Musik wird (wieder) im Tun erlebt, in den Musiksälen der Regelschulen wird nicht (mehr) schwerpunktmäßig von erhöhter akademischer Warte doziert, nein, es wird neben dem wiedererwachten Singen (siehe Chorklassen) auch gesteppt, gestompt, gegroovt und geblockt … so scheint es. Zumindest ist die hohe Zahl der Veröffentlichungen zum Thema „Klassenmusizieren“ der letzten Jahre ein Indiz hierfür. Auch der Grad an Diversität ist hoch: Von tonal geprägten Improvisationsansätzen über Bodypercussion in Verbindung mit choreographischen Elementen bis hin zum bereits von Wagners Ambossen inspirierten Musizieren mit Alltagsgegenständen finden sich lose Ideensammlungen, ausgearbeitete methodische Ansätze und Workshops in unübersehbarer Zahl. Ein Blick in die Veranstaltungsübersicht musikpädagogischer Kongresse bestätigt diese Entwicklung. Einige Veröffentlichungen der letzten Zeit sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt und kommentiert werden.
Body Groove und Improstunden
Richard Filz und Ulrich Moritz, rhythmische Hausmatadore des Helbling Verlags, setzen ihre Autorentätigkeit mit „BodyGroove Kids 2“ und dem erklärt letzten Band der „BodyGroove“-Reihe „Advanced“ erfolgreich fort. Hier wird zum Thema „Körperklang“ alles getan, „was getan werden muss“. Fokussiert auf die jeweilige Zielgruppe (9–13 in Kids 2 und ab 13 in Advanced). Das Tun mit und auf dem eigenen Körper bildet sozusagen die Schnittstelle zwischen Bewegung/Tanz und dem Musizieren und lässt beide Bereiche zumindest in Phasen fusionieren. Präzise und systematisch werden didaktische Überlegungen, ästhetischer Überbau, Klangtechniken und die jeweilige Vermittlungsmethodik mit den Übungen und dem Repertoire verknüpft. Das alles ist im Layout einigermaßen attraktiv (in punkto Stilistik von Fotos, Zeichnungen und deren Einbindung ins Layout ist noch deutlich Luft nach oben), jedenfalls aber gut nachvollziehbar dargestellt und wird medial (DVD) hilfreich abgerundet. Schlichtweg also: Standardliteratur zum Thema.
Die „Improstundenstücke“ von Eckart Vogel fokussieren schon in den Prämissen das Musizieren auf tonaler Basis und auch dezidiert die Wahrnehmung tonaler Gravitationsfelder. Mit Hilfe stilistischer (hier vorrangig Latin, Jazz, Pop-Rock) und formaler (zunehmend erweiterte Viertaktmodelle) Operatoren findet eine sukzessive Annäherung an den improvisatorischen Vorgang statt. Hierbei ist der Ausschluss der Zielgruppe „Laienmusizieren im Erwachsenenbereich“ nicht schlüssig, beziehungsweise nicht begründet, richtet der Lehrgang sich doch auch an musizierende Gruppen außerhalb des Klassenunterrichts sowie selbstständig Studierende.
Dass Modalität in weitestem Sinne als Vehikel für das Aufnehmen der improvisatorischen Fährte gut geeignet ist, weiß man nicht erst seit kurzem, dass die vorgeschlagenen einfachen bis einfachsten 40 Modelle nebst ihren Erweiterungen in Verbindung mit dem favorisiertem Orff’schen Instrumentarium frei jeglichen Ermüdungsverdachts seien, dass also der Eindruck von „didaktischer Musik“ gar nicht erst entstünde, ist eine subjektiv gründende Einschätzung des Autors Eckart Vogel, die jeder Musizierende und Hörende für sich neu wahrnehmen und entscheiden muss.
