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Systematische und lange Lehrzeit empfohlen

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Ein Plädoyer für einen harmonischen Musikunterricht von Luis Zett
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Wir befinden uns im Jahre 2000 n. Chr. Ganz Tonalien ist von trockenen Harmonielehren besetzt ... Ganz Tonalien? Nein! Ein von witzigen Bewohnern bevölkertes Dorf namens Grama leistet dem penetranten, aber wichtigen Langweiler im Musikunterricht Widerstand. Das kürzlich erschienene Heft von Luis Zett, „Grama – Das Dorf der Töne“ (Ricordi Sy. 2695, München 2000) schlägt eine Bresche in das theoretische Grau(en).

Luis Zett: Grama – Das Dorf der Töne, Ricordi Sy. 2695, München 2000 Wir befinden uns im Jahre 2000 n. Chr. Ganz Tonalien ist von trockenen Harmonielehren besetzt ... Ganz Tonalien? Nein! Ein von witzigen Bewohnern bevölkertes Dorf namens Grama leistet dem penetranten, aber wichtigen Langweiler im Musikunterricht Widerstand. Das kürzlich erschienene Heft von Luis Zett, „Grama – Das Dorf der Töne“ (Ricordi Sy. 2695, München 2000) schlägt eine Bresche in das theoretische Grau(en).Freilich, es gibt mehr als genug Harmonielehren: Große, kleine, ausführliche, knappe, komplizierte, poppige, klassische ... aber witzig? So, dass die Theorie mehr als ein „Hinke(l)stein“, ein notwendiges Übel ist? Klar, man kann sich von solchen Überlegungen freimachen: Soll der Schüler halt brav üben – auf dem Papier steht schließlich das Gleiche mit oder ohne Wissen um die Harmonielehre. Wirklich?

Das Gehör verzeichnet sehr wohl Unterschiede: Der Eine spielt wunderbar sensibel, horcht (harmonische) Farben und Tiefen aus, während der Andere unbekümmert durch aufregende Modulationen, Kadenzen, Wendepunkte und Abschlüsse donnert.

Was bleibt nach solchem bestenfalls sportiven Durchlauf von der Musik übrig? Wenig. Es zeigt sich, dass das Wissen um Harmonik die Interpretation und die Möglichkeiten des gemeinschaftlichen Musizierens erheblich verbessern. Luis Zett hat mit seiner „anderen“ Harmonielehre den Feind überwunden.

Der bereits mit vielen einfallsreichen Klavierheften agile Komponist und erfahrene Klavierpädagoge geht dabei von dem Ansatz aus, dass alle musikalisch-harmonischen Prozesse einen Bezug zum realen Leben (auch zu dem des Schülers) haben. Die Doppelbedeutung des aus dem Sanskrit stammenden Wortes „Grama“, das sowohl eine „Dorfgemeinschaft“ als auch „Tonleiter“ bezeichnet, legte diesen Gedanken nahe. Mit den Dorfbewohnern von „Grama“ vergleicht der Autor – auf gegenüberliegenden Seiten analog angeordnet – zwischenmenschliche mit harmonischen Beziehungen:

So gründet beispielsweise (Kapitel „Dreiklänge“) der Chef Caesar mit der Erfinderin Elise und der Geldverleiherin Gerlinde einen Verein (den „CEG“, „Centrum für Eintracht und Gemeinwohl“). Natürlich gibt es in Grama noch viele andere Vereine (hintersinnig der verminderte Akkord „HDF“ – als Verein „Hemmt den Fortschritt“). Selbstverständlich kann jedes Dorfmitglied auch in verschiedenen Vereinen aktiv werden. Akkordumkehrungen ergeben sich – logo – aus einem „Platztausch“ der Vereinsmitglieder.

Das alles liest sich ähnlich amüsant wie „Asterix“ und ist tatsächlich mehr als ein „Animier-Bonbon“, veranschaulicht auch kompliziertere Sachverhalte mit nachvollziehbaren menschlichen Parallelen. Theorie und Schüler werden nämlich mit intelligenten „Eselsbrücken“ verbunden. Brücken, die sich aus Stringenz, pädagogischem Fingerspitzengefühl, tiefgreifender Fachkompetenz (wie unter anderem die ergänzenden Anmerkungen belegen) und viel Humor und Esprit zusammensetzen.

In 21 Kapiteln verteilt auf vier „Level“ geht’s simpel mit Grundlagen wie Intervallen, Tonleitern und Kadenzen los, um Melodien einfach zu begleiten. In Level 2 folgt „Farbiges Harmonisieren“, das aus Troubadix einen Meistersinger macht. Level 3 behandelt den „Umgang mit Moll“ und Level 4 enthält die höheren Weihen mit „Wechseln in andere Tonarten“. Das Ganze bleibt – im Vergleich zu vielen anderen Harmonielehren – in angenehmen Grenzen von gerade mal 112 Seiten (einschließlich der Grama-Erzählung) und enthält – neben naiv-bunten Illustrationen von Katja Lechthaler – eine zu bastelnde Modulations-Scheibe sowie eine CD mit den Notenbeispielen (daher auch die Eignung für „melodische“ Instrumente oder das Selbststudium), teils sehr unterhaltsam von einem Saxophon-Quartett musiziert.

Unterhaltung gibt’s auch mit eingestreuten Witzchen und ironisch-netten Kommentaren zum Lernstoff. Das vertreibt tatsächlich die Gram mit der Harmonielehre, macht die musikalische Grammatik im persönlichen Dialog lebendig, anregend, menschlich. Musikalische Gram(m)atik ohne aufgesetzte Dramatik! Dahinter versteckt sich kein trockener Theoretiker, sondern wird ein Autor mit persönlichen, auch politischen Ansichten und scharfer Menschenkenntnis spürbar.

Die gestellten Aufgaben am Ende eines jeden Kapitels sind genau auf den Lernstoff und dieser auf die Praxis, auf Liedbegleitung, auf Analyse oder eigenes Komponieren abgestimmt. Dorfgründer Majestix Zett empfiehlt eine systematische, langsame „Lehrzeit“ von zwei bis drei Jahren begleitend zum Musikunterricht. Wie „Asterix“ dürfte „Grama“ vor allem die 10- bis 16-Jährigen, aber auch die Erwachsenen ansprechen.

Der langen Reise steht mit derartigem Gepäck nichts entgegen – kein Gram mit Grama!

Ach ja: Am Ende gibt’s zwar keinen Wildschweinbraten, dafür einen Zaubertrank, der ungeahnte Kräfte für musikalische Abenteuer weckt.

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