Jüngeren Musikfreunden, sofern sie sich überhaupt aktiv für Neue und Neueste Musik interessieren (und nicht bloß für längst museal gewordene), ist der Blick auf die bleibenden Verdienste verstellt, die sich Karlheinz Stockhausen in der ersten Hälfte seiner Laufbahn erwarb – und zwar durch den ebenso umstrittenen wie weitgehend unbekannten, weil kaum aufgeführten, Musiktheater-Zyklus „Licht“. Dass bereits der junge Karlheinz Stockhausen immer für einen Skandal gut war, zumindest aber belächelt oder mit blankem Unverständnis abgestraft wurde, und dass schon seine heute als moderne Klassiker durchgehenden Werke seltsame Laute und Texte aus eigener Feder verwendeten und mit noch seltsameren theatralischen oder zumindest halbszenischen Aktionen für Irritation sorgten, wird dabei gerne übersehen.
Es gibt demnach eine Kontinuität zwischen dem frühen Stockhausen, der als Musikinnovator weltweit Furore machte, und dem späten, der scheinbar einer skurrilen Privatmythologie huldigte, seine Werke mit (keineswegs dilettantisch agierenden) Freunden und Familienmitgliedern einstudierte, zuhause in Kürten ein jährliches Stockhausen-Festival organisierte, seine neueren Partituren im Stockhausen-Verlag drucken ließ und sein Gesamtwerk auf selbst illustrierten und kommentierten CDs auf seinem Privatlabel veröffentlichte. Sein Sonderweg kündigt sich in einer 1965 aufgezeichneten Sendung des französischen Fernsehens bereits an: Sie zeigt den damals 37-Jährigen bei der Einstudierung der ersten, so genannten Donaueschinger Version der „Momente“, in Zwischenschnitten aber auch bei einer im Gehen entwickelten freien Rede in flüssigem (englisch untertitelten) Französisch, aus der wir unter anderem erfahren, dass er seine Eltern durch die Machenschaften der Nazis früh verlor und sich daraufhin auf eigene Füße stellte und von allen Vorbildern zu lösen begann. Dabei leuchten aus den Augen des Charismatikers alle für eine Führungspersönlichkeit (oder einen Guru) erforderlichen Eigenschaften.
Dieser Eindruck korrespondiert ganz hervorragend mit der Ausstrahlung des Neue-Musik-Pioniers Edgar Varèse; der blickt nämlich auf einer berühmten Fotografie mephistophelisch drein, wird aber, weil kurz vor Drehbeginn verstorben, in einem anderen Beitrag der von Luc Ferrari und Gérard Patris verantworteten Reihe „Les Grandes Répétitions“ („Die großen Proben“) allein durch seine Off-Stimme und die Aussagen seiner illustren Weggefährten lebendig: Pierre Boulez, André Jolivet, Olivier Messiaen, Pierre Schaeffer, Hermann Scherchen, Iannis Xenakis, schließlich sein lebenslanger Freund Marcel Duchamp, welcher andächtig der Tonaufnahme der „Déserts“ lauscht, deren Proben wiederum kein geringerer als Bruno Maderna leitet. Mithin ein unschätzbares Zeitdokument (natürlich s/w, mono und im Format 4:3), bei dem man – analog zum Film über die „Momente“ – im Nachhinein nur bedauern kann, dass die anschließenden Konzerte nicht auch gefilmt wurden.
Wie zur Kompensation erscheint die andere Stockhausen-Neuheit aus dem Hause mode records gleich in zwei Inkarnationen, nämlich als Doppel-CD und als DVD, letztere wahlweise in Dolby-Stereo und zwei Surround-Formaten. Sie präsentiert Stockhausens komplettes Frühwerk für und mit Perkussion, eine verdienstvolle Initiative, da zum einen das Schlagtrio von 1952 und der ebenfalls drei Spieler beschäftigende „Refrain“ von 1959 höchst selten zu hören sind und zum anderen die „Kontakte“ von 1958–60 (deren elektronischer Part seinerzeit eigens im Vierkanalton produziert wurde), der „Zyklus“ von 1959 sowie „Mikrophonie I“ von 1964 zu den Schlüsselwerken Stockhausens (und somit der Neuen Musik überhaupt) zählen. Warum gerade diese? Weil – vereinfacht gesagt – der „Zyklus“ das historisch erste Stück für einen Solo-Schlagzeuger war, in den „Kontakten“ erstmalig Live-Performer mit einer elektronischen Komposition in einen (imaginären) Dialog traten und in der „Mikrophonie“ die Live-Elektronik ihre Geburtsstunde erlebte.
Die Interpreten – hier Steven Schick (perc), der verstorbene James Avery (p) und das Ensemble red fish blue fish (die auch Einführungen im amerikanischen Plauderton liefern) – haben viele relevante Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen, manche im Vorfeld, andere spontan. Unabhängig davon, sprühen die ausgefeilten Stockhausen’schen Konzepte, die den Klang-Aktionen zugrunde liegen, nur so vor Originalität: mit inspirierender Wirkung. Ob es nun vorzuziehen ist, (meinethalben mit geschlossenen Augen), allein die Musik wirken zu lassen oder die Ausführenden dabei zu beobachten, wie sie Myriaden (ansonsten nicht immer erklärlicher) Klänge und Geräusche hervorbringen, bleibt allerdings Geschmackssache.
„Les grandes répétitions – Stockhausen & Varèse.“ mode records 276
Karlheinz Stockhausen: Complete Early Percussion Works. mode records 274