Im fragmentarisierten, live-elektronisch transformierten Vokal- und Ins-trumentalklang der „Risonanze erranti“ (1986/87) von Luigi Nono klingt noch der „Prometeo“ nach. Doch unter dem Einfluss der depressiv-nihilistischen Texte unter anderem von Ingeborg Bachmann und Herman Melville wird nun die Werkstruktur bis an die Grenze der Selbstauflösung geführt. Das Ensemble Experimental unter der Leitung von Detlef Heusinger spitzt die Kontraste entsprechend zu: Die stark in den Vordergrund gerückten Bongos knallen, die Dissonanzen schmerzen, die langen Pausen sind fast überlang. Eine überdeutliche, technisch makellose Aufnahme aus dem Experimentalstudio des SWR. Das prozesshaft flackernde Tubasolo „Post-prae-ludium per Donau“ ist eine gute Ergänzung dazu. (Neos 11119)
Eine Auswahl neuer Werke von Peter Eötvös sowie das Trio „Psy“ mit seinem nostalgischen Cimbalomklang von 1996 haben das Straßburger Ensemble Linea und die vorzügliche Sopranistin Allison Bell unter der Leitung von Jean-Philippe Wurtz eingespielt. Die von Bartók inspirierte, mitreißend gespielte „Sonata per sei“, die Erstaufnahme des auf einem Beckett-Text basierenden „Octet plus“, zwei Klavierstücke und ein Flötensolo sind prachtvolle Beispiele für die klangsinnlich vitale und zugleich sorgfältig reflektierte Musik von Eötvös, die aus der Oper „Drei Schwestern“ extrahierte Gesangsszene „Natasha“ platzt vor Theatralik. Ein in Auswahl und Interpretation rundum gelungenes Komponistenporträt. (BMC CD 175, bmcrecords.hu)
Nicht mehr brandneu, aber immer noch gut und am Ursprung der Neuen Musik: das Klavierwerk von Arnold Schönberg. Pi-Hsien Chen, eine phänomenale Pianistin nicht nur für Zeitgenössisches, spielt mit federndem Anschlag und genau dosiertem Pedal, technisch brillant und alles andere als blutleer. Das hohe Gebot der Transparenz steht raffinierten Klangwirkungen nicht im Weg – ein Hörvergnügen der anspruchsvollen Art. Die Veröffentlichung ist auch editorisch hochinteressant. Neben den allgemein bekannten sechs Werken spielt sie auch die hinterlassenen Fragmente und Frühwerke. Aufschlussreich sind die Stücke 1894-1909; Schönbergs Entwicklung vom Spätromantiker, der noch im 19. Jahrhundert wildert, bis zum Pionier der Atonalität bildet sie wie im Zeitraffer ab. (Hat Hut/hat[now]art 184)
Kaum einer versteht für die japanische Mundorgel Shô so idiomatisch zu komponieren wie Toshio Hosokawa. Das Prinzip des aus dem Nichts entstehenden, sphärenhaften Klangs überträgt er bruchlos auch auf das Streichorchester. In „Landscape V“ und „Cloud and Light“ verschmilzt das Soloinstrument vollkommen mit dem Orchester, die biegsamen Klangflächen bringt das Münchener Kammerorchester unter Alexander Liebreich sensibel und ausdrucksstark zur Entfaltung. Neben den Orchesterwerken zeigt die Shô-Spielerin Mayumi Miyata ihre hohes Können auch in einem zauberhaften Instrumentalsolo. Entrückung ist unausweichlich. (ECM 476 3938)
Das Ensemble Modern, das WDR-Sinfonieorchester, vier Pianisten und ein Pianola-Spezialist beteiligen sich am Querschnitt durch das Schaffen von Conlon Nancarrow unter dem Titel „as fast as possible“. Wie immer machen die Instrumentalversionen der Werke für Klavierrollen besonders neugierig, arrangiert diesmal von Eric Oña, Helena Bugallo und Carlos Sandoval: Werke für zwei bis vier Pianisten, mehr ausgespart als rasend virtuos, oder die comic-haften „Three Movements for Chamber Orchestra“. Ebenso witzig mit seinem Stil-Sammelsurium ist das von Paul Usher aus Fragmenten zusammengeflickte Konzert für Pianola und Kammerorchester. (Wergo 6733 2)