„I’m not interested in self-expression“: Das ist nur eine von vielen prägnanten Aussagen, die Viola Rusche und Hauke Harder dem vor Erfindungskraft sprühenden Klangtüftler Alvin Lucier in ihrem Porträtfilm „No ideas but in things“ entlockt haben (Wergo). Sinnfällig rhythmisiert durch immer wieder eingeschobene Ausschnitte aus Luciers bekanntestem Werk „I Am Sitting in a Room“ (eine gekürzte Version am Stück ist als Bonus beigegeben) begleiten die beiden den Komponisten bei seiner Arbeit, bei der Einrichtung von Klanginstallationen, bei Aufführungen und bei seiner Arbeit als Professor an der Wesleyan University.
Dabei wird auf faszinierende Weise deutlich, dass es Lucier bei seinen Erkundungen immer wieder darum geht, den Hörern die individuelle Klangwahrnehmung akustischer Phänomene zu ermöglichen, statt ihnen vom Komponisten geformte Sounds vorzusetzen. Nicht der Künstler drückt sich aus, sondern öffnet Hörräume, in denen das Publikum sich frei bewegen kann. Wunderbare historische Dokumente, etwa von Aufführungen mit der von ihm gegründeten „Sonic Arts Union“, sowie als Bonus weitere Interviewausschnitte mit Lucier und seinen Weggefährten runden diese DVD zu einer hinreißenden Hommage an diesen Pionier elektroakustischer Klangwelten.
Eine weitere verdienstvolle Wergo-Produktion ist der Mitschnitt der vielgelobten Wuppertaler Aufführung von Wolfgang Fortners „Bluthochzeit“ nach Federico García Lorcas gleichnamigem Drama. Unspektakulär abgefilmt gibt er einen guten Eindruck dieser kraftvollen Produktion, die Anfang des vergangenen Jahres die Bühnentauglichkeit von Fortners nach seinem Tod in Vergessenheit geratener Oper eindrucksvoll in Erinnerung zurückrief. Dass sie mit ihren vielen gesprochenen Passagen freilich mehr den Geist des Übersetzers Enrique Beck als den Lorcas atmet, daran kann auch Regisseur Christian von Götz nichts ändern. Die darstellerische und musikalische Intensität des unter Hilary Griffiths’ Leitung eindrucksvoll agierenden Ensembles gleicht dieses Manko freilich ein gutes Stück weit aus.
Demgegenüber fallen zwei neue Opern, die nunmehr auf DVD dokumentiert wurden, deutlich ab, auch wenn sie noch so spektakulär daherzukommen glauben: Philip Glass ist in „The Perfect American“ (Opus Arte) zur schillernden Gestalt Walt Disneys nicht mehr eingefallen als der x-te Aufguss seines dramatisch leicht angewürzten Minimalstils. Die aufwändige, optisch spektakuläre Inszenierung am Madrider Teatro Real kann darüber nicht hinwegtäuschen.
Auf süffig-dürftigem Niveau scheiterte auch Jake Heggie mit seinem 2012 in San Francisco uraufgeführten „Moby Dick“ (EuroArts) an der Herausforderung, ein gigantisches Stück Weltliteratur halbwegs auf der Höhe der Vorlage auf die Bühne zu hieven. Wehmütig denkt man daran, in was für ein Seestück einst Benjamin Britten Melvilles „Billy Budd“ zu verwandeln wusste.
Oder an den Wagemut eines Hector Berlioz, der mit den „Trojanern“ alle damaligen Aufführungsmöglichkeiten sprengte. Heutzutage baut sich ein Haus wie die Royal Opera Covent Garden einfach ein riesiges, aus mechanischen Stahlteilen zusammengesetztes Pferd auf die Bühne und lässt Regisseur David McVicar um diesen Eye-Catcher herum das Personal einigermaßen schlüssig gruppieren. Unter Antonio Pappanos energetischer Leitung reicht das dann nicht für den ganz großen Wurf, immerhin aber zu einer beachtlichen Leistungsschau (Opus Arte). Optisch opulent fällt auch Kasper Holtens Inszenierung von Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ an der Finnischen Nationaloper aus (Opus Arte). Ein riesiger Setzkasten voller Erinnerungen dominiert den Bühnenraum, den Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt in den Hauptpartien eindrucksvoll zum Tönen bringen.
Vergleichsweise bescheiden nimmt sich dagegen der Aufwand aus, der rein bühnentechnisch vom Teatro del Maggio Musicale Fiorentino in Leos Janáceks „Schlauem Füchslein“ betrieben wurde (Arthaus). Nicht zum Schaden einer gut gesungenen Produktion, die das Stück in dem vom Komponisten intendierten märchenhaften Schwebezustand belässt. Seiji Ozawa holt aus dem bisweilen an seine Grenzen stoßenden Festivalorchester das Äußerste an Farben heraus.
Mit beachtlichem Medieninteresse war letztes Jahr die zweite Operninszenierung von Filmregisseur Michael Haneke in Madrid über die Bühne gegangen. Dass sich nun im DVD-Mitschnitt viel von der akribischen schauspielerischen Arbeit mitteilt, die Haneke mit dem auch sängerisch überzeugenden Ensemble in Mozarts „Così fan tutte“ geleistet hat, ist das Verdienst präziser Kameraperspektiven (C major). Hanekes Perspektive auf das Stück bleibt indes bei aller Gnadenlosigkeit den Figuren gegenüber und trotz des asketisch aufgeräumten Bühnenbilds bis zuletzt ein wenig unscharf. Klar ist nur, dass Don Alfonso (darstellerisch überragend: William Shimell) mit dem inszenierten Paartausch einen Rachefeldzug gegen seine Gattin Despina führt. Sylvain Cambreling hat mitunter Mühe, den Faden nach den sehr ernst genommenen und entsprechend gedehnten Rezitativen wieder aufzunehmen.