Gloria Coates: String Quartet No. 9 | Peter Michael Hamel: Erstes Klavierquartett „Festina Lente“ | Sebastian Stier: Die Tatsache des Käfigs | Stefan Streich: Lerche, Spur und Geister | Jörg-Peter Mittmann: Lamento. Musik mit Monteverdi

Neue Noten - 2023/10
Neue Noten 2023/09 – Kompositionen für vier- bis siebenköpfige Ensembles
1.
Gloria Coates: String Quartet No. 9 (2007) für zwei Violinen, Viola und Violoncello.
Edition Peters, Leipzig – London – New York. EP 14597 (Partitur und Stimmen).
Stilrichtung, allgemeiner Charakter
Verwendung von kontrapunktischen Kompositionstechniken zur Vermittlung klanglich heterogener Elemente (melodisch formulierte Themen, Geräuschklänge, Glissandi, am Korpus erzeugte perkussive Rhythmusfolgen).
Form, Struktur
Zwei Sätze: 1. Satz (Mirrors) komponiert als strenger Spiegelkanon mit Glissando-Fläche als musikalischer Kulminationspunkt in der Mitte; 2. Satz (The Cry) als frei sich entwickelnde Form, die auf einer Ausarbeitung wiederkehrender Motive basiert.
Notation, Dauer, Schwierigkeit
Leicht verständliche Notationssymbole für erweiterte Spieltechniken der rechten und linken Hand; Instrumente teils vierteltönig gegeneinander verstimmt und mit Skordatur einzelner Saiten.
Dauer: ca. 26 Minuten.
Schwierigkeitsgrad: sehr schwer.
Kommentar
Die besondere Herausforderung dieses von Coates als Rückblick auf vier Jahrzehnte kompositorischer Entwicklung konzipierten Werkes liegt im mikrointervallisch angereicherten Aufeinanderprall schwer miteinander vermittelbarer musiksprachlicher Elemente.
2.
Peter Michael Hamel: Erstes Klavierquartett „Festina Lente“ (2022) für Klavier, Violine, Viola und Violoncello.
Verlag Neue Musik Berlin. NM 3690 (Partitur und Stimmen).
Stilrichtung, allgemeiner Charakter
Tonale Musik, deren Wirkung aus der unermüdlichen Wiederholung einfacher Tonreihungen, Auffaltungen akkordischen Materials und reduzierten melodischen Wendungen auf der Basis eines indischen Ragas resultiert.
Form, Struktur
Einsätzige Komposition aus mehreren meist durch Generalpausen voneinander abgegrenzten Abschnitten unterschiedlichen Tempos, jeweils charakterisiert durch individuelle harmonische Prozesse und Texturmodelle.
Notation, Dauer, Schwierigkeit
Herkömmliche Notation ohne erweiterte Spieltechniken.
Dauer: ca. 20 Minuten.
Schwierigkeitsgrad: mittelschwer bis schwer.
Kommentar
Die Wiedergabe des Werkes erfordert keine Kenntnis zeitgenössischer Musik, verlangt aber einen subtilen Umgang mit den klanglichen Möglichkeiten der Besetzung, der auf eine lebendige Gestaltung der in sich bewegten, dynamisch vielfältigen Texturen zielt.
3.
Sebastian Stier: Die Tatsache des Käfigs (2019), Komposition für Altsaxophon, Violoncello, Posaune, Akkordeon und Klavier.
Edition Juliane Klein, Berlin. EJK 0925 (Studienpartitur), Stimmen als Leihmaterial.
Stilrichtung, allgemeiner Charakter
Farbenreiche Musik, deren Verlauf von einem abwechslungsreichen Umgang mit verschiedenen harmonischen Dispositionen, Klangwechseln und zurückhaltend eingesetzten Geräuscheinsprengseln bestimmt wird.
Form, Struktur
Einsätzige Form aus Abschnitten unterschiedlichen Tempos; rhythmisch prägnante akkordische Teile alternieren mit freier gestalteten Passagen, in denen die Klangfarben der einzelnen Instrumente stärker hervortreten und sich auf variable Weise entfalten.
Notation, Dauer, Schwierigkeit
Meist herkömmliche Notation, in der gelegentlich auftretende erweiterte Spieltechniken mit gängigen Symbolen angezeigt werden.
Dauer: ca. 13 Minuten.
Schwierigkeitsgrad: schwer.
Kommentar
Die Komposition überzeugt durch einen fein abgestuften, flukturierenden klangfarblichen Zugang zur gemischten Quintettbesetzung; die Wiedergabe setzt ein versiertes Ensemble voraus und erfordert große Sorgfalt in Zusammenspiel und Klanggestaltung.
4.
Stefan Streich: Lerche, Spur und Geister (2019–20) für mikrofoniertes Ensemble (Bassflöte, Bassklarinette, Klavier, Violine, Viola, Violoncello).
Edition Gravis, Brühl. eg 2899Stu (Studienpartitur), Stimmen als Leihmaterial (eg2899LM).
Stilrichtung, allgemeiner Charakter
Musik, die ihre Wirkung einerseits aus dem Alternieren von metrisch strengen perkussiven Teilen und freier gearbeiteten Passagen, andererseits aus dem Kontrast zwischen verstärktem und unverstärktem Ensembleklang bezieht.
Form, Struktur
Der rondoartige Aufbau ist von Episoden der Ruhe durchzogen, findet aber immer wieder mit leichten Abwandlungen zum energetischen Ausdruck des rhythmisch-metrisch prägnanten Eröffnungsabschnitts zurück.
Notation, Dauer, Schwierigkeit
Zahlreiche besondere Notationssymbole; erweiterte Spieltechniken und Umgang mit der Mikrofonierung werden in einem ausführlichen Vorwort erläutert.
Dauer: ca. 20 Minuten.
Schwierigkeitsgrad: sehr schwer.
Kommentar
Die Musik stellt hohe Anforderungen an das Zusammenspiel; die erforderliche rhythmisch-metrische Koordination der Instrumente lässt es sinnvoll erscheinen, die Komposition unter Mitwirkung eines Dirigenten aufzuführen.
Aufnahme der Komposition
https://stefan-streich.de/media/audio/STREICH_LSG.mp3
5.
Jörg-Peter Mittmann: Lamento. Musik mit Monteverdi für sieben Spieler (2008) für Flöte, Oboe, Klarinette, Harfe, Violine, Viola, Violoncello.
Verlag Neue Musik Berlin. NM 11815 (Partitur und Stimmen).
Stilrichtung, allgemeiner Charakter
Mit differenzierten Abstufungen von Klang und Geräusch arbeitende Musik, aus der sich in wechselnden Graden von Erkennbarkeit musikalische Fragmente aus Claudio Monteverdis „Lamento della Ninfa“ herausschälen.
Form, Struktur
Einsätzige Form aus Abschnitten unterschiedlichen Charakters, in denen harmonische oder melodische Momente aus dem barocken Klagegesang in ein Netz aus Geräuschklängen von wechselnder Art und Intensität eingebettet werden.
Notation, Dauer, Schwierigkeit
Zahlreiche erweiterte Spieltechniken für sämtliche Instrumente, deren Notation und Ausführung in einem ausgedehnten Vorwort erläutert wird.
Dauer: ca. 10 Minuten.
Schwierigkeitsgrad: schwer.
Kommentar
Die Komposition ist ein gelungener Versuch, die Auseinandersetzung mit Monteverdis Klagegesang in ein Nachdenken über die Möglichkeiten affektbestimmter Elemente zeitgenössischen Komponierens zu überführen.
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