Nun halten sie die Jahreszeit für gekommen, die Firmen der Platten. Jetzt muss raus, was über die Feststage von den „Greatest Hits“ versklavt wurde, was die scharrenden Phono-Künstler endlich beim Volk sehen und besser noch original gekauft hören möchten. Eine Veröffentlichungsinflation steht die nächsten Monate bevor, und da die Etablierten mit der Neuauflage von „Do they know it’s Christmas“ ihr Quantum erfüllt haben, ist es Zeit, sich dem Nachwuchs und vielleicht unverbrauchter Musik zu öffnen.
Brendan Benson (Album: „The Alternative To Love“) wird ein großer Songwriter sein. Bald. War er letztes Mal der verträumt zupfende Songwriter, geht er diesmal als Rockbandartiger Musiker ran und sticht mit seiner Mischung aus Rock, 60er-Feeling, Alternativ und Abtanzbarkeit in klar besetzte Felder eines Ryan Adams. Sicher ein Album des Jahres 2005. Klassisch bluesig mit Lederstimme und scheinbar fest installierter Whiskeyflasche am Gitarrenhals schmerzt sich Paul Camilleri durch sein Album „Another Sad Goodbye“. Keine perforierten Blueswege, sondern Feeling, wo man in diesem Genre fast keines mehr verorten mochte. Kontrast bietet John Frusciante mit seinem siebten Streich „Curtains“ binnen zwölf Monate. Wieder beim Songwriter angekommen. Eine kaum fassbare Welt, aber unbeirrt zwischen Melodien aus Rock, Psycho, Folk und Schmerz siechend. Eine Institution, der Frusciante. Downpilot aus Seattle landeten mit „Leaving Not Arriving“ beim Hamburger Label Tapete. Wer nun günstig erworbene Pearl-Jam-Schablonen erwartet, muss sich belehren lassen. Fast eine Songwriterband mit breiter Spürnase für weite, melancholische Tonfolgen, die man im Alternativen aber Rock-Komponisten Geviert platzieren darf.
Aus Leeds (GB) ist Hood. „Outside Closer“ behaupten sie mutig und bestätigen sich selbst mit einer ausführlichen wenn nicht molligen Version von Popmusik. Zwar sind brizzelige und elektronische Elemente reichlich anzutreffen, geschweißt wird allerdings an der britischen Pop-Naht, die eben auch mal urban und verhalten großkotzig klingt.
Ein schier unglaubliches Album stellen die momentan in Hamburg weilenden Eaten by Sheiks mit „Our last first record“ zur Diskussion. Richtig wunderbare Rockmusik, der man Zeitlosigkeit, Charmanz und Intellekt unterstellen muss. Kaum verwirrt aber verwunderlich zielstrebig zementieren sie einen Stil der mit der Umschreibung „Rocksongs, Rocksongs und Rocksongs“ am besten wirkt. Völlig in schöngeistigen Pop vernarrte Menschen sind Rilo Kiley aus Los Angeles („More Adventurous“) mit Sängerin Jenny Lewis. Ihr drittes Album soll es in Europa richten und mit ihrer Art Popmusik hörbar zu machen, liegen Rilo Kiley auf bester Erfolgs-Schlagdistanz: Melodien eingängig aber unseicht. Bläsersätze, die auffrischen. Streicher, die pompös aber galant geleiten und ewig ein Schimmer Folk und Country. Anders sind da die Hamburger Kettcar, zugleich Gründer des zuletzt empfindlich hoch gejohlten Labels „Grand Hotel van Cleef“. Mein Gott, wie aufgesetzt klingen Franz Ferdinand & Konsorten im Gegensatz zu Kettcar. Wie peinlich mutet die Scharade englischer Indiebands an, darf man „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ hören und dabei ungeschminkt und ungestraft schmalzig, rührselig und weinerlich werden. Ein Album, das mindestens fünf der besten deutschsprachigen Songs der letzten zehn Jahre festhält, das keinen Pop braucht, weil es so ungehemmt da steht und wartet. Liebens- und Schmusenswert. Befreiten Rock und dabei wissenden lächelnd pumpen Joe Leila mit „Black Dog White Dog“ ins Rockall. Wo sich andere ach so alternativ klingende Bands aus falschem Ehrgeiz die Fingerchen quetschen und zu vielen US-Vorbildern den Speichel lecken, geht Joe Leila aus München mit dem Prinzip Umkehrung ans Werk. Schusters Leisten werden nie überstrapaziert, die Einfachheit ist die Stärke der Band.
Gegenpolig wirkt da der kubanische Spitzenmusikant Cesar Pedroso. Die Stilvariationen Songo und Timba prägte er einst, mittlerweile ist er aus der Latin Musik kaum mehr wegzudenken. Sein aktuelles Album pendelt zwischen allen Arten: Vom fröhlichen Hüftenschwinger mit Bläserfraktion Marke „Mexiko“ bis zum melancholischen Midtemposong verwöhnt uns Pedroso mit launiger Musik, die nicht zuletzt Wim Wenders Gunst fand. Zum 40. Todestag der Musikerlegende Nat King Cole erscheint eine CD mit 28 restaurierten Klassikern der Legende. Beeindruckende Songs, die immer bewegen werden, selbst in aufgepäppelter Form. Optional ist sein Werk und Leben als DVD-Doku erhältlich.
Ambulance LTD überraschen mit einem Debutalbum in voller Länge, das 20 Jahre Rockmusik aufdröselt. Lakonische Rockgedanken werden geschickt zwischen metaphorischen Riffs und enthusiastischen Gitarrensounds geparkt. So scheppert Brooklyn in New York heute. Fordernd steuern Ambulance LTD in jedem Song auf einen Höhepunkt zu und kosten die üppigen präparierenden Vorspiele genüsslich aus. Schon imposant. Endlich ein Livealbum (auch als DVD erhältlich) von Amerikas sympathischster Band „Goo Goo Dolls“. Sie zelebrierten in der Heimatstadt 20 Songs lang ihre Karriere, ließen sich durch Eimerweise Regen nicht verjagen, und wer mit einer Stimme wie John Rzeznik gesegnet ist, dem verzeiht man Schwächen im Regen von Buffalo.
Diskografie
- Brendan Benson: The Alternative To Love (V2 Records)
- Paul Camilleri: Another Sad Goodbye (Pepper Cake)
- John Frusciante: Curtains (Warner)
- Downpilot: Leaving Not Arriving
- Hood: Outside Closer (Domino)
- Eaten by Sheiks: Our last first record (Marvin Records)
- Rilo Kiley: More Adventurous (Brute/Beaute Records)
- Kettcar: Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen (Grand Hotel Van Cleef)
- Joe Leila: Black Dog White God (Sameway Music)
- Cesar Pedroso y Los Que Son, Son: Pupy, el Buenagente (Timba Records)
- Nat King Cole: The World of Nat King Cole (Capitol)
- Ambulance LTD: LP (TVT Records)
- Goo Goo Dolls: Live in Buffalo/4th of July (Warner)