Hauptrubrik
Banner Full-Size

Grundbegriffe des Liedspiels vermitteln

Untertitel
Neue Klavierstücke für alle Altersstufen
Publikationsdatum
Body

Anne J. Rochlitz: Musikalische Geschichten aus dem Meer+++ Georg Boeßner: Modern Piano Method +++ pian é forte: Music for Piano, Women Composers +++ Johannes Brahms: Albumblatt für Klavier +++ Gabriel Fauré: Ballade op. 19 +++ Bohuslav Martinu: La revue de cuisine

 

Anne J. Rochlitz: Musikalische Geschichten aus dem Meer, musiano, ISMN 979-0-700310-04-2 mit CD, 979-0-700310-03-5 ohne CD

Es ist in Mode gekommen, allerlei Getier in Notenhefte zu bannen. Die Unterwasserwelt scheint sich hierbei besonderer Beliebtheit zu erfreuen. Eine Bündelung von Klavierstücken zu diesem Thema ist sicher reizvoll, aber eben nichts Neues. Anne Rochlitz übt sich zudem im Wohlklang, zumeist in Moll, was den Klavierschülern sicher gefallen wird. Dabei könnte ihnen durchaus etwas zugemutet werden. Vielfältige Ansätze des Hörens, des Gestaltens von Klang, ohne den Begriff der Moderne zu sehr gewichten zu wollen, werden nicht aufgegriffen. Das typisch Atmosphärische des Meeres, das wogend Ortungslose, bleibt dem Hörer verschlossen. Die Autorin beschränkt sich auf gängige Spielmuster und vermag nur ansatzweise eine stimmige Verbindung zwischen Tier und Ton herzustellen. Sie richtet den Fokus auf gut spielbare Vortragsstücke, deren Charakteristik leicht nachzuahmenden Tanzschritten entspricht oder melodiös gefärbt ist. Die Einbeziehung spieltechnischer Komponenten ergibt sich hierbei fast von selbst. Anne Rochlitz liefert alles aus einer Hand: Siebzehn Kompositionen, die Illustrationen, wissenswerte Anmerkungen zu den mitwirkenden Meerestieren und eine selbst eingespielte CD. Ein Teil des Verkaufserlöses des im Eigenverlag erschienenen Bandes fließt an die Meeresschutzorganisation „Sea Shepherd“, dessen engagierten Mitarbeitern das Heft auch gewidmet ist.

Georg Boeßner: Modern Piano Method, Nordend Music Ltd., NE 6001 

Georg Boeßner mag völlig richtig liegen, wenn er beobachtet, dass sich die Bedürfnisse von Schülern in den letzten Jahren gewandelt haben. Ohne die Ursachen näher ergründen zu wollen, steht fest, dass das Verlangen nach einer Anleitung zum freien Spiel ständig zunimmt. Das Spiel nach Akkordsymbolen wird in den meisten Klavierschulen nur ansatzweise vermittelt. Tatsächlich eignet sich besonders der Anfangsunterricht dafür, Grundbegriffe des Liedspiels parallel zu erlernen, weil damit sowohl harmonisches Verständnis als auch rhythmische Sicherheit geschult werden. Boeßner möchte nun den Beweis antreten, dass das Erlernen des Klavierspiels auch über die Vermittlung von schulpraktischem Spiel möglich ist. Dabei bedient er sich einer Methode, die sich auf ganz anschauliche und leicht verständliche Weise dem Schüler nähert. Die Erläuterungen sollten jedoch vom Schüler selbst gelesen werden können. Bekanntes Liedgut ist ein guter Multiplikator, wenn mehrere Lernschritte gleichzeitig gegangen werden sollen, weil das Ohr als Kontrollorgan fungiert. Das spieltechnische Rüstzeug erwirbt hierbei allerdings vorwiegend die rechte Hand. Die linke ist auf die Grundbässe reduziert – da sollte dann schnell ergänzende Literatur hinzugenommen werden, damit sich beide Hände konstant entwickeln können. Andererseits ist in diesem frühen Stadium ein Akkordspiel nur begrenzt möglich. Der Verweis auf klassische Literatur in Form von recht banalen Bearbeitungen wäre mit originalen Stücken besser gelungen. In diesem Band können freilich nur Grundbegriffe des Liedspiels vermittelt werden – eine Tabelle der Akkorde in Dur und Moll (als Griffschema und Notenbild) befindet sich zwar am Ende des Heftes, findet aber praktisch keine Anwendung. Soll die Piano Method Sinn machen, muss es weiterführende Lektionen geben. Boeßner gibt keinen Hinweis darauf, wie der Schüler seine Kenntnisse nun vertiefen kann. Eine beiliegende CD und die Möglichkeit zum mp3-Download, heute eine gängige (Un)Sitte, erfüllen eigentlich nur einen Zweck: ein Abgleichen mit der eigenen Interpretation. Das stupide mechanische Abspielen, bei dem jede emotionale Regung außen vor bleibt, kann wohl nicht im Sinne einer guten Ausbildung sein. 

Und es erscheint fragwürdig, ob ein schlichtes Kinderlied einer üppigen Schlagzeugbegleitung bedarf. 

pian é forte: Music for Piano, Women Composers, Furore-Edition 11025

Der Furore-Verlag nahm sein 25-jähriges Jubiläum zum Anlass, Klavierstücke von Komponistinnen zu veröffentlichen, die meist nur am Rande Erwähnung finden. Es fällt auf, dass die Künstlerinnen zwar oft als Interpreten hoch geachtet waren, aber ebenso eine kompositorische Ausbildung vorweisen konnten. Die Lebenswege der Komponistinnen aus aller Welt sind im mehrseitigen Vorwort sehr detailliert beschrieben und beleuchten auf interessante Weise das künstlerische Umfeld in einem Zeitraum ab circa 1780 bis heute. 

