Hauptbild
Belafonte in „Carmen Jones“ 1954. Foto: Archiv
Belafonte in „Carmen Jones“ 1954. Foto: Archiv
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Von Carmen Jones bis zu Obama

Untertitel
Alles über Harry Belafonte: Autobiografie, Hörbuch, DVD
Publikationsdatum
Body

Als Olga Neuwirth im Herbst ihre Alban-Berg-„Paraphrase“ „American Lulu“ in der Komischen Oper Berlin präsentierte, erwähnte sie beiläufig auch das „Vorbild“ für ihre Bearbeitung: „Carmen Jones“. Bereits in den 40er-Jahren hatte Oscar Hammerstein II diese „schwarze“ Musicalversion für den Broadway konzipiert. Aber die Neuwirth erinnerte sich natürlich an die großartige Verfilmung von 1954 mit Dorothy Dandridge und Harry Belafonte, die ein Wiener in Hollywood inszeniert hat, Otto Preminger. Mit „Carmen Jones“ war vor fast sechs Jahrzehnten der ganz große Durchbruch gekommen für den streitbaren New Yorker Schauspieler und „Calypso-König“, der in diesem Jahr seinen 85. Geburtstag feierte.

Vor einem Jahr hat die „Viennale“ Belafonte eine Hommage gewidmet, und so konnte man auch „Carmen Jones“ wieder in CinemaScope auf der großen Leinwand bewundern. „Carmen Jones“ war das Herz dieser Reihe, die flankiert wurde von einer wunderbaren Dokumenta­ti­on über sein Leben, „Sing Your Song“, die gerade bei Arsenal/Good Movies auf DVD erschienen ist. Aber wenn man seine Stimme vom „Banana Boat Song“ noch im Ohr hatte, war man etwas irritiert. Das war doch nicht Belafontes Gesangsstimme, die da in „Carmen Jones“ erklang. Richtig! Weil weder Dorothy Dandrige noch Harry Belafonte eine „Opernstimme“ hatten, ließ Fox-Boss Darryl Zanuck damals alle ihre Songs „dubben“, von Marilyn Horne und LeVern Hutcherson. In seiner Autobiografie „My Song“ (Kiepenheuer & Witsch) erinnert sich Belafonte an eine merkwürdige spätere Begegnung mit seinem Gesangsdouble, den damaligen „kräftigen, aufrechten Mann mit der wunderbaren Stimme“: „Ich sehe ihn vor mir, wie er etwa ein Jahrzehnt später aussah, als ich ihn spätabends im Reuben traf, einem Restaurant auf der East Side, wo ich nach einer Vorstellung im Copa noch eins dieser unglaublichen Sandwichs haben wollte. Bevor ich mich an einen Tisch setzte, ging ich nach unten zur Toilette und musste zweimal hinsehen, als der Toilettenmann mir ein Handtuch reichte.“ LeVern­ war zum „letzten Mann“ geworden, während Belafonte zum berühmtesten „schwarzen“ Sänger der Fifties aufgestiegen war. Diese unheimliche Begegnung hat Belafonte damals viel zu schaffen gemacht: „LeVern hatte nur seine Stimme. Von ein paar Opernfans abgesehen, kannte niemand sein Gesicht oder auch nur seinen Namen. Aber wäre ein weißer Opernsänger von ‚Carmen‘ in Hollywood zum Toilettenmann abgestiegen? Wohl kaum. LeVerns­ Beispiel war nur eines von vielen, das zeigte, wie schwarze Darsteller durchs Netz bis ganz nach unten fallen konnten.“

Aber Harry Belafonte hatte Glück gehabt, 1952 wurde er von RCA entdeckt. Und noch vor Elvis hatte ihn die New Yorker Plattenfirma zum Superstar der Fifties aufgebaut. Ein Jahrzehnt lang, bis zur „British Invasion“, 1964 war er mit Alben wie „Calypso“ oder „Belafonte At Carnegie Hall“ Dauergast in der amerikanischen Hitparade. Damals fand man vermutlich in jedem amerikanischen Haushalt zumindest eine Belafonte-Platte. Und auch in Deutschland ist Belafonte schon Mitte der 50er-Jahre zum „household name“ geworden. Sein „Day-O“ erklang fast zu oft aus den Musikboxen. Jedenfalls scheint die Wiener Cabaret-Clique um Bronner & Kreisler das so empfunden zu haben, denn sie ließ den Qualtinger den „Jedermann-Calypso“ anstimmen. Wobei sie diese Idee dem genialen Stan Freberg geklaut haben. 

Schon damals war Belafonte eine afro-amerikanische„Ikone“ gewesen wie der „linke“ Sänger Paul Robeson, ein Kämpfer der Bürgerrechtsbewegung, der befreundet war mit Martin Luther King und „Bobby“ Kennedy. Am Ende seiner Lebensreise durch das 20. Jahrhundert erinnert er „seinen“ – gerade wieder gewählten – Präsidenten Barack Obama an seine politischen Erfahrungen: „Nach über 50 Jahren in der Bürgerrechtsbewegung weiß ich eines sicher: Die Armen werden sich nicht einfach still zum Sterben in eine dunkle Ecke zurückziehen, so sehr die neue politische Mehrheit sich das auch wünscht. Wenn dein Bauch leer ist, tust du, was du tun musst, damit die Hungerschmerzen aufhören. Du gehst auf die Straße, oder du stiehlst, oder du greifst nach einer Waffe.“ Ein kluger, zorniger alter Mann spricht da, der immer mehr war als nur der „Calypso-König“ einer weißen, amerikanischen Mittelschicht. Ein Mann der Zukunft?

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!