„Penumbra“ – der Halbschatten einer Mondfinsternis, ein dunkler Fleck auf der Sonnenoberfläche. Eine surreale Fotomontage ziert das Cover der LP, lässt an Mythos und an den Rhythmus der Natur denken, der einst das Leben der Menschen bestimmte. Und eben diesem Rhythmus scheint das dänische „Penumbra Ensemble“ auf seinem gleichnamigen Erstlingswerk nachzuspüren, das als Download und auf Vinyl erhältlich ist.
Henrik Olsson, Gitarrist und Komponist der acht Stücke des Albums, scharte für diese Unternehmung vier seiner ehemaligen Studienkollegen am Conservatory of Rhythmic Music Copenhagen um sich. Unter ihnen sind Schlagzeuger Mads Forsby und Saxophonist Lars Greve – beide Stipendiaten der Léonie Sonning Musikfonds und bei der Jazztruppe „Girls in Airports“ aktiv, die in diesem Jahr unter anderem beim Elbjazz Festival vertreten ist. Auch Bassist Nicolai Claesson (Horse Orchestra, Dødens Garderobe ) und Saxophonist Søren Pendrup treiben sich fleißig in der Kopenhagener und Berliner Jazz-/Impro-Szene herum.
„Ich möchte viele verschiedene Emotionen und Visionen in meiner Musik externalisieren und entfalten“, sagt Olsson über seine Kompositionen. Wie kraftvoll die Umsetzung dieser Emotionen sein kann, zeigt sich zum Beispiel in „Klee“: Ein langgliedriges, düster-tiefes Bläsermotiv schwebt durch ein mysteriöses Gitarrenarpeggio und zieht den Hörer hinab in eine Dunkelheit, wie sie der berühmte Maler in „tropischer Dämmerung“ oder im Meer des „Seefahrers“ auf seine Bilder brachte. Ausgehend von einem einsamen Ton des Saxophons lässt das Ensemble der Stille eine lebhafte Flora und Fauna wachsen. Vor allem Lars Greve trägt mit allerlei, die Grenzen des Instruments austestenden Schnarr-, Kreisch- und Brummtönen zur oft beängstigenden Wirkung der Klangbilder bei.
Interessant ist auch die Nummer „Melting Rainbow“, die vom letzten Stück der Platte, „Melted Rainbow“, komplementiert wird. Eine (skandinavisch-)volksliedhafte Melodie fließt zweistimmig schön dahin. Doch die plötzlich einsetzende Rhythmusgruppe verleiht dem Thema mit windschiefen Betonungen und dissonanten Akkorden der Gitarre emotionale Tiefe, zugleich aber auch Instabilität – die Struktur der Melodie „schmilzt dahin“. Und wie schon in „Klee“ entsteht aus dem Zerfallenden sofort neues Leben, ein fast spontan wirkendes Motiv.
Seine volle Ausdruckskraft entfaltet „Penumbra Ensemble“ erst in den außermusikalische Klänge aufgreifenden, improvisierenden Passagen, denen Olsson in seinen Kompositionen den nötigen Freiraum lässt. Überaschenderweise sind es nicht diese schwer kontrollierbaren Stellen, an denen das Album seine leichten Schwächen offenbart. Vielmehr wirkt so manche streng geordnete Line in voller Besetzung etwas ideenarm und bleichgesichtig. Die eine oder andere Klangwolke aus Olssons Gitarre hätte wiederum ein wenig mehr Textur vertragen.
Trotz dieser geringfügigen Mängel kann man dem interessierten Hörer diesen traumhaften Tauchgang irgendwo zwischen süßer Melancholie, jazzigem Witz und roher Expressivität nur wärmstens empfehlen. Zum Probehören stehen die Stücke auf soundcloud.com und der Infoseite des Ensembles bereit.
Penumbra Ensemble – Penumbra Ensemble
Label: 2845 Henrik Olsson via DiGiDi.org
Erscheinungsdatum: 20. Februar 2014
ASIN: B00INJSCP0