Warum tut man sich das an? Das ist eine Frage, die sich der 27-jährigen Alondra de la Parra absolut nicht stellt, als sie zu Beginn von Götz Schauders Film „Dirigenten“ im Taxi vom Flughafen zum Hotel in Frankfurt sitzt, begleitet von der Kamera. Sie ist eine von 24 Teilnehmenden des Georg-Solti-Dirigierwettbewerbs, und sie sprüht vor Energie und Enthusiasmus. Natürlich sei das Dirigentenleben hart, räumt die aus Mexiko stammende New Yorkerin vor der Kamera ein, manchmal sei sie „dreifach gejetlagt“ und wisse gar nicht mehr, wo sie gerade sei, und auf Dinge wie Barbesuche oder Freizeitausflüge müsse man sowieso komplett verzichten. Aber sie liebe es eben!
Götz Schauder hat fünf Kandidaten/-innen des Georg-Solti-Jahrgangs 2008 (rätselhaft, warum es so lange dauern musste, bis dieser Film ins Kino kam) über die Dauer des Wettbewerbs begleitet und auch die Jury bei der Arbeit beobachtet. Herausgekommen ist eine genau beobachtete, fesselnde Dokumentation, deren Handlungs- und Spannungsbogen einerseits schon vorgegeben ist durch die Wettbewerbssituation.
Doch die Frage, wer hier gewinnt, ist im Film nebensächlich. Es ist faszinierend, ganz nah mitzuerleben, wie die Protagonisten/-innen mit der Wettbewerbssituation umgehen, und zu hören, wie enorm verschieden sie ihre Arbeit definieren. Entweder war es ein absoluter Glücksfall oder Ergebnis genauester Insiderrecherche, dass Schauder fünf so äußerst unterschiedliche Menschen für seinen Film gewinnen konnte. Da gibt es auf der einen Seite de la Parra, die erklärt, es gehe nicht um sie selbst, Alondra, sondern darum, gemeinsam großartige Musik zu machen, auf der anderen den freundlichen Briten James Lowe, der sowieso nicht über sich selbst spricht.
Er erscheint als der Reflektierteste aller Interviewten, der Bescheidenste auch. Man dürfe sich nicht mit anderen vergleichen, das gelte für die Musik wie für das Leben generell, erklärt er. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass weder de la Parra noch Lowe, die beide in der Orchesterprobe ausgesprochen verbindlich auftreten, die zweite Runde erreichen.
Weiter kommen die anderen drei von der Kamera Begleiteten, darunter der erst 19-jährige Usbeke Aziz Shokhakimov, der so etwas wie der heimliche Star des Films ist. Sein jugendliches Alter hebt ihn heraus, aber auch sein Sendungsbewusstsein ist überdurchschnittlich. Wenn man den Komponisten mit Gott vergleiche, erklärt er, so sei der Dirigent sein Prophet. Entsprechenden Furor zeigt er beim Dirigieren, zum Beispiel auf dem Video, das er zur Bewerbung eingeschickt hat. Schauder filmt die Reaktionen der Jury auf diese Bewerbung (dafür, dass es vermutlich eine nachgestellte Szene ist, agieren die alten Herren ausgesprochen wahrhaftig vor der Kamera), die von „Schrecklich! So kann man Beethoven nicht machen!“ bis „Aber dieser Junge ist ein enormes Talent! Der lebt doch in der Musik!“ reichen.
Shokhakimov kommt in die zweite Runde und ist ein bisschen traurig, wegen James, wie er erklärt, mit dem er sich angefreundet habe und der nicht weitermachen dürfe. Auch diese Freundschaft begleitet die Kamera unaufdringlich. In einer entspannten Szene stehen der Brite und der Usbeke an einer Frankfurter Straßenecke und amüsieren sich mit einem pantomimischen Partituranfänge-Raten. Als Aziz die Finalrunde nicht erreicht und die Jury dies damit begründet, dass er noch zu jung sei und nicht zu früh verschlissen werden solle, ist er nicht traurig, sondern wütend. Im Fußball sei es schließlich auch nicht so, erklärt er, wenn man gut sei, sei das Alter doch egal!
Unter den drei Finalisten sind zwei der Filmprotagonisten: Der eine ist der Darmstädter Andreas Hotz, der auf geradezu klassische Weise den Deutschen gibt, von Konzept, Struktur und Logik spricht. Der andere ist der japanischstämmige Amerikaner Shizuo Kuwahara, der so charismatisch wie sympathisch auftritt, prinzipiell keinen Taktstock benutzt und beim Dirigieren sogar weinen kann. Am Schluss gewinnt er, und das ist sehr schön. Aziz Shokhakimov aber sagt, er werde nächstes Mal wiederkommen, „wie der Terminator“, und grinst dabei, wie nur ein Junge grinsen kann. Und dann geht er aufrecht in seinem etwas zu großen Mantel davon.
Im Kino ab 28.1.2016