Hauptrubrik
Banner Full-Size

Violinen als Abbild gesellschaftlichen Verhaltens

Untertitel
Zu einigen duettösen Neuerscheinungen
Publikationsdatum
Body

Rolfs bunter Geigenkasten, 6 beliebte Lieder von Rolf Zuckowski für eine oder zwei Violinen, Arr. H.J. Rogoll, Heft 1 Sikorski 1096 – Heft 2, Sikorski 1097

Jedes Kind kennt Rolfs „Lieder, die wie Brücken sind“ oder „Wie schön, dass Du geboren bist“. So ist es nur folgerichtig, dass diese Kinderzimmer-Hits nun auch die Unterstufen-Geigenunterricht-Charts erstürmen. In jedem Heft finden sich sechs zuckrige Duette. Die erste Stimme ist für Schüler gedacht, die Begleitstimme wurde schwerer gestaltet, sodass auch der Lehrer oder ein fortgeschrittener Schüler ein interessantes Arrangement zum Spielen hat. Also liebe Lehrer, am besten schon mal die Fingerfarben anrühren, der Titel verlockt dazu, den Geigenkasten nach dem Spielen bunt anzumalen. Fazit: duettös colorös.

Hans Gebhard-Elsass: 24 Rhythmische Duette, Goldbach-Verlag St. Ingbert

Diese 24 Violinduette des Komponisten und Musikpädagogen wurden in den 30ern geschrieben und bisher nur handschriftlich verbreitet. Nun sind sie zum ersten Mal im Druck erschienen. Als Anfangsduette in erkennbar pädagogischer Absicht für Schüler und Lehrer komponiert, bieten sie leicht spielbare Ergänzungsliteratur für das Spiel auf leeren Saiten mit durchaus kompositorischem Profil. Verschiedene Rhythmen und Bogeneinteilungen werden geübt, die Abfolge kann dabei der individuellen Unterrichtssituation angepasst werden. Die 2. Stimme ist nicht schwierig, da nur vereinzelt höhere Lagen benötigt werden. Fazit: duettös graziös.

Hartmut Schmidt: Lukas-Variationen für 2 Violinen, Tonger 3069-1

Diese modernen Duette haben wider Erwarten keinen Bezug zur Bibel, sondern sind ein kompositorisches Denkmal für das Enkelkind Lukas von Schmidts bestem Freund. Schmidt studierte Komposition bei G. Wimberger und ist als Bratschist im Mozarteum Orchester Salzburg tätig. Auffällig ist seine Vorliebe für Akkorde, die aufgelöst und neu zusammengesetzt werden. Einzelne aleatorische Elemente sind eingebaut, wobei immer die spieltechnischen Möglichkeiten im Vordergrund stehen: So beinhaltet jede der fünf Variationen bestimmte Bogeneffekte, Stricharten, Pizzicati et cetera, die aber trotz starker melodischer Reibungen beider Stimmen und ungewöhnlicher Intervallfolgen – auch eine Urwaldexpedition hat ja ihre Reize – spielbar bleiben.

Gabriel Fauré: Pleurs d´or, Transcription pour 2 Violons et Piano de Bruno Garlej, J. Hamelle & Cie Éditeurs HA 9 709 | ebd. Tarentelle, HA 9 700 | ebd. Puisqu´ici-bas toute âme, HA 9 707

Von Faurés Werken gibt es zahlreiche Bearbeitungen für die verschiedensten Instrumente. Besonders hervorzuheben sind die drei Duette für zwei Singstimmen und Klavier, die in einer rein instrumentalen Fassung für zwei Violinen und Klavier herausgegeben worden sind. Die Originaltonart ist erhalten geblieben, außerdem wurde der ursprünglich gesungene Text, ebenso wie die Artikulation und Phrasierung der Gesangspartien, mit in den Klavierpart übernommen, was im Hinblick auf eine durchdachte Interpretation sicher sehr hilfreich ist. Drei gelungene Transkriptionen, um als Geiger neue Aspekte in Faurés Kompositionen zu entdecken. Fazit: duettös charmös.

Winfried Michel: Libellum canonis-22 Violinduette op. 34, Mieroprint EM 8000

21 Canons und Shákon für zwei Violinen als Abbild gesellschaftlichen Verhaltens: des Nachahmens, einander Überholens, aneinander Vorbeihandelns et cetera Kanonischer Kontrapunkt als festgelegte Konstruktion und psychologisierende Musik. Jeder der vier Hauptteile besteht aus drei unterschiedlichen Canons, der jeweils vierte stellt eine Zusammenfassung der drei vorausgegangenen dar. Als Material dienen Ganztonleitern, Zwölftonreihen, Minimalistisches, „Zigeuner-Dur“, einmal auch Moll. Anfangs werden gleiche Taktarten in beiden Violinstimmen verarbeitet, später dann ungleiche Taktarten, versetzte Schwerpunkte (die Zweierbeziehung wird zunehmend komplizierter), einige Canons sind schließlich ganz ohne Taktbezeichnung, und zum Schluss findet man zusammengesetzte und asymmetrische Taktarten.

Die obere Stimme, meist in der ersten Lage spielbar, geht nie über die vierte Lage hinaus, die zweite Stimme ist schwieriger. Eigene Texteinlagen, Pantomimisch-Tänzerisches und Lichtprojektionen können ergänzend hinzugenommen werden. Für den Geiger dankbar als moderne Einführung in den kanonischen Kontrapunkt und für den Hörer spannend, auch wenn sich einige Strukturbündelungen im Beziehungsdickicht auditiv und visuell nicht sofort erschließen. Fazit: duettös amourös.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!