Die Initiative Musik gGmbH ist eine Fördereinrichtung der Bundesregierung für die Musikwirtschaft in Deutschland, die 2007 ins Leben gerufen wurde. Inzwischen wurden 37 Projekte sowie 4 Eigenprojekte gefördert. Die Initiative Musik wird getragen von der Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten (GVL) und dem Musik-rat sowie finanziell unterstützt von GVL und GEMA/GEMA-Stiftung. 2009 werden über zwei Millionen Euro an Fördergeldern für Künstler und Musik-unternehmen bereitgestellt. Hauptfördergeber ist der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien auf Grund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Kernbereich ist die zeitgenössische Musik: Rock, Pop und Jazz. nmz-Chefredakteur Andreas Kolb traf sich mit Dieter Gorny, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Initiative, zum Gespräch.
neue musikzeitung: Herr Gorny, hat sich die Initiative Musik Kulturförderung oder Wirtschaftsförderung auf das Panier geschrieben?
Dieter Gorny: Beides. Sie fördert Kultur, die traditionell nicht subventioniert wird. Wenn Kultur nicht subventioniert wird, dann landet sie irgendwann beim Begriff Kulturwirtschaft. Dann muss sie sich, wenn sie Kultur produzieren will, automatisch nach Rahmenbedingungen richten, bei denen ökonomisches Vokabular auftaucht wie Angebot, Nachfrage und Ähnliches mehr. Die Initiative Musik ist eigentlich in ihrem Denkansatz eine direkte Fortsetzung dessen, was wir beim Film tun.
nmz: Das heißt, die Popmusik braucht ein Fördersystem wie im Bereich Film, nicht wie im Bereich klassische Musik?
Gorny: Ja, weil wir – ähnlich wie beim Film – dafür sorgen wollen, dass Markt entsteht. Das ist letztendlich auch ein Kernstreitpunkt in der Debatte um die Kreativwirtschaft. Dabei geht es nicht um die Ökonomisierung der Kultur, sondern alleine um die Frage, ob wir uns heute nur noch um die Kultur kümmern können, die der Staat bezahlt. Ich glaube, das können wir nicht, denn der Begriff Kulturwirtschaft reicht von der freien Szene, von freien Theatern bis hin zur Games-
industrie. Das macht die Debatte so spannend. Deshalb haben wir hier mit der Initiative Musik einen sehr wichtigen kulturpolitischen Schritt getan.
nmz: Was ist der Unterschied zu Fördermaßnahmen wie Popcamp beim Deutschen Musikrat oder zum John Lennon Talent Award? Wie drückt sich das in der Struktur aus?
Gorny: Der Bundestag hat, als er die Initiative Musik genehmigt hat, die Eigenträgerschaft verlangt. Daraus entstand dann das Konzept der gGmbH. Ich persönlich habe mich sehr dafür eingesetzt, dass in dieser gGmbH auch der Musikrat Gesellschafter ist, weil ich glaube, dass diese kulturwirtschaftliche Kompetenz wichtig ist für den Musikrat. Wir haben einen Aufsichtsrat, der von vornherein konzipiert war als ein repräsentativer Querschnitt dessen, was die Kulturwirtschaftbranche Musik ausmacht, aber auch in die politischen Bereiche hineinreicht, die man braucht, um eine Diskussion in Gang zu bringen. Die Initiative Musik ist kein Projekt, sondern eine laufende Struktur, aus der heraus dann Projektimpulse gegeben werden können. Der zweite Unterschied besteht darin, dass man von vorneherein gesagt hat, wenn man hier vernünftig agieren will, muss man anerkennen, dass es hier auch um Investments in Produkte geht. Daraus ist das Künstlerfördermodell entstanden, das ähnlich wie beim Film einfach erwartet, dass nicht nur ein gutes Produkt da ist, sondern dass auch ein wirtschaftlicher Verbund da ist, der deutlich sagt, ich bin bereit, in dieses Projekt zu investieren. Somit setzt die Initiative Musik oberhalb der genannten Projekte an.
nmz: Auf der Homepage der Initiative Musik werden die bis heute ausgewählten Künstler vorgestellt. Wie kann man denn wirklich evaluieren oder messen, dass ein geförderter Künstler auch wirklich bestehen kann?
