Die Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (BDO) hat ihre Arbeit in den vergangenen Monaten für die mittelfristige Zukunft neu ausgerichtet und inhaltlich erweitert. Neben den bisherigen Projekten stehen drei Initiativen im Mittelpunkt, bei denen zwei Aspekte hervorzuheben sind: Zum einen der jeweils deutliche Bezug zu gesellschaftlich bedeutsamen Entwicklungsprozessen, zum anderen die notwendige Vernetzung mit anderen Bereichen des deutschen Musiklebens.
Die Bedeutung des Laienmusizierens in unserem Land wird – zumindest innerhalb des Musiklebens – weitestgehend anerkannt: Laienchöre und Laienorchester sichern eine musikkulturelle Grundversorgung unserer Gesellschaft, sie ermöglichen einer Vielzahl von Menschen den Zugang zu einer musikalischen Bildung, sie geben soziale Verankerung, sie helfen bei der kulturellen Identitätsbildung und sie sind, aufgrund ihrer Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, von nicht zu vernachlässigender volkswirtschaftlicher Relevanz. Die BDO ist in ihrer Funktion die Dachorganisation der instrumentalen Laienmusik in Deutschland. Sie vertritt 1,6 Millionen Menschen, die sich aktiv oder passiv für rund 23.000 nicht-professionelle Orchester in unserem Land engagieren. Mitglieder des Verbandes, dem der parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion Ernst Burgbacher MdB als Präsident vorsteht, sind insgesamt elf Fachverbände der unterschiedlichen Orchestersparten. Zentrales Ziel der BDO ist es, die Musikausübung breiter Bevölkerungsschichten zu aktivieren, auf die hierfür notwendigen Rahmenbedingungen einzuwirken sowie die öffentliche Wahrnehmung der Orchester zu stärken. Besonders verantwortlich fühlt sich die BDO dabei gegenüber der außerschulischen musikalischen Jugendbildung in der festen Überzeugung, dass die Ausübung von Musik gerade für Kinder und Jugendliche besonders wertvoll, weil entwicklungsfördernd ist. In den vergangenen Jahren wurden diese strategischen Zielsetzungen auf unterschiedlichen Wegen verfolgt: beispielsweise über die gezielte Weitergabe von Mitteln aus dem „Kinder- und Jugendplan des Bundes“, über eine sachgemäße politische Lobbyarbeit und über die Durchführung von wiederkehrenden Projekten wie den „Tagen der Chor- und Orchestermusik“, den „Wettbewerben für Auswahlorchester“ sowie den „Forums- und Fortbildungsveranstaltungen zu verbandsübergreifenden Themen“.
Mit drei neuen Initiativen möchte die BDO nun in den kommenden Jahren diese grundsätzliche Verbandsausrichtung erweitern und sich auf diese Weise neuen strategischen Handlungsfeldern, die sich durch eine große gesellschaftspolitische Relevanz auszeichnen, intensiv zuwenden. „Kinder leben Musik“, „Integration durch Musik“ sowie „Bedeutung und Zukunft von Seniorenorchestern“ sind die Titel dieser Initiativen, die bereits andeuten, welche Schwerpunkte sie im Blick haben: die musikalische Bildung von Kindern, die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund sowie das aktive gemeinsame Musizieren im Alter.
Trotz der großen inhaltlichen Unterschiede wird bei näherer Betrachtung eine Reihe von Gemeinsamkeiten bei allen drei Initiativen sichtbar, die zugleich die derzeitige Ausgangssituation deutlich macht.
Erstens: Der Handlungsbedarf in allen drei Feldern ist groß bis sehr groß. So sind bekannterweise die derzeitigen musikalischen Bildungschancen von Kindern im Vorschul- und Grundschulalter besorgniserregend und ein sozial intaktes Zusammenleben von Menschen unterschiedlichen kulturellen Ursprungs ist bei Weitem noch nicht erreicht.
Zweitens: Die Initiativen gehen – mehr oder weniger – über den Handlungsbereich der Orchestervereinigungen im engeren Sinne deutlich hinaus. Für qualitativ hochwertige musikalische Bildungsangebote vor dem Instrumentalunterricht benötigen beispielsweise Musikvereine in vielen Fällen kompetente Partner, wie sie beispielsweise öffentliche Musikschulen darstellen.
