Das Interview führte der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates Olaf Zimmermann, der gemeinsam mit Theo Geißler Herausgeber der im ConBrio Verlag erscheinenden Zeitung Politik & Kultur ist.
Olaf Zimmermann: 25 Jahre ConBrio: Vor mehr als zwei Jahrzehnten habe ich den ConBrio Verlag kennengelernt. Ich war gerade Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates geworden und wollte unbedingt den Herausgeber der neuen musikzeitung kennenlernen. Die neue musikzeitung war frecher als die anderen Kulturzeitungen, die ich kannte, und sie hat nicht nur über Musik als Kunst berichtet, sondern ein Schwerpunkt war und ist die Kulturpolitik. Ich habe dann Theo Geißler kennengelernt, der schon damals ein bisschen knurrig war. Ich wusste damals nicht, dass es den ConBrio Verlag erst seit fünf Jahren gab. Ich hatte gedacht, den gibt es schon immer, weil es auch die neue musikzeitung gefühlt schon immer gab. Deswegen meine erste Frage an Theo Geißler: Wie hat das vor 25 Jahren angefangen?
Theo Geißler: Der ConBrio Verlag ist entstanden als Management-Buyout. Felix Maria Roehl und ich haben die neue musikzeitung von unserem alten Arbeitgeber, dem Bosse-Verlag, übernommen und den Verlag gegründet. Der Bosse-Verlag gehörte schon seit 1956 der Bärenreiter-Gruppe und die legte großen Wert auf die Qualität ihrer Notenproduktion, hatte aber weniger Interesse an Pädagogik und vor allem nicht an Kulturpolitik. Für mich war die neue musikzeitung immer ein Organ, das Kultur- und Musikpolitik ins Zentrum stellt, auch gerade deswegen, weil sehr viele ältere Musikfunktionäre und Verbandsfunktionäre Musik- und Kulturpolitik fast als Schimpfwort empfanden, weil es die „holde Muse“ sozusagen beschädigt und beschmutzt. Wir in der Redaktion hingegen haben von Anfang an gesehen, dass Musik, dass die Künste unter anderem eine politische Vertretung brauchen. Wir haben deswegen die neue musikzeitung breit aufgestellt und zu einer musik- und kulturpolitischen Publikation gemacht.
Zimmermann: Die neue musikzeitung ist das Flaggschiff des ConBrio Verlags. Barbara Haack, wenn Sie zurückblicken auf diese Zeit vor 25 Jahren: Was hat sich da getan?
Barbara Haack: Zunächst einmal: Ich bin erst fünf Jahre nach Gründung dazu gekommen …
Zimmermann: Also haben wir uns alle zur selben Zeit kennengelernt.
Haack: Mir war damals selber auch nicht wirklich bewusst, dass ConBrio erst fünf Jahre alt war. Es hat sich seither im Bereich des Musiklebens unglaublich viel getan, aber natürlich vor allem im Bereich des Verlagswesens. Wir sind heute in einer ganz anderen technischen Welt angekommen. Damals waren wir froh, dass wir alle Computer hatten und eine E-Mail-Adresse und irgendwie ins Internet gekommen sind. Wir haben sehr früh angefangen, uns dort zu engagieren und eine eigene Website aufzubauen. Heute sprechen wir natürlich über ganz andere digitale Welten. Da hat sich sicher am meisten verändert. Natürlich auch im Verhältnis zum Print, das wir immer noch sehr stark leben und pflegen.
Zimmermann: Auf die Digitalisierung würde ich gleich nochmal eingehen, weil ich denke, das ist schon eine ganz wichtige Frage für das Hier und Jetzt, aber auch für die Zukunft. Ich würde diese 25 Jahre gerne nochmal kurz zurückgehen und die Frage an Theo Geißler stellen: War es damals wirklich nötig, diesen Verlag zu gründen? Es gab ja schon so viele Verlage und man hätte eine Zeitung wie die neue musikzeitung auch bei einem anderen Verlag herausgeben können. Warum dieser Schritt in eine schon damals enge Verlagslandschaft hinein?
