Dass bei uns der Strom aus der Steckdose kommt, das hatten wir lernen dürfen von unangepassten, phantasiebegabten, witzigen Politclowns mit dem Herz am richtigen Fleck – und dem Hirn auf dem Trip gen Rom in den Club, der die Grenzen des Wachstums erkennen zu können vorgab. Realitätsnah, konkret waren sie, Repräsentanten einer planetarischen Avantgarde waren sie allesamt. Das ist eine Zeit her. Und beweist, dass auch im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert schon nachhaltig denkende Menschen zugange waren...
Und ein weiteres UND: mancher von denen, die in der davor liegenden Zeit ihrer gesellschaftlichen Sozialisation im Nachgang des verrauchenden Miefs von tausend Jahren unter den Talaren entgegen gingen, wird schon mal eine Ahnung von Nachhaltigkeit, von Verantwortung der Schöpfung gegenüber, von schlechtem Gewissen im Blick auf die Zukunft verspürt haben. Der Strom kommt anno zwanzigzwölf immer noch aus der Steckdose, die quecksilberhaltigen Euro-Norm-Spar-Birnen dagegen verbreiten miesen Glanz mit sechzig Watt und entkrampfen das schlechte Gewissen keineswegs.
Immerhin ist es jetzt zehn Jahre her, dass Monsieur Hunderttausend Volt unser vor sich hin eierndes Rotationsellipsoid verlassen hat, jener legendäre Gilbert Bécaud, der ein halbes Jahrhundert lang mit energiegeladenen Bühnenshows sein Publikum scharenweise zu Begeisterungsstürmen hinriss. Es ist an der Zeit, an einen der größten Chansonniers, den die Grande Nation hervorgebracht hat zu erinnern. EMI tut das. Und es werden Viele sein, die entdecken, dass es unterhaltende Musik mit Tiefgang gibt, die einem naiven Hörer - ohne zwölfsemestriges Musikwissenschaftsstudium - reingeht und runtergeht wie ein Sommertag an Küste und im Hochgebirge gleichermaßen.
Einer der größten Chansonniers verdient es, aus Urgründen des akustischen Erinnerns hervorgeholt zu werden in die glasklare Tagesaktualität, um auch junge, unverbrauchte Bewusstseinslagen in Musik pur zu versetzen. „Die Bühne ist eine Droge“ formulierte der Entertainer voller Leidenschaft einmal. Auch wenn die jetzt lange schon ohne Gilbert Bécaud anderes tragen und ertragen muss: seine Musik „gehört gehört“.
Ein Doppelalbum, speziell für deutsche Ohren zusammengestellt, bringt große französische Klassiker wie auf der zweiten CD die deutschsprachigen Fassungen vieler beliebter Chansons von „Natalie“ bis „Überall blühen Rosen“. Daneben gibt es noch diverse Boxen für die „Komplettheitsfetischisten“.„Gilbert Bécaud - Unsterblich - Seine größten Chansons“ auf zwei CDs kann beglücken, ist große Klasse für den Einstieg – in der Erinnerung an seine Erscheinung im stahlblauen Anzug mit getupfter Krawatte, die Hand am Ohr, um das Publikum zum Mitsingen aufzufordern, das voller Begeisterung immer wieder nur seine rauchige Stimme, seine wundervollen Melodien, seine melancholischen Texte hören wollte. Also, rein in die Warenkörbe mit der Doppel-CD – und Ohren auf.