Dmitrij Schostakowitsch, Boris Tchaikovsky, Moisey Weinberg: Cello Sonatas
Johannes Moser (cello), Paul Rivinius (piano). Aufnahme des SWR
Hänssler Classic, LC 13312 (CD 93.176)
Der 27-jährige Cellist Johannes Moser interpretiert auf seiner Debut-CD Cellosonaten von Dmitrij Schostakowitsch, Moisey Weinberg und Boris Tchaikovsky. Schostakowitsch, dessen Geburtstag sich zum hundertsten Mal jährt, ist einer der stilleren Jubilare im Mozart-Jahr. Die Entstehungszeit seiner Cellosonate d-Moll op. 40 (1934) liegt nur zwei Jahre vor der Stalin’schen Kulturrevolution, die die Durchsetzung des sozialistische Realismus als verbindliche Kunstdoktrin zum Ziel hatte. Es wurden Allgemeinverständlichkeit, Volkstümlichkeit und Orientierung am künstlerischen Erbe verlangt. Dieser Forderung scheint das Werk Schostakowitschs oberflächlich zu entsprechen und doch inhaltlich dagegen zu protestieren, so als hätte der Komponist die Zeichen der Zeit vorausgesehen.
Zu Beginn der 40er-Jahre suchte Moisey Weinberg Kontakt zu Schostakowitsch um kompositorische Ratschläge zu erhalten, später entstand eine Freundschaft zwischen den Komponisten. Weinbergs Kompositionen wurden wie die seines musikalischen Beraters als volksfeindlich diffamiert, hinzu kam, dass er sich als Jude mit den antijüdischen Tendenzen der Stalin’schen Kulturkampagne konfrontiert sah. Als er zum Volksfeind erklärt wurde, setzte sich Schostakowitsch für ihn ein und rettete ihn mit einem Brief vor dem Tod. Moiseys Cellosonate No. 2 op. 63 lässt deutlich die Einflüsse Schostakowitschs erkennen, auch hier gerät die Spätromantik an ihre Grenzen.
Die im Jahre 1972 entstandene Cellosonate des Schostakowitsch-Schülers Boris Tchaikovsky unterscheidet sich insofern von den oben beschriebenen, als hier Klavier und Cello gleichberechtigt nebeneinander stehen. Die Sonate ist nicht weniger kraftvoll als die zuvor beschriebenen, erreicht jedoch ihre Intensität auf andere Weise. Gelegentliche Einflüsse Schostakowischs sind auch hier zu erkennen, sie äußern sich aber anders, dezenter als bei Weinberg. Die Zusammenstellung der Cellosonaten auf der vorliegenden CD, auf der sich die Werke von Schüler und Freund um das ihres musikalischen Beraters und Lehrers gruppieren, zeigt gelungen, auf welch grundverschiedene Weise dessen kompositorische Ideen verarbeitet und fortgeführt worden sind.
Johannes Moser, der im Jahre 2002 den Tchaikovsky-Wettbewerb in Moskau gewann, ist der großen interpretatorischen Herausforderung sichtlich gewachsen. Es gelingt ihm, die jeweiligen musikalischen Eigenheiten hervorzuheben und sich der inneren Zerrissenheit Schostakowitschs sensibel anzunähern. Er schafft es, die jeweiligen Stimmungen einzufangen, die starken Kontraste von Sanftheit und Brutalität durch den vielseitigen Umgang mit seinem Instrument und unzähligen Farbnuancen zwischen schwarz und weiß gekonnt darzustellen. Die besonderen Fähigkeiten des Pianisten Paul Rivinius kommen besonders in der Sonate Boris Tchaikovskys zum Ausdruck, in der von einer Begleitung durch das Klavier eigentlich nicht die Rede sein kann. In dieser Gleichberechtigung der Instrumente erreicht das Zusammenspiel der beiden Musiker eindeutig seinen Höhepunkt.
Die bei Hänssler Classic erschienene CD zeigt abermals, dass es sich lohnt, den stilleren Jubilaren dieses Jahres Tribut zu zollen, neben Schostakowitschs hundertstem Geburtstag ist zu erwähnen, dass sowohl Weinberg als auch Boris Tchaikovsky im Jahr 1996 verstarben.