Gorny: Indem er tatsächlich auch im Markt bleibt. Das ist ja anders als in Wettbewerbsstrukturen oder Ähnlichem, wo immer suggeriert wird, die kämen von irgendwo her, und man würde jetzt qua Wettbewerb den Nebel des Unbekanntseins von ihnen wegblasen. Sie bleiben am Markt, das heißt aber nicht, dass sie die Nummer eins sein müssen. Wir müssen auch den Mut haben, Dinge zu fördern, die eckig sind, die es nicht so leicht haben am Markt. Ich glaube, dass der Begriff Vielfalt eine ganz große Rolle spielt.
nmz: Irgendwann wird aber auch die Initiative Musik die Frage zu hören bekommen: Wo sind die internationalen Stars?
Gorny: Die Tatsache, dass wir vor einiger Zeit die Tour von Polarkreis 18 gefördert haben, bedeutet jetzt nicht, dass die Initiative Musik Polarkreis 18 gemacht hat. Aber sie hat mitgeholfen. Wenn man sieht, dass wir jetzt schon mehrere hundert Anträge haben, dass wir es tatsächlich hingekriegt haben, dass sich Professionalität bewirbt, dann ist das eigentlich ein sehr schöner Erfolg.
nmz: Wie hoch sind die Geldsummen, die man als Zuschuss bekommen kann?
Gorny: Zwischen 10.000 und 30.000 Euro beziehungsweise bis zu 40 Prozent des gesamten Antragsvolumens eines Projektes. Die Jury gibt sich ungeheure Mühe, den bestehenden Antragsstau abzuarbeiten. Darüber hinaus wird jetzt noch einmal im Personalbereich nachgebessert, auch bei den Infrastrukturkosten. Wir sind insgesamt auf einem guten Weg, weil nicht nur der Bund die Mittel erhöht hat, sondern auch die Infrastrukturkosten von Seiten der GVL und GEMA erhöht werden. Man kann sagen, gerade auch vor dem Hintergrund der sehr erregten damaligen Debatte über den Sinn oder Unsinn von German Sounds, dass wir es tatsächlich hingekriegt haben, ein System zu installieren, das im europäischen Kontext konkurrenzfähig ist. Ein schöner Erfolg.
nmz: Was heißt im europäischen Kontext?
Gorny: Wir haben in Europa nicht diese Brüche zwischen U- und E-Kultur, wie wir sie aus Deutschland kennen. Das wurde auch in der Debatte der europäischen Kulturstaatsminister benannt. Auch auf EU-Ebene wurde inzwischen mit Erstaunen festgestellt, jetzt kommen die Deutschen, aber richtig.
nmz: Sie haben sich für die Struktur einer gGmbH entschieden. Wenn ich richtig informiert bin, rekrutieren sich sechs Aufsichtsräte aus Verbänden der Musikwirtschaft, weitere sechs sind Politiker aus verschiedenen Bereichen. Ist das nicht problematisch, wenn die Geldgeber gleich mit im Aufsichtsrat sitzen?
Gorny: Nein, für mich übt der Aufsichtsrat eine weiter gehende Funktion aus, als nur Bands auszusuchen. Ich halte überhaupt nichts davon, die politische Administration und die Realität, also auf der einen Seite die Verbände und auf der anderen Seite die Politik, so voneinander zu trennen, dass sie nichts voneinander wissen. Nur wenn auch das Wirtschaftsministerium, das Kulturstaatsministerium im Aufsichtsrat sitzt, können wir im Diskurs miteinander lernen, wo die Probleme der Musikwirtschaft sitzen.
Instrument nachhaltiger Kulturförderung
nmz: Gerade haben wir im Zusammenhang mit der Finanzkrise eine Debatte über Verstaatlichung von Firmen. Ist die Initiative Musik von Anfang an „verstaatlicht“ gewesen?
Gorny: Die Initiative Musik ist keine Firma, sondern ein Instrument nachhaltiger Kulturförderung. Ich habe dafür geworben, dass diejenigen, die das Musikleben in Deutschland kulturell wie wirtschaftlich in der politischen Debatte bestimmen, auch an einem Tisch sitzen müssen. Sonst können wir uns ständig darüber beklagen, dass die Politik nichts darüber weiß, was das heißt, wenn ein mittelständisches Label Platten verkaufen will. Ich finde diesen Effekt ungeheuer wichtig. Wir sind da am Anfang, ob ich das jetzt in 10 bis 15 Jahren des gelebten Miteinanders noch sagen werde, das ist was ganz anderes.