Drittens: Alle drei Initiativen sind gekennzeichnet durch das Vorhandensein einer Vielzahl von Forschungslücken. Welche lebensförderlichen und gesundheitlichen Wirkungen können durch aktives gemeinsames Musizieren im Alter erzielt werden und welche Voraussetzungen sind hierfür jeweils notwendig? Oder: Gibt es allgemein darstellbare Erfolgsfaktoren, die bei der Umsetzung von Musikprojekten bedacht werden müssen, damit nachhaltige Integrationswirkungen erzielt werden können?
Viertens: Ohne aktivierende Impulse vonseiten der Verbände würden in allen drei Feldern, aller Voraussicht nach, keine wesentlichen Fortschritte zustande kommen. So muss das Bewusstsein, dass musikalische Bildung sinnvollerweise weit vor dem Instrumentalunterricht beginnt, mithilfe einer durchdachten und gut geplanten Öffentlichkeitsarbeit in den Köpfen relevanter Entscheidungsträger verankert werden. Ebenso müssen von den Verbänden beispielsweise solche Projekte initiiert werden, die vorbildhaft verdeutlichen und damit zur Nachahmung anregen, wie Menschen mit Migrationshintergrund über gemeinsame musikalische Aktivitäten in unsere Gesellschaft eingebunden und darin aufgenommen werden können.
Vor diesem gesamten Hintergrund lautete und lautet die zentrale Frage: Wie kann die Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände durch ein langfristig angelegtes Konzept mittels der drei Initiativen ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen und einen spürbaren Beitrag zur positiven Weiterentwicklung des Musiklebens im Allgemeinen und des instrumentalen Laienmusizierens im Besonderen leisten? Im Rahmen der Beantwortung dieser Frage hat die BDO in den vergangenen Monaten für jede der drei Initiativen ein spezifisches Projektdesign entworfen. Übereinstimmendes Kennzeichen ist jeweils ein modularer Aufbau mittels unterschiedlicher Projektbausteine, die sich – je nach finanziellen und personellen Möglichkeiten – in den kommenden Jahren sehr flexibel umsetzen lassen. Solche Bausteine sind beispielsweise ein bundesweit erstes „Begegnungstreffen von Seniorenorchestern“ (geplant für 2011), eine Kommunikationskampagne für den Wert und für die Möglichkeiten frühkindlicher musikalischer Bildung (geplant für 2009/2010) oder ein „Integration-durch-Musik-Gipfel“ (geplant für 2010 am Rande der „Tage der Chor- und Orchestermusik“ in Lippstadt, Nordrhein-Westfalen).
Die nähere Betrachtung dieser drei aufgeführten Maßnahmen zeigt bereits, dass die BDO für die Detailkonzeption und für die Umsetzung der einzelnen Bausteine dieser Initiativen in jedem Fall Partnerschaften mit anderen Organisationen und Verbänden suchen und eingehen sollte: Für die wissenschaftliche Begleitung der Initiative „Bedeutung und Zukunft von Seniorenorchestern“ sind dies beispielsweise einschlägige Institute von Universitäten, für die weitere Vorbereitung der Initiative „Integration durch Musik“ sind dies die zahlreichen Migrationsorganisationen sowie die Verbände des vokalen Laienmusizierens, und für die Umsetzung von Projektbausteinen der Initiative „Kinder leben Musik“ die Verbände der musikalischen Bildung in Deutschland. Es ist zu hoffen, dass die BDO in den kommenden Jahren zahlreiche Partner und Verbündete bei der Umsetzung der geplanten Projektbausteine gewinnen werden kann. Die drei Initiativen verstehen sich – auch wenn die Bedürfnisse und Interessen des instrumentalen Laienmusizierens jeweils den Ausgangspunkt der Überlegungen bilden – als Puzzleteile in der großen Gesamtheit der Maßnahmen, die notwendig sind, um die Zukunft des deutschen Musiklebens so zu gestalten, „wie wir sie uns wünschen“. Und um auf diesem Weg zu spür- und messbaren Ergebnissen kommen zu können, werden kreative Allianzen und gebündelte Kräfte stets notwendig sein.
Nähere Informationen zu den drei Initiativen finden sich auf der Website der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände (www.orchesterverbaende.de).
Erik Hörenberg
Erik Hörenberg ist Geschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Orchesterverbände, Leiter des Hohner-Konservatorium und des Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrates.