Hauptrubrik
Banner Full-Size

Bläserquintett – Stiefkind der Großen

Untertitel
Ein Diskurs um Bearbeitungen und Transkriptionen
Publikationsdatum
Body

Eines Tages fragte Richard Pringsheim, Gründer des Raritäten-Verlages Musica Rara mit seinem Schwerpunkt ungewöhnlicher Bläserbesetzungen, den jungen Musikwissenschaftler und Spiritus des Bamberger Bläserquintetts Hermann Dechant, ob er bereit sei, Beethovens Streichquartette für Bläserquintett herauszugeben. Denn, so argumentierte Pringsheim, Bläserquintette in Frankreich, USA, Japan et cetera fühlten sich von der bisher verfügbaren Literatur im Vergleich zu den Streichquartett-Kollegen unterfordert, andererseits habe die Bläserausbildung nach 1945 das gleiche Level erreicht wie die der Streicher. Dechant zuckte zurück – zunächst wenigstens.

Erst später besann er sich auf Grund reicher eigener Kammermusikerfahrung: „Bläserquintett ist zweifellos das Pendant zum Streichquartett, aber die „Großen“ der Musikgeschichte haben in der Tat diese Kategorie links liegen gelassen. Auch wenn die hübschen Quintette von Cambini, Danzi, Reicha, Brod, Lachner, Onslow mitunter an der Schwelle der Genialität stehen, mit den Werken der Großen können sie sich jedoch nicht messen und so mangelt es an repräsentativen Werken dieses Genres“, meint Dechant. Ganz wenig vernünftige Werke aus dem 19. Jahrhundert liegen vor, und erst wieder im 20. Jahrhundert entdecken Komponisten wie Schönberg, Hindemith, Henze, Milhaud, Françaix, Ibert, Ligeti oder Kurtag klanglichen Reiz und Spaß an dieser Besetzung, aber vom Publikum nicht immer sehr goutiert.

Wenn nun jenseits aller Urtext-Beschwörungen für Drucklegung und Interpretation unbekümmert die Kreutzer-Sonate in einer Streichquartett-Fassung im Radio erklingt und heute bedenkenlos Chopin- und Liszt-Arrangements für Bläser auf den Notenpulten zu finden und auch zu hören sind, ohne dass sich jemand darüber mokiert, dann ist dies eben ein Beweis für die Tendenz, dass inzwischen die „Dinge neu zu sehen“ sind. Gemeint ist: Sinnvolle Arrangements aus der großen klassischen Kammermusikliteratur könnten dem Bläserquintett ein erweitertes Repertoire erschließen. Dies sei, so findet Hermann Dechant, ein großer vernünftiger, weil zukunftweisender Schritt für diese Ensemble-Gattung. Denn gegenüber früher werden ihr heute technisch und musikalisch viel höhere Leistungen abverlangt – und das kommt dem heutigen hohen Ausbildungsstand und dem zunehmenden kammermusikalischen Interesse bei Spielern wie Hörern entgegen. So hat Dechant sich Pringsheims Idee schließlich doch noch zu Herzen genommen und aufgegriffen, was auch schon zu Lebzeiten von Haydn und Mozart und fortan bis heute in vielen Variationen gang und gäbe war und ist, die Bearbeitung bedeutender Musikwerke als eine vertretbare, weil wünschenswerte Art der „Vermarktung“, hier zum gefälligen Nutzen traditioneller Bläserquintett-Besetzung.

So sei auf eine inzwischen stattliche Sammlung namhaftester Kammermusikwerke in der Transkription für Bläserquintett hingewiesen, die Hermann Dechant besorgt hat und die in jüngster Zeit im Wiener Verlag Apollon Musikoffizin Austria erschienen sind. Partitur und Stimmensatz beeindrucken durch gut lesbaren, deutlichen und übersichtlichen Druck mit verträglichen Wendestellen und mit Auszeichnungen, die sich an den Urtextausgaben beziehungsweise an den Quellen orientiert. Allein der Respekt vor dem Original erfordert bei diesen Bearbeitungen – eigentlich sind es „nur“ Transkribierungen – sehr gewissenhaftes wissenschaftliches Handeln, immer die Intention des Komponisten im Bewusstsein behaltend, das Musikwerk als solches in seiner Wirkung nicht antastend.