Jazzförderung
nmz: In der kurzen Zeit, in der die Initiative Musik besteht, hat sie ihren Etat erfreulicherweise verdoppeln können. Unter anderem sind, glaube ich, 500.000 Euro einer speziellen Jazzförderung gewidmet. Was ist darunter zu verstehen?
Gorny: Wir haben im Rahmen der Mittelerhöhung den Hinweis bekommen, einen Teil dieser Erhöhung für eine spezielle Jazzverwendung vorzusehen. Wir bilden gerade einen Ausschuss, der entsprechende Empfehlungen geben soll. Wir weisen aber jetzt schon vorsorglich darauf hin, dass der Jazzanteil der bisher geförderten Projekte bereits jetzt bei 18 Prozent liegt. Die sanfte Unterstellung, wir förderten den Jazz nicht, stimmt nicht.
nmz: Der Jazzverband Bundeskonferenz Jazz spricht im Zusammenhang mit der Initiative Musik von einem Spielstättenförderungspreis. Ist das tatsächlich so geplant?
Gorny: Dahinter steckt ja die Idee, Spielstätten in die Lage zu versetzen, Jazz ökonomisch möglich zu machen. Das ist dann im Grunde genommen eine bewusste Subvention in marktwirtschaftliche Strukturen. Das könnte eine der Empfehlungen sein, die der Expertenkreis gibt.
nmz: Gibt es diesen Expertenkreis schon?
Gorny: Er wird gerade konstituiert.
nmz: Der Musikmarkt verändert sich stark. Das hat vor allem etwas mit neuen digitalen Vertriebswegen zu tun. Heute setzen alle aufs Konzert. Wie geht die Initiative Musik auf diese Tendenz ein?
Gorny: Neben dem Künstlerförderungsprogramm ist ein zweites Programm zur Strukturförderung aufgelegt worden. Dazu werden gerade einige Eigenprojekte aufgelegt. Strukturförderung bedeutet, Anträge zu unterstützen, die die Rahmenbedingungen, in denen der Antragsteller arbeitet, verbessern sollen. Wir müssen motivierend und beispielgebend an die Bundesländer ran, denn es bringt ja nichts, wenn es oben einen Apparat gibt, an den die Verantwortung delegiert wird, obwohl Kultur Ländersache ist. Die Förder- und Projektstrukturen der Länder können nicht ersetzt werden durch die Arbeit der Initiative Musik.
nmz: Sie sind im Aufsichtsrat der Initiative Musik, sind Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrates, künstlerischer Direktor der Kulturhauptstadt Essen, Vorstandsvorsitzender der deutschen Landesgruppe der IFPI und Aufsichtsratsvorsitzender der Filmstiftung NRW. Sie sind nebenamtlicher Professor für Kultur- und Medienwissenschaft im Fachbereich Design an der Fachhochschule Düsseldorf, außerdem leiten Sie den Bundesverband Musikindustrie. Welche Auswirkung hat das Eine auf das Andere und insbesondere, was Ihre Arbeit im Musikratspräsidium betrifft? Lässt man da die Initiative Musik draußen, oder gibt es da Verzahnungen?
Gorny: Ich wünsche mir natürlich, dass der Deutsche Musikrat positiv mit dem Erfolg, dass er Gesellschafter der Initiative Musik geworden ist. umgeht. Er zeigt damit in einem Bereich Kompetenz, die man ihm normalerweise nicht unterstellt. Insofern gibt es da natürlich auch eine direkte Wechselwirkung, immer unter dem Aspekt, dass die Initiative Musik nicht gegründet wurde, um vorhandene Etats auszuweiten. Die Initiative Musik setzt an einem Feld an, das der Musikrat bisher auch nicht beackern konnte. Insofern ergänzt das seine Arbeit.
nmz: Vielen Dank für das Gespräch.
Sehen Sie Dieter Gorny auch im Videobeitrag „Wege aus der Krise. Die Musikindustrie und ihr Play Fair-Konzept“. www.nmz.de/media