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Casper rappt selbst auf seinem sechsten Studioalbum „nur liebe, immer“ als wäre es sein erstes

Casper rappt selbst auf seinem sechsten Studioalbum „nur liebe, immer“ als wäre es sein erstes.

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Klassentreffen der Klassiker

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Neuveröffentlichungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow
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Was darf man im Jahr 2024 noch über Ryan Adams sagen? Man hat viel mitgemacht. Mit ihm. Seiner charakterlichen Aufdeckung. Der halbwegs gelungenen Läuterung nach seinem #Metoo-Skandal. Und seinen wechselnden musikalischen Potentialen. Ein Album solo, dann mit Band, gefolgt von neuer Band. Dann ein Cover-Album von Taylor Swift, dann Hard Rock, auch Country/Blues, zuweilen Americana, gerne hin und wieder Country pur. Hier und da erschien ein Album ohne Ankündigung, andere wurden angekündigt und erschienen gar nicht. Vieles genial. Überwiegend sogar. Mitunter aber eben desgleichen trivial. 

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Nun, zu Beginn des Jahres 2024 haut Ryan Adams sage und schreibe fünf Alben auf einen Streich raus: „Star Sign“, „Prisoners“, „Heatwave“, „Sword & Stone“ und „1985“. Das ist natürlich recht cool. Ob es sein muss? Die Alben sind ein kleiner Karriere-Abriss des Ryan Adams. Eine Einordnung, gar Reihenfolge ist schier unmöglich. Nur so viel: reinhören, schwelgen, wundern, grämen, feiern, lamentieren, schütteln, zittern und jubeln. Das kann man jedenfalls immer über Ryan Adams sagen. (PAX-AM) 

Was war das Ende 2023 für ein nettes mediales „Aufrührchen“. Die Rolling Stones veröffentlichen mit „Hackney Diamonds“ ihr 26. Studioalbum. Wo andere im gleichen Alter Kredite für Wärmepumpen aufnehmen, fassen sich die Rolling Stones ein künstlerisches Herz und machen Rock’n’Roll. Oder lassen sich einreden, es wäre selbiger. Doch „Hackney Diamonds“ ist kein Aufrührer. Gepflegte, doch gekonnte Langeweile im obersten Regal. Das trifft es wohl eher. Zwar helfen Elton John (in „Get Close“ und „Live By The Sword“) oder Paul McCartney (in „Bite My Head Off“) sowie Lady Gaga und Stevie Wonder (in „Sweet Sounds of Heaven“), aber so richtig Stimmung mag nicht aufkommen. Lediglich „Depending on you“ und „Whole Wide World“ überzeugen und heben sich vom sons­tigen Geplätscher ab. Man muss die alten Zeiten auch mal bewahren können. Oder Fan sein, um „Hackney Diamonds“ zu begreifen. (Polydor)  

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Casper rappt selbst auf seinem sechsten Studioalbum „nur liebe, immer“ als wäre es sein erstes

Casper rappt selbst auf seinem sechsten Studioalbum „nur liebe, immer“ als wäre es sein erstes.

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Casper rappt selbst auf seinem sechsten Studioalbum „nur liebe, immer“ als wäre es sein erstes und als ginge es um nicht weniger als sein Leben. Unfassbar nach wie vor: sein Flow. Absolut eigen, nicht nachzuahmen. Dazu diese hochintelligenten Texte, die so knallhart zwischen Wirklichkeit, großer Romanze, unwiederbringlicher Erinnerungen und unerreichter Illusionen. Das ist oft berührend, weil Caspers gebeizte, kratzige Stimme diese Brüchigkeit der Erzählwelt fabelhaft einfangen kann. Das ist aber vielfach ebenso aufrüttelnd („emma“, „bist du noch da?“) und direkt auf die Realität zielend. Dass die musikalischen „Backing Tracks“ sprich Instrumentierung hier und da etwas müde wirkt, darf man großzügig übergehen. Denn Casper rockt die Nummer sicher zu Ende. Ein Rap-Album für alle Nicht-Rapper. (Warner)

Peter Gabriel stellt uns mit seinem Album eine gepflegte Denksportaufgabe. Sicherlich kann man „i/o“ nicht nur als Pop- und/oder Rockalbum abtun. Schon der Opener „Panoptikum“ hinterlässt Fragezeichen, führt jedoch zu einem Album, das alle Feinheiten eines Peter Gabriel enthält: Hymnen, fragile Songansätze, doppeldeutige Akkorde, seltsame Schichtungen und zuweilen Songs, die man eher unter der Rubrik „Demoaufnahme“ ablegen möchte. Dass Tony Levin am Bass und Manu Katché an den Drums spielen, macht die Sache nicht einfacher. Noch dazu sollte „i/o“ das Nachfolgewerk des 2002 veröffentlichten Albums „Up“ sein. Nun, da hat sich was entwickelt in den vergangenen knapp 22 Jahren. „Four kinds of horses“ verfängt sich im bedrohlich-kryptischen Bereich, „So much“ bietet unendliche Schwermut, „Olive Tree“ kaspert unverhohlen im Refrain mit viel zu positiven Akkorden herum, „This is home“ brilliert mit einer für Peter Gabriel typischen Hookline, die als Soundtrack in jeder Netflix-Dramaserie Platz finden würde. Kurzum. Peter Gabriel knüpft mit „i/o“  sehr wohl an „Up“ an. Vielleicht nachdenklicher und präziser als 2002. Oft sind es diese nicht verstehbaren Akkord- und Klangwechsel, die „i/o“ spannend machen, gar gewichtig klingen lassen. Mag sein, dass „i/o“ experimenteller als „Up“ ist. Jedoch passt „i/o“ besser in diese Zeiten, als es „Up“ zu Beginn des Jahrtausends tat. Man muss es nur verstehen wollen. Oder können. (Virgin)

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