Geißler: Weshalb das erworbene Know-how, die erworbenen Kontakte, Kontakte zu fähigen Redakteuren, zu kultur- und musikpolitischen Menschen, vor allem zu Verbänden, aufgeben und sozusagen aus der Hand geben? Es hat sich uns förmlich aufgedrängt, dieses Potenzial zusammenzufassen und daraus erstens einen Verlag für die neue musikzeitung, zweitens aber auch einen Verlag rund um die neue musikzeitung zu machen – bei allen Schwierigkeiten. Wir waren nämlich völlig kapitallos und konnten uns eigentlich nur freuen, dass wir eine Bank gefunden hatten, die unser Modell, unser Management-Buyout-Modell fein fand und finanziert hat. Nur so konnte dieses Gebilde ConBrio & neue musikzeitung entstehen und ich denke, es ist bis heute ein uniques Gebilde in seiner Konfiguration und seiner Breite und auch in seiner Philosophie.
Zimmermann: Am Anfang gab es wenig beziehungsweise gar kein Geld und heute ist der Verleger reich ...
Geißler: Nein, das kann man bei Gott nicht sagen. Wenn ich nicht vor fünfzig Jahren von meinem Alt-Verleger-Vater ins Presseversorgungswerk gezwungen worden wäre, dann hätte ich jetzt eine Rente, die unter Hartz-IV-Niveau läge. Man wird in diesem Bereich nicht reich, weil das Sujet, das man bearbeitet, nicht populär, nicht sexy genug ist. Musikpolitik, Kulturpolitik ist nicht sexy. Klar, mit Musikpädagogik kann man, wenn man schöne Hochglanz-Geschichten macht, durchaus Geld verdienen, aber dennoch: Das ist uns jeweils weniger am Herzen gelegen als die Inhalte, die wir zu transportieren hatten.
Zimmermann: Das ist ganz spannend: Fünf Jahre nach der Gründung des Verlags kommt eine Frau in den Verlag, und die ist heute nicht nur Verlagsleiterin, sondern Sie sind auch Lebenspartnerin. Das heißt im wahrsten Sinne des Wortes, Sie haben privates und berufliches Glück vereint, um ConBrio weiter in die Sterne zu führen.
Haack: Ja, das stimmt. Er hätte aber wohl besser eine reiche Frau geheiratet, um seinen Verlag in die Sterne zu führen. Man muss sagen, dass es anders fast gar nicht gegangen wäre: Man kommt sonst ganz schnell in den Konflikt, dass man zu wenig Zeit für einander hat. Das Engagement für den Verlag wird so auch auf einer anderen, der privaten Ebene weitergeführt.
Zur Frage des Geldes: Wir haben sehr harte Zeiten durchgemacht. Wir sind auch stark am Abgrund entlang geschrappt, und man kann nicht sagen, dass wir uns heute ausruhen können. Das geht nicht mit einem solchen Verlag, der auf der einen Seite Zeitschriften und Zeitungen publiziert und auf der anderen Seite viele Buchproduktionen, von denen einige tatsächlich defizitär sind, die wir aber machen, weil sie ins Programm passen und das Portfolio erweitern.
Zimmermann: Ich finde das sehr sympathisch, denn man kann dem ConBrio Verlag sicher alles vorwerfen, aber dass er das Gefühl ausstrahle sich auszuruhen, das kann man ihm nicht vorwerfen. Wir haben über die Zeitung gesprochen als ein ganz wichtiges Standbein. Eines der Alleinstellungsmerkmale ist sicherlich auch die Zusammenarbeit mit den Musikverbänden. Das gibt es sonst in dieser Art und Weise auch in anderen Kulturbereichen nicht. Wir haben kurz über die Bücher gesprochen, die um diesen Bereich herum gebaut werden. Es gibt aber auch etwas, was ich als Alleinstellungsmerkmal des ConBrio Verlages sehe: Sie waren sehr früh sehr aktiv im Internet, sehr früh in der eigenen Filmproduktion. Warum eigentlich? Das waren auch, könnte man sagen, Abwege, die viel Geld gekostet haben. Wäre es nicht besser gewesen, man hätte sich auf die Zeitung, auf die Bücher konzentriert und wäre nicht ins Internet und in die Filmproduktion gegangen?
Geißler: Fürchterliche Vorstellung. Denn das ist die Zukunft, das ist ganz klar. Inzwischen sieht man: Viele Verlage machen uns das in diesen Bereichen nach und machen uns da durchaus Konkurrenz. Ich denke, dass wir damit, dass wir mit dem Bewegt-Bild sehr, sehr früh im Netz waren, und dabei auch durchaus größere Filme gemacht haben, unter anderem fürs Fernsehen, vom technischen Know-how her state of the Art waren. Ich sehe die große Gefahr jetzt darin, dass wir fast noch zu klein sind, um all die rasend schnellen innovativen Schritte, die im technischen Bereich stattfinden, adäquat mitvollziehen zu können. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch eine gute Chance, dass wir dadurch, dass wir intelligent sind und gute und qualitätsvolle Projekte machen, durchaus auch in der Kulturnische, in der wir uns nun mal bewegen, gut überleben können.
