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Harlem Footwarmers, The Jungle Band, The Woopee Makers, Joe Turner and his Memphis Men, Harlem Hot Chocolates, Mills Ten Blackberries, The Washingtonians – all diese Namen stehen für ein einziges und einzigartiges Orchester, das in seinen Anfangsjahren bei allen möglichen Plattenfirmen unter allen erdenklichen Pseudonymen firmierte. Auf dem Label Victor aber prangte die beeindruckende Trademark „Duke Ellington and His Cotton Club Orchestra“ – was die Plattenfirma RCA Victor von Anfang an klar von allen anderen abhob. Rechnet man die verschollenen Einspielungen von 1923 hinzu, so blieb Ellington dieser Firma 50 Jahre „treu“, das heißt er kehrte trotz aller Zwischenspiele bei anderen Firmen immer wieder zu ihr zurück, veröffentlichte dort sein Alpha und Omega.
In allen Jahrzehnten seines Schaffens entstanden für RCA Victor Aufnahmen. Sie liegen nun in der bislang umfassendsten Werkschau als „Centennial Edition“ vollständig, das heißt inklusive alternate takes und bislang verborgener Trouvaillen vor. Ebenso wie man aus den Hüllen der 24 CDs der edel ausgestatteten und ebenso liebevoll wie kenntnisreich gestalteten Box im Puzzle-Verfahren Bilder des Duke zusammnensetzen kann, entsteht im chronologischen Durchhören ein faszinierendes Porträt des Autors von rund 2.000 Kompositionen, Pianisten, Arrangeurs und Leiter des wohl bedeutendsten Jazz-Orchesters.
Fast alle Phasen des Ellington-Orchesters lassen sich in der Centennial Edition nachzeichnen. Die RCA-Victor-Aufnahmen beginnen mit der ersten Glanzzeit (1927–1934), als Duke Ellington im berühmten Harlemer Cotton Club residierte und den „Jungle Style“ aus der Taufe hob, der vor allem durch die verschiedenen Dämpfereffekte der Blechbläser lebte. Bald darauf führte er den „Mood Style“ ein mit seinen langsamen bis mittleren Tempi, gestopften Blechbläsern und raffinierter Harmonik.
Schon in dieser Frühzeit unterschied sich Ellington deutlich von seinen Kollegen.Schrieben andere Bigband-Arrangeure Zwangsjacken, die die improvisierenden Künstler einengten, so komponierte Ellington Maßanzüge für die Solisten, von denen einige (Johnny Hogdes, Harry Carney) fast ein Leben lang bei ihm blieben. Alle waren sie Individualisten, jeder hatte seine Spezialitäten, die der Duke bei seinem reichlich raffinierten Orchestersound geschickt einsetzte: Den Trompeter Bubber Miley ließ er die Dämpfertechnik perfektionieren, die Stimme der Sängerin Adelaide Hall ließ er wie ein Instrument klingen...
Wichtig war Ellingtons Ansatz, die Klangfarben zu mischen und nicht so stereotyp wie die anderen Bigbands Blechbläser- und Saxophonsatz zu kontrastieren. Dieses Wissen um die Wertigkeiten der Klangfarben, die ihn zu einem Impressionisten unter den Bigbandleadern machte, erklärt, warum sich das Phänomen Ellington beim besten Willen nicht reproduzieren läßt. Noten, die auf dem Papier nach nichts Besonderem aussahen, konnten genial klingen, weil er um den individuellen Sound der Persönlichkeiten wußte, für die er sie setzte. Oft brachte ein überraschender Tausch – der zweite Trompeter spielte lead, der Saxophonist Klarinettte – die gewünschte Schattierung. Die sieben CDs dieser frühen Periode enthalten nahezu alle Ellingtonschen Meisterwerke jener Zeit wie etwa „Black and Ton Fantasy, Mood Indigo, Creole Love Call“ und als damals außergewöhnliches Beispiel eines längeren, zwei Schellackseiten benötigenden Jazzwerkes „Creole Rhapsody“. Man vermißt eigentlich nur „It don‘t mean a thing (if it ain‘t got that swing)“, zumal er damit den Slogan einer Epoche formulierte, die er mit vorbereitete. Interessant ist, daß man schon damals dem Jazzer Duke Ellington die größeren, sonst nur Klassik vorbehaltenen Schellackformate zubilligte. Darunter befinden sich Medleys, die gleichzeitig von verschieden positionierten Mikrophonen aufgenommen wurden und uns somit Originalstereo aus dem unwahrscheinlich frühen Jahre 1938 bescheren. Die späten 30er Jahre erscheinen bei RCA Victor – er verließ die Firma wegen der rassistischen Bemerkung eines Tontechnikers – als Lücke; sie waren nicht seine besten, da der Tod seiner Mutter bei ihm eine Schaffenskrise ausgelöst hatte.