Der Furore-Verlag verfolgte die Absicht, sich auf Stücke zu konzentrieren, die Bestandteil der Ausbildung sein können und verzichtete auf Virtuoses. Sonatensätze der Haydn-Zeitgenossen Anna Bon und Maria Hester Park sowie ein Contredanse der Polin Maria Szymanowska markieren die klassische Epoche. Die Polonaise Nr. 3 von Emilie Zumsteeg trägt schon romantische Ansätze, die sich in den Stücken von Fanny Hensel (u.a. mit einer Erstveröffentlichung des Andante d-Moll), Louise Farrenc (Nocturne), Cécile Chaminade (Marche Russe) und Mélanie Bonis (Prélude) dann verdichten. Liedhafte Melodik im Andante ist ihnen eigen. Die Komponistinnen des 20. Jahrhunderts bilden erfreulicherweise den Schwerpunkt. Ihre Beiträge zeichnen sich durch Regionalismus aus. Ljubica Maric aus Serbien schrieb einen mit der Volksmusik des Balkan korrespondierenden „Song and Dance“, während Ruth Schonthal und Barbara Heller in ihren Stücken mit Ganz- und Halbton-Rückungen fantasieren. Viera Janárcekova denkt in die gleiche Richtung, bedient sich aber harmonischer Reibungen. Von rhythmisch-tänzerischen Elementen durchtränkt sind die Stücke der Taiwanesin Hope Lee, der Französin Florentine Mulsant (neben einer still-verspielten Miniatur) und der Engländerin Vivienne Olive, die einen genial schönen „Bush Gin Rag“ beisteuerte. Einen Querverweis auf orientalische Motive, die auch improvisiert werden dürfen, gibt es bei Sibylle Pomorin. Ein Band also, der einige Entdeckungen bereithält.

Johannes Brahms: Albumblatt für Klavier, Bärenreiter, BA 9606

Im 19. Jahrhundert waren Alben die Gästebücher für Musiker. Kurze Einträge in Form von kleinen musikalischen Werken verblieben zumeist im privaten Bereich. Manchmal werden aber auch die gut gehüteten Geheimnisse gelüftet. Das Albumblatt ist Teil des „Album Amicorum“ des Göttinger Universitätsmusikdirektors Arnold Wehner, in das sich Brahms 1853 eintrug, als er mit dem Geiger Ede Reményi dort Station machte. Nach mehreren Besitzwechseln kam das Album 2011 zur Versteigerung. Dessen neue Besitzer gaben das Klavierstück zur Veröffentlichung frei. Im Allegro con espressione wischt Brahms voll jugendlichem Überschwang über die Tasten und verblüfft mit kühnen harmonischen Wendungen. Wie er dabei die Kurve zur Grundtonart a-Moll kriegt, nimmt einem fast die Luft. Übrigens findet das Stück eine Wiederverwendung im Horntrio op. 40.

Gabriel Fauré: Ballade op. 19, Bärenreiter, BA 10841

Als Liszt die Ballade von Fauré zum Begutachten vorgelegt bekam, brach er das Spiel nach ein paar Seiten ab mit der Bemerkung: „Mehr Finger habe ich nicht.“ Fauré war verunsichert. Obwohl der Einfluss, unter dem die Ballade, ursprünglich als „Fantaisie“ bezeichnet und aus drei Klavierstücken zusammengesetzt, entstand, umstritten ist, lassen sich doch erste Hinweise auf impressionistische Klangfärbungen ausmachen. Dieser historisch-stilistische Aspekt der Musik Faurés, der sich dem Pianisten nur nach gründlichem Studium erschließt und aller Knifflichkeit entbehrt, bezeichnet den Reichtum seiner Qualitäten. Der Komponist erstellte sogleich nach ihrer Vollendung eine Fassung mit Orchester; mit Pianisten wie Édouard Risler und Marguerite Long spielte er auch die Bearbeitung für zwei Klaviere. Dieses anspruchsvolle Werk setzt Aufrichtigkeit voraus, bedarf keiner Tricks und richtet den Blick auf das Dahinterliegende, das Geistige, die Emotion, wie Zeitgenossen zu berichten wissen. Die Edition orientiert sich sowohl an den Stichvorlagen der ersten Ausgaben, übernimmt aber auch Details aus der Fassung für Klavier und Orchester.

Bohuslav Martinu: La revue de cuisine, Alphonse Leduc, AL 18054

Das einaktige Jazzballett „Küchen-Revue“ entstand zu Ostern 1927 auf Bitte von Jarmila Kröschlová, der Leiterin einer damals führenden Tanzkompanie. Martinu sollte das Storyboard zu einem Ballett vertonen. Der Uraufführung in Prag folgte im Jahr 1930 eine konzertante Aufführung der Ballett-Suite mit den Teilen Prolog, Tango (ein parodistischer Wink auf Ravels „Bolero“ und eher eine Habanera), Charleston und Finale in Paris, die auf begeisterte Resonanz stieß. Der Verleger Leduc ließ das Stück sogleich drucken. 

Auch die vorliegende Ausgabe in einer Version für Klavier solo besorgte der Pariser Verlag. Martinu selbst hielt das Stück für eine seiner gelungensten Kompositionen und betonte die unfehlbare Satztechnik der Partitur. Christopher Hogwood widmete sich dieser Edition, die in vorbildlicher Weise auf das Klavier transkribiert wurde und zu einer weiteren Verbreitung dieses einzigartigen Stückes verhelfen soll.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!