Zimmermann: Zu klein für die innovativen neuen Bereiche? Aber trotzdem ein innovativer Verlag, der immer versucht hat, neue Wege zu gehen. Was sagt denn Barbara Haack dazu, wenn man sich die vielen neuen Wege anschaut? In vielen anderen Verlagen haben wir in den letzten zwanzig Jahren einen Konzentrationsprozess erlebt. Die haben sich entschieden, nur Zeitung oder nur Bücher zu machen, oder sagen, sie müssen in den Social Medias aktiver werden. Aber es gibt nur selten Konglomerate wie den ConBrio Verlag.
Haack: Von einigen Dingen haben wir uns im Lauf der Jahre durchaus auch verabschiedet. Als ich bei ConBrio angefangen habe, war das Feld in einigen Richtungen sogar noch größer als es jetzt ist. Theo Geißler ist auf jeden Fall der Visionär bei uns, derjenige, der die neuen Ideen reinbringt und sagt, das müssen wir tun und dies müssen wir machen. Wir anderen haben gelernt, ihm meistens zu glauben, weil wir wissen, dass viel Gutes dabei herauskommt. Wir haben auch Dinge in den Sand gesetzt, und natürlich müssen wir als kleiner Verlag immer eine Gratwanderung machen: zwischen diesen Visionen der Lust und der Verpflichtung, diese Visionen umzusetzen, wenn wir innovativ bleiben wollen, und auf der anderen Seite zu sehen, dass der Verlag irgendwo auch wirtschaftlich überleben muss. Wir brauchen Cash Cows, die uns das ermöglichen. Das ist eine schwierige Aufgabe für einen solch kleinen Verlag, es ist aber auch relativ typisch.
Geißler: Was vielleicht ganz interessant ist: Im Rahmen des Management-Buyouts ist uns die Abteilung Katholische Kirchenmusik des Gustav Bosse Verlags sozusagen zugefallen. Die wollte Bärenreiter nicht haben. Das hat dazu geführt, dass wir lange Zeit die Fachzeitschrift „musica sacra“ gemacht haben, und dass wir heute noch die einzige deutschsprachige Zeitschrift für gregorianische Musik mit einer Auflage von etwa 600 bis 700 herausgeben. Und dazu, dass wir auch die Kernsubstanz der Katholischen Kirchenmusik herausgebracht haben, erst in einem ersten Band, ein zweiter Band folgt gerade, das „Graduale Novum“ für den gregorianischen Gesang. Es ist vielleicht bezeichnend, dass es immer meine Sehnsucht war − was die Musik betrifft −, von der Gregorianik bis zum Rap alles in irgendeiner Form publizistisch abzudecken. Wobei ich jetzt so langsam feststelle, dass ich im Bereich der Popularmusik, so wie sie sich gerade entwickelt, eher ins Gähnen und in die Langeweile falle.
Zimmermann: Jetzt lassen Sie uns in die Zukunft schauen: Ein visionärer Verleger hat letztendlich den ConBrio Verlag über zwei Jahrzehnte geprägt, aber es stehen jetzt große Veränderungen an. Theo Geißler wird sich langsam aus dem Verlag rausschleichen. Deswegen an Barbara Haack die Frage: Wie geht es nun weiter? Gibt es ohne Theo Geißler eine Zukunft?
Haack: Wir sind ja ein Team. Es gibt nicht nur Theo Geißler und Barbara Haack, sondern es gibt auch Super-Mitarbeiter und wir reden schon länger darüber, wie es weitergehen kann. Keiner von uns hat ein Interesse daran, dass Theo Geißler sich verabschiedet, aber natürlich hat er das Recht, auch mal weniger zu tun. Ich glaube, dass wir ein gutes Team sind, das ConBrio weiterführt. Wir haben sehr gute Redakteure, sie können Theo Geißler nicht ersetzen, sie werden die Zeitung und den Verlag anders gestalten, als diese bisher gestaltet waren. Es wird diese absolute visionäre Verlegerfigur vermutlich nicht mehr geben, aber es gibt Menschen, die immer noch ihre Nase in den Wind hängen und gucken, wo die neuen Strömungen sind, wo es etwas zu entdecken gibt, wo es vielleicht auch etwas zu kritisieren gibt, zu streiten oder auch etwas Positives zu berichten. Es wird weitergehen!