Diesen positiven Eindruck vermittelt die Durchsicht einiger Proben eines insofern durchaus gewagten und mutigen Unternehmens, das sich vom Bedarf her rechtfertigen und angenommen sein möge. Als Beispiel: Joseph Haydns wohl populärstes sogenanntes Kaiserquartett Hob. III: 77 (1797) hat allein schon durch Beliebtheit des Variationssatzes über Haydns Kaiserhymne zahlreiche Arrangements vertragen (AM 13.801). Im „Kaiserquintett“ übernehmen hier die bläserische Ober- und die Unterstimme fast durchweg die gleiche Rolle wie im Quartett, während die zwei Mittelstimmen nach klanglichen Effekten auf Oboe, Klarinette und Horn verteilen sind (AM 13.801).

Durch verschiedenartigste Arrangements strapaziert ist auch W. A. Mozarts vielgespieltes, gerngehörtes Quartett B-Dur KV 458 (1784), das so genannte „Jagdquartett“, hier alias „Jagdquintett“. Diese Fassung für Bläserquintett (AM 13.802) ist „durch den Duktus der Streicherstimmen begünstigt, die den Bläserstil imitieren“, was diesem Opus mit seiner sprühenden Vitalität wohl später den Beinamen gab.

Ludwig van Beethovens anspruchsvolles Rasumovsky-Quartett F-Dur op. 59 Nr. 1 (1806), das schon zu des Komponisten Lebzeiten allerhand Bearbeitungen vertragen musste, wurde hier durch die Bläserfassung zum Rasumovsky-Quintett I (AM 13.801), die in ihrer klanglich fast symphonischen Farbigkeit eine besondere Frische ausstrahlt. Die Bläserfassung von Johann Nepomuk Hummels „Rondò quasi una Fantasia“ , op. 19 (AM 13.828) für Klavier 1806 in Wien erschienen, ist zweckmäßigerweise von E-Dur nach F-Dur transponiert, der ursprüngliche Klaviersatz geschickt und ohne Verluste so verteilt, dass die Stimmen der rechten Klavierhand im Wechsel von Flöte und Oboe übernommen werden, während die linke Hand den tiefen Bläsern übertragen bleibt.

Giuseppe Verdis singulares Kammermusikopus, das Streichquartett e-Moll (1873) sollte aus dem Dornröschenschlaf abgeholt werden, meint Dechant, „weil sich in diesem eine ganz andere Seite des Opernkomponisten Verdi als Komponist instrumentaler Kleinform offenbart, als kühner Harmoniker und Kontrapunktist, dessen zukunftweisende Visionen bis an Max Reger heranreichen“. Und zur Gattung „absolute Musik“ gehörig zeigt sein Quartett eigentlich keine typischen streicherischen Attribute. Das gerade ermutigte zur Herausgabe dieser Fassung für Bläserquintett, noch dazu, weil „die Qualität dieses musikantischen Spitzenwerkes erst durch die unterschiedlichsten Farben der Bläserstimmen deutlich wird“ (AM 13.813).

Gut zwei Dutzend weitere „famous chamber music“ liegen bei dem Wiener Verlag inzwischen vor (www.apollon-musikoffizin.at) und damit wird von Bartók und Brahms bis Smetana, Johann Strauss und Richard Wagner das Repertoire für interessierte Bläserquintette ernorm angereichert, selbst wenn es nur zu Zwecken der Übung und des Kennenlernens, zum Besuch des Bläserquintetts bei den „Großen“ dient. Auch die mit Bläserquintett aufbereiteten wohlbekannten Klaviersextette von Nicolai, Pfitzner, Schubert und Schumann gehören dazu.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!