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Wie bring ich’s meinen Schülern bei

Untertitel
Ausgewählte Violinschulen für den Anfangsunterricht (Teil I)
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Noch heute besteht Nachholbedarf von West nach Ost und auch umgekehrt. So sucht man in der Lehrpraxis der alten Bundesländer noch vergeblich nach Schulwerken und Vortragsstücken jener Pädagogen und Komponisten, die als Mitbegründer der weltweit geachteten Violinpädagogik der Sowjetunion wie etwa Janschinow, Komarowski, Baklanowa und Fortunatow galten. Die Antworten auf die einleitende Frage werden ebenso vielfältig sein wie das kaum noch überschaubare Editionsangebot an Violinschulen. Die wenigsten Lehrer unterrichten heute nur nach einem Schulwerk, sondern stellen selektiv aus mehreren Schulen eine ihrem methodischen Konzept entsprechende Aufgabenfolge zusammen. Bei dem Versuch, im Musikalienhandel aus dem nicht nach Aktualität geordneten Angebot die für Lehrer und Schüler individuell geeignete Schule auszuwählen, sieht sich der Violinlehrer vor eine schwierige und aufwändige Aufgabe gestellt. Bisweilen muss er den Eindruck gewinnen, einen rein zufälligen Querschnitt der Violinschulentwicklung präsentiert zu bekommen, der von nur noch historisch interessanten Schulen bis zu aktuellen reicht. Nachfolgend und in den nächsten Ausgaben der nmz sollen deshalb wichtige Lehrwerke vorgestellt werden.

Konstantin Alexandrowitsch Fortunatow: Der junge Geiger Teil 1, Verlag Neue Musik, NM 382a. Edition des Verlages „Sowjetski Kompositor“, Moskau 1983, in deutscher Übersetzung

Das Unterrichtsmaterial, wie es Fortunatow genannt haben will, umfasst drei Bände, von denen nur der erste und die beigefügte Klavierbegleitung in deutscher Übersetzung vorliegen. Sie sind im Rahmen dieses Artikels auch nur von Interesse. Fortunatow hat den ersten Band den Lehrplananforderungen der ersten beiden Unterrichtsjahre an den sowjetischen Spezialschulen für Musik entsprechend gestaltet. In der deutschen Musikschulausbildung dürften die Anforderungen etwa vier Unterrichtsjahren entsprechen.

In diesem Band sind dem Stoff für jedes Unterrichtsjahr methodische Erläuterungen für den Lehrer vorangestellt, die auch für die Eltern verständlich und von Interesse sein dürften. Dem folgt für den Unterrichtsbeginn eine Beschreibung von Geige, Bogen und Haltung, verdeutlicht durch Anschauungsfotos.

Der Stoff des ersten Unterrichtsjahres ist gegliedert in:

  • Bogenführung auf leeren Saiten;
  • Haltung und Fingerstellung der linken Hand;
  • Vortragsstücke, Etüden, Übungen und Tonleitern;

der Stoff des zweiten Unterrichtsjahres in:

  • Vortragsstücke;
  • Etüden ohne Klavierbegleitung;
  • Übungen zur Kräftigung der Finger;
  • Vorbereitende Übungen und Etüden für das Doppelgriffspiel;
  • Etüden mit Klavierbegleitung;
  • Tonleitern und Akkorde in der ersten Lage, einschließlich methodischer Erläuterungen.

Diese Gliederung bietet dem Lehrer großen Freiraum, die Reihenfolge der Übungsaufgaben an das individuelle Lern- und Übungstempo des Schülers und seinen fachmethodischen Konzepte anzupassen. So bleibt ihm zum Beispiel überlassen, ob er die Anfangsfertigkeiten für die linke und rechte Hand nacheinander oder parallel üben lässt, ob er eine andere Griffart vorzieht, welche Lieder, Spielstücke und Etüden er auswählt und anderes mehr. Vor allem für die Strichübungen auf leeren Saiten sind viele musikantisch anregende Stückchen enthalten, mit denen man das Interesse durch die schwierige Anfangszeit hindurch erhalten kann.

Die Reihenfolge in der Einführung der Griffarten entspricht der deutscher Violinschulen. Erste Griffart (Halbton 2. und 3. Finger), zweite Griffart (Halbton 1. und 2. Finger). Dem folgt dann als dritte Griffart der Halbtonabstand zwischen leerer Saite und 1. Finger und dann erst die Griffart mit dem Halbton zwischen 3. und 4. Finger.

Für das zweite Unterrichtsjahr wird die Grifftechnik auf alle diatonischen und chromatischen Anforderungen in der 1. Lage erweitert. Im Abschnitt „Übungen zur Kräftigung der Finger“ ist eine Art Kurzfassung von Schradieck enthalten. Die Vorbereitung des Doppelgriffspiels beschränkt sich auf technische Übungen und Etüden. Hier hätte man sich auch entsprechende Musizierstücke gewünscht. Der Etüdenteil ist musikalisch und spieltechnisch vielseitig, enthält aber ab Nr. 27 wenig Musikantisches.

Das Liedgut entstammt hauptsächlich der russischen und ukrainischen Folklore. Die ungewohnte Dominanz von Liedern in Moll findet durchaus auch das Interesse deutscher Schüler. Konsequenterweise muss das Liedangebot aus deutschen Liederbüchern ergänzt werden. Im Gegensatz dazu ist ein internationales traditionelles wie zeitgenössisches Angebot von musikalisch sehr wirkungsvollen Stücken enthalten, das bis zu zwei Concertinos reicht. Vorteilhaft ist, dass Fortunatow für alle Lieder und Vortragstücke und auch für ausgewählte Etüden konzertanten Charakters Klavierbegleitungen in ein Beiheft aufgenommen hat, das vom Verlag für Neue Musik irrtümlich „2. Teil“ genannt wurde.

Als Folge der politischen und kulturellen Isolierung wurden sowjetische Komponisten und Pädagogen wie Janschinow, Komarowski, Rodinov und andere in der alten Bundesrepublik nicht bekannt. Im „Jungen Geiger“ werden die Musikschullehrer interessante unbekannte Musizierstücke entdecken, die die Schüler gern spielen.

Bei Einbeziehung von mitteleuropäischen Liedern und Tänzen ist „Der junge Geiger“ ein gutes herkömmliches Unterrichtsmaterial. Der entscheidende Mangel ist, dass es einen frühen Beginn von Lagen- und Flageolettspiel und anderen Grundtechniken überhaupt nicht anbietet.

Fortsetzung in der nächsten Ausgabe

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