Das nenne ich eine Ikone. Auf dem Cover der neuen, „upgegradeten“ „Spex“, immer noch dem „Magazin für Popkultur“, ist ein innig versunkener, blutjunger Bob Dylan zu sehen, in klassischer Protestsängerpose. Vermutlich dürfte dieses Foto aus den frühen Sixties das älteste Foto sein, das je auf einem „Spex“-Cover auftauchte. Im Heft selbst gibt es dann gar keinen Text zum 70. Geburtstag des Meisters. Coverboy Dylan dient nur als Aufhänger für eine Story über die Vergangenheit und Zukunft des Protestsongs. Wie ein Filmplakat funktioniert dieses seltene Foto des „Columbia Recording Artists“. Der Film selbst läuft dann in einem anderen Kino. Zum Beispiel in Klaus Theweleits großartigem Reader „How Does It Feel“ (Rowohlt). Oder bei uns.
Wenn man will, kann man Dylan-Balladen wie „Hurricane“ cinematisch nennen. Die Bibel und das Kino, die große Bildermaschine des 20. Jahrhunderts, sie scheinen viele der Performances von His Bobness auf seiner „never ending tour“ durch die Medien zu grundieren. Inzwischen setzt sich das Bild des großen amerikanischen „Jokerman“ des vergangenen halben Jahrhunderts auch in „bewegten Bildern“ immer mehr zusammen. Und trotzdem kommt man dabei dem Robert Zimmerman kaum näher. Von Anfang an scheint er sich, wie in seinen Liedern, auch vor der Kamera selbst inszeniert zu haben, als den Mann mit den 1.000 Masken.
Ich habe Bob Dylan zum ersten Mal 1972 auf der Leinwand gesehen, als das legendäre „Concert for Bangladesh“ ins Kino kam. Im Madison Square Garden bellte die „Stimme Amerikas“ gleich vier seiner Gassenhauer: „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“, „It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry“, „Just Like A Woman“ und das unvermeidliche „Blowin’ In The Wind“. Vier Lieder für die Pop-Ewigkeit, die Dylan gutgelaunt (!) vortrug. Die aber auch daran erinnerten, dass man lange nichts mehr Großes vom Meister gehört hatte. Ein Jahr später sollte dann Dylan seinen großen Auftritt als Schauspieler bekommen, als Alias in Sam Peckinpahs New-Hollywood-Western „Pat Garrett And Billy The Kid“. Und so nebenbei sollte ihm auch noch mit einem Lied aus dem Soundtrack ein Welthit gelingen: „Knockin’ On Heaven’s Door“. Aber auch hier sieht man, dass Dylan kein klassischer „Actor“ ist. Wie eine „Ikone“ seiner selbst wandelt er bei Peckinpah schweigend durchs Bild.
Schnitt: Newport Folk Festival 1963. Ein noch schüchterner Dylan singt „With God On Our Side“. Ein Jahr später hatte sich die Welt verändert: JFK war ermordet worden und die Beatles hatten Amerika erobert. Und wieder war Dylan Gast auf dem Festival. Auch diesen Auftritt hatte Murray Lerner damals mitgeschnitten, er ist jetzt zu sehen auf der DVD „The Other Side of The Mirror“ (Sony). Michael Endepols hat in seinem lesenswerten Reclam-Reader „Bob Dylan von A bis Z“ die Verwandlung des Meisters so beschrieben: „Dylan sah jetzt nicht mehr wie ein Hobo aus, der sich gerade erst den Staub der Straße aus den Klamotten geklopft hat. Seine Haare waren länger, er trug Sonnenbrille, ein schwarzes Jackett und Stiefel mit Absätzen. Alles in allem wirkte das schon sehr hip. Aber vor allem brachte er neue Songs mit, die mit den klassischen Protestliedern nichts mehr gemein hatten: Liebeslieder voller Ironie und rätselhafter Bilder, die subjektive Wahrnehmung eines Sängers, der von sich sprach und nicht für ein Kollektiv.“ Ein Jahr später wurde Dylan in Newport als „Verräter“ beschimpft. Als er Walt Whitmans Diktum „I Sing The Body Electric“ auf seine Weise ernstgenommen hatte und seine Gitarre eingestöpselt hatte. Eine „elektrifizierte“ Fassung von „Maggie’s Farm“ war zuviel für die Puristen. Pete Seeger hätte angeblich mit der Axt das Stromkabel zerhacken wollen. Eine Legende entstand.
Mit genau dieser Dylan-Legende spielte 2007 dann auch Todd Haynes großartige Collage „I’m Not There“. Im Nachwort zu seinem dtv-Band „Bob Dylan“ geht Olaf Benzinger auch darauf ein. In der Newport-Episode werde Dylan in der Figur von Jude Quinn „meisterhaft von einer androgyn wirkenden, durchgeknallten wuschelköpfigen Cate Blanchett verkörpert – das schauspielerische Glanzlicht des gesamten Films. In dieser Sequenz philosophiert der Protagonist mit Allen Ginsberg, albert mit den Beatles, streitet mit Warhol-Stilikone Edie Sedgwick, stürzt im Drogenrausch ab und kommt bei einem Motorradunfall ums Leben.“
Man kann die Dylan-Geschichte aber natürlich auch so stringent erzählen wie Martin Scorsese in „No Direction Home“, der wunderbaren Dokumentation über Dylans Zeit zwischen 1956 und 1966. Das definitive „Dokument“ über den frühen Dylan scheint aber weiterhin D.A. Pennebakers „Don’t Look Back“ zu bleiben. Keiner ist „His Bobness“ so sehr auf die Pelle gerückt wie Pennebaker. Sein legendärer Film über Dylans England-Tournee von 1966, „Eat The Document“, bleibt allerdings weiterhin in der kompletten Fassung unter Verschluss. Und so wird auch diese Legende weiterleben.