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Akkordeon sucht Partner

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Neue Duo-Literatur für schnelle Zunge, leichtes Blatt und Solo-Strich
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Klaus Paier: „Colours“ für Sopransaxophon und Akkordeon. „Milonga“ für Violine und Akkordeon. „Venerdì, per esempio“ für Violoncello oder Kontrabass und Akkordeon. Musikverlag Christofer Varner, München, mcv 1629

Drei kurze Duos mit Akkordeon und jeweils einem anderen Soloinstrument, in einem Heft vereint, ist wohl nicht der Normalfall. „Colours“ sieht das Standardbassakkordeon zur seltenen Partnerschaft mit dem Sopransax vor. Das Manual 1 des Akkordeons verbringt einen erheblichen Teil des Stückes im Unisono mit dem Saxophon, um dann Akkord- und Rhythmusaufgaben zum Manual 2 mit zu übernehmen und im letzten Teil zum Partner-Unisono zurückzukehren. Nach einer Episode jazzeigener Improvisation schließt sich Teil C als Da-capo-Wiederholung an. Farbigkeit und Anreiz des Stückes liegen in der Vielzahl modaler synkopenbehafteter Spielfiguren. Der ohne Tangobezug kaum vorstellbare Paier bringt mit „Milonga“ als Zweites ein Stückchen aus einem melancholischen Gedanken der Sologeige ein, das zu M-3-Akkordeon mit Schülern der unteren Mittelstufe verwirklicht werden kann. „Venerdì, per esempio“ als „Der Freitag, zum Beispiel“ bedarf zu hermeneutischer Betrachtung einiger Fantasie, vom in Italien so bezeichneten (Kar-)Freitagsgesicht bis zur Deutung dieses Tages als von der Venus stammend, oder einfach verregnet. Die hier verwendete Kombination aus Einzeltonakkordeon als Überbau mit einem tiefen Streichinstrument ist als klanglich reizvoll bereits vielfach belegt. Ein verträumtes Intro vor einem bewegten 7/8-Teil steht vor einem dritten Abschnitt, in dem das Akkordeon zu einem längeren kleinphasigen Ostinato gedrängt wird – ein Freitag wie auch immer: spannend unspannend!

Stimmen für Sopransax mit „C“ und für Violine mit „B“ bei stimmiger Notierung vertauscht zu kennzeichnen sowie sparsamste Dynamikangaben in den Noten lassen manches im Unklaren. Die Heftanschaffung lohnt sich wegen der unterschiedlichen Akkordeon-Partnerinstrumente insbesondere für den/die Akkordeonisten/-in auf Streicher-/Bläserpirsch in der Musikschule. Schüler/-innen im Mittelstufenbereich mit jazzigen Ambitionen können damit profitieren ohne den Anspruch, Glanznummern zu studieren. Neben den Titelangaben befinden sich bei allen Paier-Stücken auch Verweise auf Einspielungen.

Klaus Paier: „Bulgarian Dance“ und „Quasirondo“ für Akkordeon und Klarinette. mcv 1627. „Rosenwald“ und „Tango Moments“ für Akkordeon und Bassklarinette. mcv 1628. Musikverlag Christofer Varner, München

Die Aufgabenverteilung in „Bulgarian Dance“ zwischen Klarinette und dem hier geforderten Standardbassakkordeon besteht in erster Linie aus der Unisono-Aufteilung zwischen Manual 1 und Klarinette sowie zur Verstärkung der akkordischen Begleitung der adäquaten ungeraden Taktarten beziehungsweise ihrer Unterteilungen als 9/8- und 10/8-Takt. Das Stück gleicht dem originalen bulgarisch-bäuerlichen Volkstanz auch in seinen Modi samt übermäßiger Sekunde zum Verwechseln, auch in der Verwendung des die frühere alte Instrumentenpalette ersetzenden Akkordeons. Der Tanz erfrischt und wirkt motorisch antörnend. Durch das rasante Tempo (Viertel = MM 200) braucht man für beide Instrumente schnelle Finger, für die Klarinette ein leichtes Blatt und eine schnelle Zunge. Das Feeling für die bulgarische Volksseele in ihrer Liebe zu diesen kippenden Taktarten kann an diesem Tanz auch erworben werden. Ein in hohem Tempo ins Pianissimo zurückgleitender Schluss hat das Überraschungsmoment für sich. Eher auf dem Einzeltonakkordeon (mit M 3) zu verwirklichen ist „Quasirondo“, das im Allegro molto der gleichen Sparte zuzurechnen ist. Es hebt sich jedoch ab durch größere Durchsichtigkeit und das hier verwendete Rhythmusmittel aus laufend wechselnden Taktarten. Taktweise Wechsel zwischen 3/8-, 4/8-, 5/8- und 2/8-Einheiten beispielsweise gehören dazu. Die Form verläuft mit A – B – C – A – D – C – A auf einer Nebenspur des klassischen Rücklaufrondos. Die stimmliche Behandlung von Klarinette und Akkordeon entspricht jener des bulgarischen Tanzes. Klaus Paier präsentiert mit diesen unjazzigen Nummern zwei Reißer in fast schon klassischer Volksmusikbesetzung. Nicht nur Pubertierende mit geschwindigkeitssportlicher Getriebenheit können damit sich und Publikum bewegen.

Ganz anders angelegt ist „Rosenwald“: Nach einleitender polyphoner Zweistimmigkeit in einen weiteren Teil aus rascherem (Halbe = 90) trillerbestückten Bassklarinetten-Ostinato mündend übernimmt das Standardbassakkordeon die Führung bis zu einer Solo-Impro, um dann die Partnerin zu eigenem Melos zu „überreden“. Das Ende dieses reizenden jazzigen Stückes im Schwierigkeitsgrad 2 bis 3 findet sich im Unisono-Ostinato mittels akzentuierter Achtelgruppen in dunkler Zweistimmigkeit der beiden Instrumente. Bei ähnlichen technischen Anforderungen mit M3-Akkordeon befindet sich der Komponist mit „Tango Moments“ auf Lieblingstour. Der Bassklarinette die tango-groovende Bassmelodie widmend befinden sich die Akkordeon-Manuale eher im höheren Klangfeld in gegenseitiger Korrespondenz. Der Bassklarinette kommt vor dem längeren Da-capo-Teil eine riffartige Impro-Action zu, die ohne Harmoniebindung weiterzuentwickeln freigestellt ist. Die spreiz-intensiven Doppeloktavdistanzen im Manual 3 müssten bei jüngeren Schülern/-innen zum einoktavigen Griff reduziert werden.

Falls es der Zufall wollte, dass dem Akkordeon mal eine Bassklarinette über den Weg brummt, dürfte das seltene Pärchen mit diesen substanzbefüllten Stücken viel Probierspaß haben.

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