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Brigitte Fassbaender. Foto: Richard-Strauss-Festival
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„Eigentlich bin ich noch mittendrin“ – Brigitte Fassbaender wird 75

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Aufhören, wenn es am schönsten ist, einen Strich ziehen, noch einmal etwas ganz Neues beginnen. Das können die wenigsten. Brigitte Fassbaender hatte die Kraft dazu. Schon mit Mitte Fünfzig beschloss die einst weltweit gefeierte Mezzosopranistin, ihre Karriere als Opern- und Liedsängerin an den Nagel zu hängen. „Ich wollte nicht als Ruine abtreten“, sagt die frühere Diva kurz vor ihrem 75. Geburtstag im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Dann startete sie noch einmal durch, etablierte sich als gefragte Opernregisseurin, leitete über zehn Jahre das Landestheater Innsbruck. Und hat auch nach ihrem Geburtstag am 3. Juli immer noch einiges vor.

Wenn Sänger oder Dirigenten Ausflüge ins Regiefach unternehmen, ist das oft eine Eintagsfliege. Fassbaender dagegen kann schon eine stattliche Zahl von Regiearbeiten an zahlreichen Häusern vorweisen.

Jüngst inszenierte sie am Münchner Gärtnerplatztheater einen von der Kritik sehr wohlwollend beurteilten „Don Pasquale“ von Gaetano Donizetti. Auch ihre Sicht der Strauss-Oper „Ariadne auf Naxos“ in Frankfurt am Main fand im vergangenen Oktober allgemeinen Beifall. „Ein Abend zum intelligenten Genießen“, urteilte der Opernrezensent Hans-Klaus Jungheinrich.

Bis 2017 ist Fassbaender nach eigenen Worten ausgebucht. Nach Giuseppe Verdis „Rigoletto“ in Regensburg gibt es Engagements in Kiel, erneut in Frankfurt am Main sowie bei den exklusiven Osterfestspielen 2015 in Baden-Baden, wo sie mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle den „Rosenkavalier“ erarbeiten soll.

Ihren Erfolg begründet sie auf etwas ungewöhnliche Art. Sie habe nie Kritiken gelesen, sagt Fassbaender. Künstler seien oft dünnhäutig und ließen sich durch negative Urteile schnell entmutigen. „Ich habe das einfach nicht zur Kenntnis genommen.“ Dabei wirkt Fassbaender keineswegs verzagt. Im Gegenteil: Sie hat einen burschikosen Charme und einen zupackenden Humor. Die „Berliner Schnauze“ merkt man ihr noch immer an, obwohl sie seit langem am Chiemsee in Oberbayern zu Hause ist.

„Das Singen habe ich nie vermisst“, sagt Fassbaender. „Ich hatte das Gefühl, meine Kreise als Interpretin ausgeschritten zu haben.“ Dabei hatte sie eine Traumkarriere absolviert. Nach ihrer stimmlichen Ausbildung durch ihren Vater, den Bariton Willi Domgraf-Fassbaender, und einem Studium am Nürnberger Konservatorium, wurde sie 1961 Mitglied der Bayerischen Staatsoper. Sie sang an vielen großen Häusern der Welt. Ihre Paraderolle war der androgyne Jüngling Octavian in Richard Strauss' „Rosenkavalier“ unter dem legendären Dirigenten Carlos Kleiber. Neben dem Werk von Strauss, dessen 150.

Geburtstag dieses Jahr international gewürdigt wird, ist der britische Komponist Benjamin Britten einer ihrer Fixsterne.

Mindestens ebenso wichtig wie die Oper war ihr immer der Konzert- und Liedgesang. „Hier spielt man keine Rolle, hier steht man nur für sich“, sagt Fassbaender. Der Komponist Aribert Reimann gehörte zu ihren bevorzugten Liedbegleitern am Klavier. Sie nahm zahllose Platten auf, wurde mit Ehrungen überhäuft. Den Titel einer „bayerischen Kammersängerin“ trägt sie mit Stolz.

Nach ihrem Abschied von der aktiven Sängerlaufbahn verdingte sich Fassbaender als Operndirektorin am Staatstheater Braunschweig und wurde 1999 Intendantin in Innsbruck. 13 Jahre lang managte sie das Dreispartenhaus und inszenierte selbst zahlreiche Opern und Bühnenwerke. Sie fand sogar Zeit, die Textbücher zu zwei Musicals zu schreiben, die in Innsbruck uraufgeführt wurden.

Seit sie offiziell im Ruhestand ist, gibt Fassbaender, wie viele ihrer emeritierten Kolleginnen und Kollegen, Meisterkurse für Nachwuchssänger. Sie betreut zudem den Eppaner Sommer, ein kleines Liedfestivals in Südtirol, und das Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen.

Zu den Nachfahren des Komponisten, die noch in der von Strauss gebauten Villa leben, hat die Vielbeschäftigte ein enges Verhältnis. Sie liebt es, sich in den original erhaltenen Räumen aufzuhalten. „Es ist, als sei er gerade spazieren gegangen.“

Manchmal wünscht sich Fassbaender, etwas mehr Zeit zu haben für ihre Leidenschaften jenseits der Bühne: das Malen und Schreiben.

„Kinderbücher für Erwachsene“ verfasst sie und lässt durchblicken, dass diese zuweilen wohl nicht ganz jugendfrei sind. Auch ihre Memoiren sind in Arbeit. „Ein Kapitel habe ich schon.“ Doch ein Erscheinungstermin ist noch nicht in Sicht. „Eigentlich stehe ich ja noch mittendrin.“

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