erkennen, wie etwa sein kraftvoll-distanzierter Gebrauch der romantischen Idiomatik, der naive Umgang mit minimalistischen Passagen oder eine bisweilen webernsche Kürze der musikalischen Form.

Den unvermittelt-destruktiven Zügen des Spätstils steht dabei eine zarte Intimität entgegen, die von den Interpreten dieser Repertoireeinspielung mit klangschönem Ausdruck vermittelt wird. Die Freiheit, mit der Langgaard in seinem Schaffen „Musik diskutiert“, könnte den heutigen Komponisten manche Anregungen geben.


Klänge, die zum Weiterhören animieren

Markus Hechtle: screen, sätze mit pausen, klage, blinder fleck, still. Ensemble Modern (Ltg. Stefan Asbury), Neue Vokalsolisten Stuttgart (Ltg. Manfred Schreier), NewEars.Ensemble (Ltg. Jonathan Stockhammer) und andere. Edition zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats. WERGO 2007, WER 6570 2, Spieldauer: 67,32 Minuten.

Da ist einer unterwegs, neugierig, Ohren geöffnet, alles ist möglich. Eine direkte und bewegte Gegenwart öffnet sich auf der Portrait-CD von Markus Hechtle. Der Hörer kann sich nicht zurücklehnen und neutral distanziert deren Aufbau und Entwicklung verfolgen. Die Musik zwingt zum Mithören und Unterwegssein. Fragmente, vertraute Gesten, Pausen, Unerwartetes, Komisches, Penetrantes – der Klang und mit ihm das Ohr bewegen sich ständig zwischen den Ebenen. In „Sätze mit Pausen“ breitet sich der Gitarrenklang bedächtig über die langen Pausen hinweg aus und wird allmählich verlängert und erweitert durch die nachklingende Klarinette und die Streicher. „Screen“ platzt dagegen mit lauten Schlägen und vollem Register aus allen Nähten und bringt überraschende neue Klanggestalten hervor. „Klage“ für Stimmen erhebt sich aus der Stille auf verschiedenen Ebenen, die neben-, über- und durcheinander präsent sind: Aufschrei, Flüstern, Gesprochenes, Gesang. In „Blinder Fleck“ wird eine Trompetenfanfare verdichtet und gedehnt, um dann abrupt wieder einzusetzen und eine andere Richtung zu suchen. Anders als dieses ritornellhafte Kreisen erweckt „Still“ den Eindruck, ohne Anfang und Ende zu sein. In einer Art Hörspiel mit Sprecher, Sängern und Akkordeon ist hier ein Gedicht von Giacomo Leopardi vertont. Markus Hechtles Musik weckt Assoziationen, sei es durch vertraute Klänge oder durch den oft sprunghaften Weg, der das Verschiedene auf ungewohnte Weise verknüpft. Jedenfalls lernt man beim Mithören die vielen Pausen zu schätzen – Zeit, die die Gesten nachklingen lässt und einen zum Weiterhören animiert.

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