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Zeitloses, in Bernstein eingeschlossen: Gabriel Dupont (1878–1914)
Zeitloses, in Bernstein eingeschlossen: Gabriel Dupont (1878–1914)
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Klingende Aquarelle – eine neue CD erinnert an den Komponisten Gabriel Dupont (†2.8.1914)

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Gabriel Dupont gehört dem gleichen Geburtsjahrgang 1878 an wie André Caplet und Lucien Durosoir – ähnlich interessant und genauso verkannt wie er. Allerdings war ihm eine deutlich kürzere Lebensspanne vergönnt als jenen: er starb bei Kriegausbruch 1914 im Alter von nur 36 Jahren an der damals noch unheilbaren Tuberkulose.

Zunächst Kompositionsschüler von Massenet, dann Orgelschüler von Vierne und Widor, belegte er 1901 beim Wettbewerb um den begehrten Rompreis einen ehrenvollen 2. Platz (hinter Caplet, aber noch vor Ravel). Im selben Jahr entstand sein kleines Diptychon („An den Morgen“ / „An den Abend“) „Journée de printemps“ für Violine und Klavier, das hier offenbar erstmals eingespielt wurde und noch über keinen individuellen Ton verfügt. Drei Jahre später, als sich schon Anzeichen seiner Krankheit bemerkbar machten, wurde Duponts Opernerstling „Cabrera“ erfolgreich uraufgeführt. Anschließend stürzte er sich, zunehmend die Städte und die Menschen meidend, in einen wahren Schaffensrausch, der in seiner 1912/13 entstandenen vierten Oper „Antar“ kulminierte, welche begreiflicherweise erst nach Kriegsende in Szene gehen konnte.

Einige wenige Orgelwerke, kammermusikalische und orchestrale Kompositionen sowie ein Strauß Lieder lockerten die dichte Folge seiner dramatischen Werke auf; dennoch finden sich unter den Instrumentalschöpfungen einige Hauptwerke: die beiden Klavierzyklen „Les heures dolentes“ (1903-05, auch für Orchester) und „La maison dans les dunes“ (1908-09), sowie das „Poème pour piano et quatuor à cordes“ von 1911, welches den Platz des von Dupont nicht geschriebenen Klavierkonzertes einnimmt.

Die insgesamt 24 Klavierstücke wurden bislang mindestens dreimal integral eingespielt. Daraus hat Marie-Catherine Girod, die Spezialistin für Nebenwege des französischen Repertoires, auf ihrer neuen CD für das Label Mirare neun ausgewählt. Obgleich von einer zarten Melancholie umflort, möchte ich sie keinesfalls morbid nennen, eher den Vergleich mit Marcel Proust bemühen, der von seinem Krankenlager aus zum Chronisten der scheinbar banalsten Vorgänge wurde. Die mit akribischer Genauigkeit aufgezeichneten Impressionen verraten einerseits beider Liebe zum viel zu kurzen Leben, fangen aber andererseits mit seismographischer Präzision das Parfum einer dekadenten, zum Untergang verurteilten Ära ein. Das individuelle Leiden steht stellvertretend für das Siechtum einer in ihrer Überfeinerung nicht überlebensfähigen Gesellschaft. Wie zum Trost, ja geradezu als heilsames Gegengift ist bei Dupont die Liebe zur Kraft und den Wundern der Natur allgegenwärtig.

Einige der Titel vermitteln auch noch in der Übersetzung eine Ahnung davon, worum es hier geht: „Das Haus der Erinnerung“, „Sonntagnachmittag“, „Eine Freundin hat Blumen vorbeigebracht“, „Melancholie des Glückes“, „Kinder spielen im Garten“. Dupont erweist sich in ihnen jeweils als Meister der Stimmungsmalerei, ohne jedoch wie Debussy Ausblicke in die Zukunft der Musik zu gewähren; Duponts klingende Aquarelle bewahren das von ihm Beobachtete und Empfundene als Unwiederbringliches und zugleich Zeitloses für die Nachwelt auf, als wäre es für immer in Bernstein eingeschlossen – darin ist er Schumann näher als seinen im Banne Wagners stehenden Zeitgenossen.

Das mehr als halbstündige „Poème“ (Gedicht) für Klavierquintett dürfen wir ohne Übertreibung als instrumentales Testament Duponts betrachten, und das erste, was daran auch ohne Kenntnis seiner kaum gespielten Opern auffällt, ist sein hochdramatischer, quasi symphonisch anmutender Gestus. Zwei ausgreifende Strophen („düster und schmerzlich“ / „glücklich und sonnig“) umrahmen einen knappen Mittelteil („klar und ruhig“). Dupont gibt sich nicht der Verzweiflung hin oder bemitleidet sich selbst, sondern gewinnt seinem äußerlich reduzierten Leben allein durch die Konzentration auf seine Kreativität einen höheren Sinn ab. In der Musik fand Gabriel Dupont seine Zuflucht, in der künstlerischen Gestaltung und Transzendierung seines Leidens seine Lebensaufgabe. Sie war und ist ein sicherer Ort jenseits alles körperlichen Verfalls, und das macht sie auch ein Jahrhundert später so wertvoll.

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