Hier sei aber auch gleich angefügt, dass ästhetische Ödnis ja nicht unbedingt ausschließlich nachteilig zu bewerten wäre, könnte sie doch den adäquaten Stachel ins neugierige Fleisch des sensiblen Improvisationsnovizen treiben und ihm so allmählich aus dem Modellhaften ins freie Feld der Töne heraushelfen. Abgesehen davon, dass sich die stilistische Feinjustierung gerade im Begleitapparat manchmal eher etwas grob anfühlt, stellt sich aber doch die eine Frage nach dem Verhältnis von ästhetischer Ergiebigkeit des vorgeschlagenen Materials und dem rhythmisch-notationstechnischen Anspruch zumindest etlicher der vorgeschlagenen Modelle. Gerade die „Selbstlernerfraktion“ muss schon einiges an Routine mitbringen, um schnell und effizient mit dem Band arbeiten zu können. Der im Violinschlüssel notierte Bass wirkt in diesem Zusammenhang daher fast schon unpassend vereinfachend. Und im Gruppenprozess wäre eine gut gefilterte Aufarbeitung des Materials, souveräne Anleitung und auch die eine oder andere sinnvoll erscheinende Elision sicher nicht von Nachteil für den Fortschritt in der Sache. Das muss alles nicht negativ behaftet sein, und der Rezensent möchte sich an dieser Stelle auch keinesfalls eines Plädoyers für gänzlich notationsfreies Musizieren im Sinne einer unreflektierten Simplifizierung verdächtig machen.
Wie auch immer, die „Improstundenstücke“ bieten jedenfalls – in etwas behäbigem Layout – viel Spielmaterial und Handwerkszeug, ein interessantes Literaturverzeichnis (welches einiges über die musikalischen Präferenzen des Autors zu verraten vermag), eine lexikalische Auflistung musikalischer Fachtermini und vor allem profunde, sehr lesenswerte Kommentare und Reflexionen zu den Themen Improvisation und Tonalität. Der Band wird medial durch zwei Audio-CDs unterstützt.
Johannes Steiner greift in „Circle Grooves 2“ ganz allgemein die repetitive Ästhetik des Minimalismus auf und bezieht sich auch schon im Titel konkret auf Bobby McFerrin’s famose „Circle Songs“. Es entstehen – aus guten Gründen – keine Phasenverschiebungen wie in den Werken der künstlerischen Vorbilder aus den USA, auch im Vergleich mit den Ergebnissen des Ideengebers McFerrin bleiben die Musiziermodelle mit dem Eindruck monotoner Kleinräumigkeit ohne zum Beispiel den Aspekt formalen Raumgewinns durch melodische Überformung behaftet. Auch die zweifelhafte Originalität der Breaktexte kann hier keine rechte Aufhellung schaffen. Aber die – dies scheint im Übrigen symptomatisch für alle hier besprochenen Veröffentlichungen – beseelt lächelnden Gesichter der Akteure lassen vermuten, dass wohl durch die zahlreichen Kombinationsmöglichkeiten der Beats, Blocks (hier sind Schrittmuster gemeint), Grooves und Breaks doch einiges an Musizierfreude aufkeimt. Das Ausmaß an Variabilität wird auch durch die sich ändernde Determination der Breaks im Sinne von rhythmisch-metrisch gebunden bis hin zu freier Gestaltung sinnvoll erhöht. Darüber hinaus bietet der Band, aufbauend auf sukzessiv entwickelnder Methodik (Anleitung im Puls – Arrangieren im Puls), eine gut nachzuvollziehende und umzusetzende Konzeption. Informationen zu den touchierten Stilistika sind stets informativ, präzise und doch knapp genug gehalten.
In „Line Stepping“ konzipiert Johannes Steiner eine „rhythmusorientierte Tanzform“ (vorsichtig gefragt: Was müsste man sich unter dem Gegenteil vorstellen?), die eine Art „Melange“ bereits historisch etablierter Musizierformen wie „Stepping“, „Line Dance“, „Body Music“ und „Clogging“ darstellt und hier auf den Einsatz in Gruppen ab acht Jahren ausgerichtet ist. Die didaktische Begründung für den Einsatz der detailliert beschriebenen und medial (Audio-CD und DVD) unterstützten Choreographien liest sich überzeugend: Wegfall der altersbedingt oft heiklen Partnerwahl, mögliche Heterogenität im Leistungsanspruch, Improvisationsanteile und der Einbezug von Musikkunde und ästhetischer Rezeption bilden ein weites Panorama, innerhalb dessen agiert werden kann.
