Hauptbild
Eine Erinnerung an den polnischen Jazz- und Filmkomponisten K. Komeda

Eine Erinnerung an den polnischen Jazz- und Filmkomponisten K. Komeda

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Meine süße europäische Heimat

Untertitel
Eine Erinnerung an den polnischen Jazz- und Filmkomponisten K. Komeda
Vorspann / Teaser

So etwas bleibt hängen: Ein geschätzter Kollege hat die Musik des Komponisten Krzysztof Komeda einst als „Jazz für Arme“ bezeichnet. Zur Ehrenrettung meiner nmz-Kollegen muss erwähnt werden, dass das „Urteil“ nicht aus unserer Redaktion stammte, sondern in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt gefällt wurde. Zum Zeitpunkt des Urteils war Komeda längst auch in Deutschland anerkannt gewesen als wichtigster polnischer Jazz- und Filmkomponist der Nachkriegszeit. „Jazz-Papst“ Joachim-Ernst Berendt und der ECM-Gründer Manfred Eicher hatten das ihrige dazu beigetragen, dass der Hauskomponist von Roman Polanski auch in Deutschland gewürdigt wurde. An all das muss man denken, wenn man das neueste herausragende Album des großartigen Jazzpianisten Joachim Kühn hört: „Komeda“ (ACT Music). Zusammen mit dem Atom String Quartet hat hier Kühn den Filmthemen aus „Das Messer im Wasser“ und „Rosemaries Baby“ neues Leben eingehaucht. Das Herzstück des Projekts, kuratiert von Siggi Loch, sind freilich die drei Stücke, die Komeda 1965 für die LP „Astigmatic“ einspielte, die als die wichtigste Platte des polnischen Jazz gilt.

 

Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Geboren wurde Komeda als Krzysztof Trzcinski im April 1931 im polnischen Posen. Dort war er Schüler am Musikkonservatorium, entschied sich dann aber für ein Medizinstudium. Als Hals-Nasen-Ohren-Arzt führte er anfangs ein Doppelleben zwischen Praxis und Jazzkatakomben. In dieser Zeit Mitte der fünfziger Jahre entschied er sich auch für den Künstlernamen Komeda. Kurze Zeit später hing er den Arztberuf an den Nagel. Bis zum Tode von Stalin 1953 war Jazz (wie im „Dritten Reich“) in Polen „verboten“ gewesen. Danach begann die Szene im Untergrund zu blühen. Erste Erolge feierte das Komeda-Sextett 1956 auf dem Jazz-Festival in Sopot. In dieser Zeit entstand auch die erste Aufnahme: „Memory of Bach“, inspiriert von Bachs zweistimmigen „Inventionen“, die jeder Klavierschüler bes­tens kennen dürfte. Es war die Zeit des Modern Jazz Quartet, das „switched on Bach“ war und des Gerry Mulligan Quartet, in der Komeda seine Karriere begann. 1958 traf er den jungen Roman Polanski, der ihn für einen seiner Kurzfilme als Filmkomponist engagierte: die Farce „Zwei Männer und ein Schrank“. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die tragisch enden sollte. Und es war der Einstieg ins Filmgeschäft.

Unschuldige Zauberer

Internationale Aufmerksamkeit als Filmkomponist erregte er erstmals 1960 mit Andrzej Wajdas „Die unschuldigen Zauberer“. Einer der schönsten Filme des polnischen Kinos über die Sehnsucht einer jungen Nachkriegsgeneration, die noch geprägt von den Kriegserlebnissen auf der persönlichen Suche nach Freiheit ist. Ein „Jazzfilm“ der polnischen „Nouvelle Vague“. Wie die französische „Neue Welle“ wird auch das junge polnische Kino von nun an geprägt sein vom Sound des Jazz. Komeda war auch mit dabei, als Polanski 1961 endlich seinen ersten abendfüllenden Spielfilm realisieren konnte: die Dreiecksgeschichte „Das Messer im Wasser“. Zwei Komeda-Nummern daraus wurden zu Klassikern des polnischen Jazz: „Crazy Girl“ und „Ballad for Bernt“. Konstantin Jahn hat zum Soundtrack zu diesem Psychothriller angemerkt: „Im Sinne eines fast formalistischen Realismuskonzeptes lebt die sparsame Tondramaturgie von den Geräuschen des Wassers oder dem Rauschen des Windes in den Bäumen und Segeln. In sparsamen und kühlen Improvisationen kombiniert Komeda einen (ost)europäischen Lyrismus mit Spuren von amerikanischem Avantgarde-Jazz. Komedas Minimalismus bemüht keinerlei Kriminalitäts- oder Sexualitätsklischees. In Kombination mit den masurischen Seen entwickelt diese Filmmusik eine lyrische Romantik und Innerlichkeit, die wie der gesamte Jazz in den Ostblockstaaten jener Jahre auch als subversiv wahrgenommen wird.“

Text

Standards des Jazz

Im Dezember 1965 spielte das „Komeda Quintet“ in Warschau das Album ein, das in allen polnischen Jazz-Polls der letzten Jahrzehnte zurecht die Spitzenposition einnimmt: „Astigmatic“ (wiederveröffentlicht von Warner Music Poland). Alle drei Stücke daraus wurden zu Standards des polnischen Jazz, darunter „Svantetic“ und „Kattorna“, das ursprünglich für den gleichnamigen Film von Henning Carlsen entstanden ist. 1967 folgte die letzte Jazzplatte: „Meine süße europäische Heimat“. Eine „Jazz & Lyrik“-Produktion von Joa­chim-Ernst Berendt mit Helmut Lohner als Sprecher von polnischer Lyrik, unterlegt von Komeda-Kompositionen. Wer die pure Musik genießen will, sei auf die vorzügliche Neueinspielung des Jan Ptaszyn Wroblewski Sextet (wieder bei Warner) hingewiesen.

Nach der Premiere von „Rosemaries Baby“ (mit dem berühmten „Lullaby“) verließ Komeda 1968 Warschau und siedelte nach Hollywood um. Dort wurde er in einen Unglücksfall verwickelt, der bis heute nicht geklärt wurde. War es ein Autounfall in Los Angeles oder eine Schlägerei unter Freunden? Eine chronische Hirnblutung führte dazu, dass Komeda Anfang 1969 ins Koma fiel. Und nie wieder aufwachte. Komeda starb am 23. April 1969 in Warschau. Ein paar Monate später wurde Polanskis Ehefrau Sharon Tate von Mitgliedern der „Manson Family“ bestialisch ermordet. Komedas Musik erlebt spätestens seit 1997 ein Comeback, als sein einstiger treuer Trompeter Tomasz Stanko ihm ein ganzes eigenes Album gewidmet hat: „Litania“ (ECM). Produziert wurde die Hommage von Manfred Eicher, der einst die Musik von Komeda im Kino entdeckt hat, in Polanskis „Das Messer im Wasser“. So schloss sich der Kreis.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!