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Musikalisches Kontinuum

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Opern des 20. Jahrhunderts auf neuen DVDs
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Stetig wächst das auf DVD verfügbare Opernrepertoire und erfreulicherweise spielt auch das 20. Jahrhundert zunehmend eine Rolle. So kommt es zu dem luxuriösen Umstand, dass von Paul Hindemiths epochaler Künstleroper über den mordenden Pariser Goldschmied Cardillac gleich zwei Produktionen verfügbar sind.

Szenisch vermag dabei Jean-Pierre Ponnelles Mitte der 1980er-Jahre erfolgter Rückgriff auf die Ästhetik der Stummfilmzeit nach wie vor zu fesseln. In Pet Halmens monochrom ausgeleuchtetem Bühnenbild entfaltet sich ein intensives, schauspielerisch bewusst übersteigertes Spiel. Besonders köstlich kommt diese Hommage an das Kino der 20er-Jahre in der berühmten stummen Mordszene des ersten Aktes auf überdimensionierten Tigerfellen zur Geltung; die Chorszenen sind von eindringlicher Präsenz.

André Werners chicke Art-Déco-Möblierung mit Fantômas-Zitaten (Paris 2005) reicht an diese Eindringlichkeit nicht durchweg heran; der Eleganz der Interieurs haftet ein etwas oberflächlicher Glanz an, der nur dort durchbrochen wird, wo den Sängern über den Konversationston hinaus Gelegenheit zur Entfaltung gegeben wird. Rhythmisch und sprachlich ist dies allerdings auch dank Kent Naganos sorgfältiger Durchleuchtung der Partitur meist prägnanter als bei Sawallischs üppigem, ein wenig pauschal Strauss’sche Emphase verströmenden Dirigat, was vor allem Angela Denoke als Cardillacs Tochter gegenüber Maria de Francesca-Cavazza deutlich überlegen macht. Auch Alan Held ist der präzisere Goldschmied, erreicht aber selten die Intensität, mit der Donald McIntyre Ponnelles Konzept umsetzt.

Die Zeitlosigkeit, die – trotz unterschiedlicher Ansätze – beide Produktionen für Hindemiths Oper beweisen, kann die eigens fürs Fernsehen adaptierte Uraufführungsinszenierung von Pendereckis „Die Teufel von Loudon“ nicht für sich beanspruchen. Zwar strahlt auch das pseudonaturalistische Dekor, in dem auf der Grundlage von Konrad Swinarskis Regie Joachim Hess 1969 den mit rollenden Augen agierenden Sängern auf Schritt und Tritt folgte, eine Kinoästhetik aus, doch ist es hier die von zweitklassigen Gruselfilmen. Pendereckis effektsichere, damals sicher unerhört neue Musik verkommt bisweilen zur Klangtapete (hier in Mono) für schwülstige Unzuchtfantasien und schwarze Messen. Ausgezeichnet freilich das von Marek Janowski kompetent geführte Ensemble, allen voran Tatiana Trojanos, die sich mit Hingabe in die heikle Rolle der Schwester Jeanne stürzt.

Auch Nikolaus Lehnhoff vermag mit seiner aus London nach Barcelona exportierten Inszenierung Henzes „Boulevard Solitude“ nicht durchgängig neu zu beleben. In einer Bahnhofshalle spielen sich die Stationen im Leben der Manon ab, einer Lulu-nahen Figur, ohne jedoch deren Vielschichtigkeit zu erreichen. Die immer gleichen Gänge der Reisenden in den Zwischenspielen – ein sich zunehmend abnutzender szenischer Effekt – münden in Lescauts erfolgreicher Suche nach einem Ersatz für die gefallene Schwester: der Reigen beginnt von Neuem. Musikalisch dank guter Protagonisten und Zoltán Peskos Sorgfalt aber eine hörenswerte Produktion mit anrührenden Ovationen für den anwesenden Komponisten.

Die szenische Großtat in Sachen Karl Amadeus Hartmann kam im Jubiläumsjahr 2005 aus Stuttgart. Christof Nel reduzierte seine in vielen Nuancen prophetische Simplicius-Oper von 1935 zu einem kargen Kammerspiel, dem die Beklemmung der Entstehungszeit eindringlich eingeschrieben ist. Wie das von der großartigen Claudia Mahnke angeführte Ensemble, Chor und Kammerorchester der Staatsoper dies unter Kwamé Ryans präziser Leitung umsetzte, war ein Ereignis.

Gleiches gilt für David Pountneys spektakuläre, in der Drastik der Vergewaltigungsszene an die Grenzen des Ertragbaren gehende Ruhr-Triennale-Produktion von Bernd Alois Zimmermanns „Soldaten“. Die Verfilmung versucht nicht, die Perspektive der Zuschauer zu rekonstruieren, die auf fahrbaren Sitztribünen an dem über 100 Meter langen Bühnensteg entlang bewegt wurden. Vielmehr fängt sie die einzigartige, angemessen bedrohliche Stimmung der Bochumer Jahrhunderthalle ein, die wie geschaffen scheint, Zimmermanns Vision eines musikalischen Raum-Zeit-Kontinuums zu beherbergen. Sensationell auch die bis in die Nebenrollen präzise Besetzung und Steven Sloanes Koordinationsleistung am Pult der Bochumer Symphoniker.

  • Hindemith: Cardillac (Regie: Jean-Pierre Ponnelle). Donald McIntyre, Maria de Francesca-Cavazza, Robert Schunk, Bayer. Staatsorchester, Wolfgang Sawallisch. DG 004400 073 4324
  • Hindemith: Cardillac (Regie: André Engel). Alan Held, Angela Denoke, Christopher Ventris, Orch. de l’Opéra national de Paris, Kent Nagano. Mit Bonus-Film: „Discovering an Opera“. Bel Air BAC023
  • Penderecki: Die Teufel von Loudon (Regie: Konrad Swinarski/Joachim Hess). Tatiana Troyanos, Andrzej Hiolski, Bernard Ladysz. Hamburger Philharmoniker, Marek Janowski. Arthaus 101 279
  • Henze: Boulevard Solitude (Regie: Nikolaus Lehnhoff). Laura Aikin, Pär Lindskog, Tom Fox. Orch. Gran Teatre del Liceu, Barcelona, Zoltán Pesko. EuroArts 2056385
  • Hartmann: Simplicius Simplicissimus (Regie: Christof Nel). Claudia Mahnke, Frank van Aken, Heinz Göhrig. Staatsorchester Stuttgart, Kwamé Ryan. Arthaus 101 255
  • Zimmermann: Die Soldaten (Regie: David Pountney). Claudia Barainsky, Claudio Otelli, Peter Hoare, Frode Olsen. Bochumer Symphoniker, Steven Sloane. RuhrTriennale

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