Geißler: Nicht nur die neue musikzeitung, sondern auch das ganze verlegerische Gebinde ringsum. Ich bin sehr zuversichtlich, weil ich sehr viel Vertrauen in diese deutlich jüngeren Menschen habe, und ich denke, sie haben das Potenzial, vielleicht auch gerade gemeinsam, den Verlag erfolgreich in die Zukunft zu führen.
Haack: Was wir uns vorstellen, ist, die neue musikzeitung und den Verlag noch mehr zu einem Kommunikationszentrum zu machen. Zu einem Zentrum, zu dem die Menschen hinkommen. Das ist eine Stärke von uns: Dass wir Menschen miteinander vernetzen. Das wollen wir auf jeden Fall ausbauen. Ich glaube, in den verrückten Zeiten, die wir haben, Stichwort Digitalisierung, Stichwort Gefährdung der Demokratie, ist das eine Stärke, die gebraucht wird. Also: Kommunizieren, Kommunikationszentrum sein, vernetzen, sich selber vernetzen.
Geißler: Und es wird ein stabiles Kulturverständnis benötigt, das demokratisch ist und das unsere Demokratie trägt, stützt und wertig macht. Dazu können wir auch einiges beitragen.
Zimmermann: Zum Abschluss zwei kurze Fragen an Sie beide: Was war in den 25 Jahren ConBrio der größte Fehlschlag und was war der größte Erfolg?
Geißler: Der größte Fehlschlag war der Versuch, im Pop-Bereich eine Zeitschrift zu gründen.
Haack: Oh ja!
Geißler: Das hat auch dazu geführt, dass ich mich in den Musical-Sumpf begeben habe und ich habe in beiden Feldern sehr viel Potenzial, sag ich mal, versenkt. Geld, Ideen, Kraft. Leider, leider, leider. Eine meiner größten Freuden − ich sag das jetzt ohne irgendwie schleimen zu wollen – ist in der Tat die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kulturrat, denn ich glaube, das ist eine unglaublich wichtige Institution in unserer Gesellschaft und dass wir gemeinsam seit mehr als 16 Jahren mit Politik & Kultur eine Zeitung machen, die, wie ich finde, ausgezeichnet gelungen ist. Das erfüllt mich mit großem Stolz. Es erfüllt mich auch mit Stolz, dass wir Exoten-Zeitschriften machen – das meine ich nicht abfällig oder böse − wie eben die Gregorianik, und dass wir im Bereich Inklusion gut positioniert sind und für diesen Bereich gutes Material produzieren.
Zimmermann: Ich merke schon, bei den Erfolgen ist Ihnen deutlich mehr als bei den Fehlern eingefallen. Deswegen dieselbe Frage an Barbara Haack?
Haack: Mir fällt zu den Erfolgen glücklicherweise auch mehr ein. Der größte Fehler war, da kann ich nur wiederholen, was Theo Geißler sagt, diese Pop-Zeitung. Die hat uns an den Rand des Ruins gebracht, das war auf jeden Fall der größte Fehler, den wir gemacht haben. Wir haben uns davon aber erholt. Bei den größten Erfolgen würde ich gerne zwei nennen. Zum einen, dass wir uns zweimal aus einer wirtschaftlichen Krise erholt haben und es geschafft haben, dass es uns nach fünfundzwanzig Jahren immer noch gibt. Das ist für mich ein riesiger Erfolg in einer Zeit, die momentan dem ganzen Verlagswesen nicht besonders gut gesonnen ist – auch auf politischer und gesetzgeberischer Ebene. Zum anderen, dass wir dieses Modell neue musikzeitung − auf der einen Seite kulturpolitisch kritische und unabhängige Berichterstattung, auf der anderen Seite Kooperationen mit Verbänden und der Zivilgesellschaft, die wir für elementar wichtig halten – dass wir diese Gratwanderung zwischen den beiden Ebenen der neuen musikzeitung über fünfundzwanzig Jahre lang gut geschafft haben, dass diese Kooperationen immer noch sehr gut funktionieren und wir gute Partner sind und haben.
Zimmermann: Vielen Dank!