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Sprache und Musik gleichberechtigt – Urs Peter Schneider verbindet beides ohne Schwerpunktbildung

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Im Laufe von zweiundfünfzig Jahren sammelt sich so einiges an, was zwischenzeitlich verstreut auf nahezu zwanzig Tonträgern gespeichert war und nun in einer 3-CD-Box wieder zugänglich gemacht wird. Der Schweizer Komponist und Improvisator, Pädagoge und Sprachgestalter Urs Peter Schneider begann 1955, im Alter von sechzehn Jahren mit dem Komponieren und schaut heute auf mehr als einhundertfünfzig Kompositionen und mehr als zweitausend Performances zurück.

Die älteste in der Box enthaltene Aufnahme entstand im Jahr 1960: „Effloreszenz“, eine siebenundvierzig Sekunden dauernde Aufwallung, ein Orgelstück, das aus den aus heutiger Sicht typischen Zerhackungen und fast akkordlos auftauchenden Klangtrauben der sechziger Jahre zusammengesetzt ist. Das jüngste Stück, „Abdichtung“, schrieb Schneider 2012 und wurde für einen Sprecher eingerichtet. Der Titel kann sowohl als abdichtend, also um- oder abschließend, wasser- und luftundurchlässig gelesen wie auch als abdichtend im Sinne eines endgültigen Schließens und Beendens einer längeren Spracharbeit verstanden werden.

Urs Peter Schneider bedient sich in den älteren Kompositionen der damals neuen Musiksprache, die den harmonischen Fluss der Klänge staute und vermehrt in vertikalen Schichten denn in kontinuierlich horizontaler Schrittfolge ihre Effizienz und Bedeutung listete. Aber eine derartige Zuordnung wäre zu einfach, und Schneider bricht immer wieder in der Dramaturgie seiner Kompositionen in vermischte und gereihte (=serielle) Konstellationen hindurch. Wie etwa in „Vier Eigenheiten“ (2003), das von einer Stimme (Schneider) und Elektronik (Michael Bühlmann) getragen wird und nach Vorgaben vom Komponisten Peter Sauschneider entstand.

Urs Peter Schneider (*1939 in Bern) arbeitet als Komponist zwischen den Staustufen von Sprache und Musik und verbindet in seinen Stücken, die er „mit einem Strohhalm voller Tinte“ schreibt (Anmerkung zu „Ernsteres“), den lyrischen Gehalt von Gedichten und lautmalerischen Sprachexperimenten mit der oft in Schüben sich fortentwickelnden Klangsprache. Dabei treibt er sein genreübergreifendes Gestalten bis in musikleere, rhythmisierte Sprachspiele wie in „Aesen“ (1976). Wie die einzelnen Maschen eines Netzes zunehmend einen größeren Zusammenhang herstellen, so knüpft Urs Peter Schneider aus kleinen Tonstrukturen und Einzelwörtern eine Fangapparatur, in die der Hörer wagemutig hinein springen oder zurückhaltend hinein tasten kann. Schneider bedient sich gerne existierender Ideen, Texte und Musikvorlagen, die er bei Rudolf Steiner, Rainer Maria Rilke, Joseph Haydn, Franz Josef Czernin oder Meister Eckhart findet. Mit, über und durch diese Relikte historischer und zeitgenössischer Werke manifestiert er sein großes, umfassendes eigenes, das in der 3CD-Box als Querschnitt eines Ganzen überzeugend und exzellent zu Tage tritt.

Urs Peter Schneider - Kompositionen 1960 – 2012. Div. Solisten und Ensembles. Cubus Records CR370

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