Unplugged frisch drauflos musizieren
Gerhard Reiter greift in „Stumping Stuff“ die in den 1990er-Jahren vor allem durch die Stomp-Performances auch im musikalischen Mainstream (siehe hier etwa Cages „Water Music“ als eines der historischen Vorbilder aus dem Avantgardebereich) prominent gewordene Idee des Musizierens auf Alltagsgegenständen auf und kreiert zwölf – selbsternannte – Hits für multiples Instrumentarium. Haben sich auch die professionellen Shows des Genres längst vom Grundgedanken puristischer Ästhetik durch den Einsatz hightech-gestützter, subkutan wirkender Soundmanipulation verabschiedet, hier darf unplugged frisch drauflos musiziert werden mit allem, was im Hausrat vorzufinden sein mag. Lässt einen die kompositorische Originalität der „Hits“ eher noch an Musiziervorschläge denken, so sind die technischen Instruktionen in Notation und Erläuterung und die mediale Aufbereitung (DVD, Downloads und Videostreams) hingegen überzeugend und lassen eine profunde Auseinandersetzung mit dieser Art des patternorientierten Musikmachens zu. Reiter setzt sinnvolle Themenschwerpunkte wie Table Percussion, One&more Ins-truments und hebt den Band dadurch über die Stufe der reinen Ideensammlung hinaus.
Schon der Titel „Klassenmusizierbox 2“ verrät das Anliegen von Fritz Höfer: Unterschiedlichste Musizierformen, kombiniert mit einem maximal heterogenen Material auf unterschiedlichem Instrumentarium finden sich hier vereint. Das „Konzept“ lebt von stilistischer Vielfalt – manchmal vielleicht auch vom ästhetischen Gefälle – der Stücke und Arrangements. Und das geht gut, weil den Vorlagen spürbar ihr originäres Potential abzuringen versucht wird, nicht weniger und auch nicht mehr. Und weil dadurch ein positiv aufgeladenes Nebeneinander von Barockoper (z.B. Händels „Lascia ch’io pianga“), Rocksong („With Or Without You“), Traditionals und Eigenkompositionen entsteht. Vorausgesetzt natürlich, die Lehrkraft wäre im Stande, neben der organisatorischen Umsetzung auch Reflexionsprozesse bezüglich dieses Nebeneinanders in Gang zu setzen. Ob Höfer als Autor hier das nötige Vertrauen aufzubringen vermag, kann zumindest in Zweifel gezogen werden, liest man die schlicht gehaltenen his-torischen Erläuterungen oder gar die absurd redundanten Anregungen hinsichtlich der Auswahl von Hörbeispielen. Jeder autark handelnde Musikpädagoge muss sich hier annähernd beleidigt fühlen.
Der knappe Ausschnitt aus dem Angebot zum Thema zeigt: Es passiert viel, um musikalisches Tun in hoher Diversität zu stärken und zu fördern. Bleibt nur zu hoffen, dass eine Einsicht bei Instruktoren und Agierenden immer präsent ist: Welche der oben beschriebenen Facetten des Musikmachens auch immer betrieben werden, sie sind nicht cooler, moderner oder erlebnishafter als andere Musizierformen unseres Kulturkreises mit eventuell auch höherem Traditionsanteil. Das Performen einer Bodygroove-Sequenz, die Präsentation einer Gruppenimprovisation auf virtuellen iPad-Instrumenten kann im ästhetischen Sinn genauso Alles oder Nichts bedeuten, wie die Aufführung eines Streichquartettsatzes von Haydn oder einer Schnellpolka mit der örtlichen Blaskappelle.
- Gerhard Reiter: Stumping Stuff, Helbling, 44 Seiten, DVD, ISBN 978-3-990350-67-6
- Richard Filz, Ulrich Moritz: BodyGroove Kids 2, Helbling, 116 Seiten, DVD, 978-3-862271-02-3
- Richard Filz, Ulrich Moritz: BodyGroove Advanced, Helbling, 136 Seiten, ISBN 979-0-502026-32-5
- Johannes Steiner: Circle Grooves 2, Universal Edition, 44 Seiten, 978-3-702473-97-6
- Johannes Steiner: Line Stepping, Helbling, 48 Seiten, 978-3-990353-91-2
- Eckart Vogel: Improstundenstücke, Fidula, 160 Seiten, 2 CDs, 978-3-872261-90-8
- Fritz Höfer: Klassenmusizierbox 2, Doblinger, 68 Seiten, 978-3-902667-59-5