Mit der Dokumentation des Jazz im Bewegtbild ist es so eine Sache. Will man die Lebens- und Wirkungsgeschichte einer Jazzlegende nacherzählen, bleibt oft nur der Weg, überliefertes Film- und Fotomaterial in eine chronologische Abfolge zu bringen, mit einer Erzählstimme zu begleiten und zwischendurch Weggefährten oder Experten zu Wort kommen zu lassen. Das ist im besten Fall informativ, selten kommt dabei aber ein wirklich packendes Ganzes zustande. Das gilt leider auch im Fall der vier bei Medici Arts (Naxos) erschienenen Porträts von Louis Armstrong (2057088), Billie Holiday (2057098), Charlie Parker (2057078) und Thelonious Monk (2057118).
Kein Zweifel, das ausgewählte Material ist durchweg erstklassig und lohnt für sich genommen schon der Anschaffung, aber die Kommentare kommen über betuliche Lobeshymnen selten hinaus und die Interviewpartner, die natürlich immer auch die eine oder andere köstliche Anekdote auf Lager haben, scheinen die Zuschauer oftmals nicht mit musikalischen Beobachtungen überfordern zu wollen.
Im Billie-Holiday-Film ist man außerdem auf die Schnapsidee verfallen, die Auszüge aus ihrer (in ihrer Authentizität umstrittenen) Autobiografie von einer Sprecherin lesen zu lassen, die Lady Days Tonfall zu imitieren versucht …
Am besten gelingt die in jedem Fall immer unterhaltsame Mischung noch bei Monk, dessen Eigenarten von einigen seiner Mitstreiter prägnant auf den Punkt gebracht werden.
Besser bedient ist man aber wohl, wenn man weiterhin die Schätze begutachtet, die in der Serie Jazz Icons (Naxos) mit Liebe und Akribie gehoben werden. Die Kombination aus erstklassigen Konzertmitschnitten, die für sich sprechen, und den exquisiten Kommentaren im Booklet für diejenigen, die es etwas genauer wissen wollen, setzt auch in der vierten Folge Maßstäbe. Dass Art Blakey nun zum zweiten Mal vertreten ist, heißt nicht, dass den Trüffelsuchern das Material ausgehen würde.
Dieser 1965er-Mitschnitt aus Paris (2.119017) war schon für die erste Serie geplant, bevor dann aus heiterem Himmel der Film mit der „Moanin’“-Besetzung auftauchte (siehe Jazzzeitung 11/2006). Hier nun also jene Jazz-Messengers-Band, die nur für diese eine Europa-Tour zustande kam und von den produktiven Reibungen des unbeirrt und vital durchtrommelnden Bandleaders mit dem rhythmisch frei flottierenden, solistisch wunderbar skurrilen Jacki Byard am Piano lebt. Dazu noch die solistischen Höhenflüge eines Freddie Hubbard („Blue Moon“!), der wenig bekannte, aber enorm wendige Nathan Davis am Tenorsax, zwei Nummern ohne Zeitlimit („The Hub“, „Crisis“) und Michael Cuscunas intelligente Kommentare: ein Knaller!
Ein weiterer Gigant der Jazztrompete ist in ganz anderer Umgebung zu erleben: Art Farmers in sich hineinhorchender Flügelhornton dialogisiert aufs Feinste mit Jim Halls durchsichtigem Gitarrenspiel. Die Kameraarbeit ist ausgezeichnet, der Sound wird leider erst ab dem fünften Track akzeptabel, es lohnt sich also dranzubleiben (2.119019).
Entspanntes Zurücklehnen und Genießen ist dann mit Woody Hermans exzellenter Big Band von 1964 angesagt (2.119016), vor allem aber mit zwei Auftritten des Erroll Garner Trios 1963 und – laut Booklet – 1964 (der holländische Garner-Spezialist Jan van Diepenbeek hat das Datum des zweiten Mitschnitts auf April 1966 korrigiert). Garner zelebriert seine aberwitzigen Intros mit dem typischen spitzbübischen Grinsen und feuert in seinen Soli wahre Feuerwerke an Einfallsreichtum und pianistischem Irrwitz ab (2.119021). Ein Garner’sches Grinsen huscht auch über das Gesicht von Jimmy Smith als dieser 1969 in „Satin Doll“ eine kleine Verbeugung vor dem Pianomeister vollführt. Ansonsten strotzt sein phänomenales Orgelspiel vor Energie, der Blues ist immer Ausgangspunkt, aber nie die Grenze seiner improvisatorischen Fantasie, sein Solo über „The Sermon“ ist schlicht atemberaubend (2.119018).
Coleman Hawkins war Anfang der 1960er-Jahre in Sachen Atemtechnik vielleicht nicht mehr auf jenem Level, mit dem er über Jahrzehnte hinweg der einflussreichste Tenorist gewesen war, auch in diesen späten Mitschnitten scheint aber immer wieder seine Phrasierungskunst und der harmonische Reichtum seiner Improvisationen durch. Mit Harry „Sweets“ Edison steht ihm 1964 ein wunderbarer Trompeter zur Seite (2.119020).
Auch vokal hat diese Serie wieder ein schönes Dokument zu bieten. Vor allem im schwedischen Konzert von 1963 ist Anita O’Days Klasse mit Händen zu greifen. Ihre Fähigkeit, die Texte der Standards trocken auf den Punkt zu bringen und in den Scateinlagen auf Augenhöhe mit ihren Mitmusikern regelrecht instrumental zu agieren („Tea for two“), ist ein Vergnügen für sich (2.119015; die komplette Box mit Bonusdisc – Jimmy Smith, Coleman Hawkins und Erroll Garner – hat die Bestellnummer 2.108003).