Die zweite Glanzzeit (1940–1942) führte das Swing-Orchester bei RCA Victor mit Mitgliedern wie dem Baßerneuerer Jimmie Blenton, dem Tenoristen Ben Webster und dem Arrangeur Billy Strayhorn in höchster Reife vor. Die CDs acht bis dreizehn dokumentieren diese Periode, in der Ellington bei RCA Victor als einziger Jazzmusiker neben Tommy Dorsey auf einem High-Price-Label war (Glenn Miller wurde von RCA im Billiglabel Bluebird vertrieben). Neben Bigband Meilensteinen wie „Cotton Tail“ und dem Theme-song „Take the A Train“ entstehen kammermusikalische Kleinode wie die Duette mit Blanton und Combo-Aufnahmen unter der Leitung der Ellingtonians Rex Stewart und Johnny Hogdes. Das höhere Ansehen, das der Meister inzwischen genießt, spiegelt sich in den drei CDs der Jahre 1944 bis 1946. Die Kompositions- und Instrumentationskunst des Meisters, der als erster Jazzmusiker erfolgreich mit längeren, mitunter suitenartigen Kompositionen hervortrat, ist hier mit Meisterwerken wie der Tondichtung „Black, Brown and Beige“ über die Geschichte der amerikanischen Schwarzen oder der weniger bekannten „Perfume Suite“ vertreten. Trotz anfänglichem Kritikerwiderspruchs: Ellington, der inzwischen auch die Carnegie Hall erobert hatte, hatte weit mehr als Tanzmusik im Sinn.
Nur ein Konzert aus Seattle repräsentiert bei RCA die 50er Jahre. Das Aufnahmedatum 1952 steht eigentlich für eine Krisenzeit. Schlüsselfiguren des Orchesters waren desertiert, das Comeback beim Newport Festival (1956) noch nicht in Sicht. Das Konzert ermöglicht aber das seltene Vergnügen, den unterschätzten Willie Smith an Stelle von Johnny Hogdes oder den Drum-Virtuosen Louie Bellson bei Ellington zu hören. Die dritte Glanzzeit (späte 50er Jahre) gehört freilich dem Erzrivalen Columbia.
Das Alterswerk ab 1965 zeigt Ellington auf RCA Victor als weltumfassenden Olympier, der immer noch nach vorne blickt, die Eindrücke seiner Asienreise in die „Far East Suite“ einfließen läßt und selbst die vertragliche Verpflichtung zu einem Album aus alten Ellington-Hits („The Popular Duke Ellington“) zum Anlaß nimmt, selbst das Bekannteste neu und frisch zu präsentieren. Das Album „...and his mother called him Bill“ wurde ein bewegendes Epitaph für sein alter Ego Billy Strayhorn.
Edward Kennedy Ellington, dessen 100. Geburtstag und dessen 29. Todestag heuer begangen wird, hatte das Glück, als Sohn eines Butlers im weißen Haus aufzuwachsen. Er entwickelte schon als Kind der schwarzen Oberschicht weltmännische Umgangsformen sowie Sinn für Eleganz und Stil, die ihm frühzeitig den Spitznamen „Duke“ einbrachten und ihn geradezu prädestinierten, nicht nur als Musiker, sondern auch als Persönlichkeit dem Jazz Weltgeltung zu verschaffen. So konnte er als einer der wenigen seiner Branche sowohl mit Staatsoberhäuptern als auch mit der künstlerischen und intellektuellen Prominenz auf gleicher Ebene verkehren. Eine letzte Barriere für die Anerkennung des Jazz konnte er schließlich in den letzten Lebensjahren mit den drei „Sacred Concerts“ durchbrechen: Der einst noch als Teufelsmusik verketzerte Jazz diente nun in den Kathedralen zum Lobpreis Gottes.
Diskographische Angabe
The Duke Ellington Centennial Edition, RCA Victor, 24 CD Set 09026-63386-2