Eigentlich sollte der Kinosommer 2004 im Zeichen des Blues stehen. „The Blues“ hieß ein siebenteiliges Filmprojekt, das „Taxi Driver“-Regisseur und Produzent Martin Scorsese angeregt hatte. Bereits 2003, im amerikanischen „Jahr des Blues“, war das Filmpaket im US-Fernsehen zu sehen gewesen. In Deutschland versuchte man die „Blues“-Filme tröpfchenweise zu vermarkten. Monat für Monat sollte ein Film der Reihe ins Kino kommen. Man begann mit Wim Wenders’ „The Soul Of A Man“, dann folgten Richard Pearces „The Road To Memphis“ und Martin Scorseses „Feel Like Going Home“. „The Blues“ erwies sich als Flop. Die Reihe wurde abgebrochen. So kamen die Beiträge von Clint Eastwood oder Mike Figgis nicht mehr ins Kino. Den enttäuschten Blues-Fans bleibt nun nur doch der Griff zu der soeben bei McOne erschienenen 7-DVD-Box.
Eine „Hommage in sieben Akten“ nennt der Anbieter diese famose „Reise zu den Wurzeln des Blues“. Und man wird dabei das Gefühl nicht los, dass als DVD – mit Audiokommentaren der Regisseuren und zahlreichen Bonus Tracks versehen – dieses Projekt erst seine endgültige Form gefunden hat. Wir wissen es, der Blues ist die Wurzel aller anglo-amerikanischen Popularmusik. Auf seine sehr eigene Weise hat es vor ein paar Jahren der „Sparifankal“-Musiker Carl-Ludwig Reichert in seinem „Blues“-Buch auf den Punkt gebracht: „Der Blues hat Geschwister in Afrika, Brasilien und Hawaii und er hatte ein Baby, das nannte man Rock’n’Roll. Den Blues ziert keine illustre Verwandtschaft, aber zu ihm gehören ehrliche Leute. Viele seiner Abkömmlinge gingen ins Show-Business: Boogie, Rhythm & Blues, Dixieland, Skiffle, Blues-Rock.“ All diesen Verwandten und Bastarden begegnen wir in „Martin Scorsese Presents The Blues“ wieder. Einige der Highlights dieser Box seien herausgegriffen. Da ist zuerst Wim Wenders’ „The Soul Of A Man“. Seit seiner Münchner Zeit in den späten Sixties spukt bei Wenders der Blues herum. Einer seiner Kurzfilme war inspiriert von einem J.B. Lenoir-Song „Alabama“ und eine Komposition von Blind Willie Johnson („Dark Was The Night“) grundierte Ry Cooders Soundtrack zu „Paris, Texas“. Zusammen mit Skip James bildeten sie in den Sixties Wenders’ ganz persönliches Blues-Triumvirat. Mit „Dark Was The Night“, das die Amerikaner in den siebziger Jahren als Kulturgut in das Weltall schickten, beginnt Wenders’ Film. Nachgestellte Szenen mit Blind Willie Johnson und Skip James wechseln sich ab mit neu entdecktem sensationellen Material von J.B. Lenoir aus den Sixties. Genau der legendäre J.B. Lenoir, dessen Tod damals von dem weißen Bluesman John Mayall beweint wurde, ist hier putzmunter.
Ein anderer Musikfreak des Kinos ist Martin Scorsese. Schon sein allererster Film hatte den Titel von einem DooWop-Klassiker geklaut: „Who’s That Knocking At My Door?“ In „Feel Like Gong Home“ macht Scorsese sich nun mit dem jungen Bluesgitarristen Corey Harris auf die Suche nach den Wurzeln des Blues. Auf seiner Reise trifft er Robert Johnson & Leadbelly, Son House & John Lee Hooker, Taj Mahal & Willie King. Am Ende seiner langen Reise durch Raum und Zeit landet er schließlich dort, wo alles begann: in West Afrika.
Eine Reise zum „Ol’ Man River“, dem Mississippi unternimmt dagegen Richard Pearce in „The Road To Memphis“. Dort in den legendären „Sun Records“-Studios nahm Sam Phillips die ersten Scheiben des „Kings“ auf: Elvis Presley. Dort entstanden aber auch viele klassische Blues-Aufnahmen, wie wir von B.B. King und Bobby Rush erfahren.
Amateurpianist Clint Eastwood dagegen widmet sich in seinem Beitrag dem „Piano Blues“. Eastwood, der als Kind aufgewachsen ist mit Fats Waller im Ohr, lädt hier ein zu einem pianistischen Stelldichein mit Dave Brubeck, Dr. John, Jay McShann und dem gerade verstorbenen Ray Charles, der am Ende „America The Beautiful“ anstimmt. Der vielleicht relaxteste Beitrag zu dieser Reihe dürfte schließlich von dem Regisseur und Musiker Mike Figgis („Leaving Las Vegas“ kommen: „Red, White And Blues“. Untertitel: „Wie Briten den Blues neu erfanden“. Oder: Wie Skiffle, Chess Records, AFN und Alexis Korner die britische Musiklandschaft änderten. Fazit: Mit „The Blues” öffnet sich ein Fenster zur musikalischen Welt des 20. Jahrhunderts.