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Rainer Kussdmaul. Foto: privat
Rainer Kussdmaul. Foto: privat
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Mensch, Pädagoge und musikalischer Teamplayer

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Zum Tod von Rainer Kussmaul
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Am 27. März 2017 verstarb der Geiger und Dirigent Rainer Kussmaul in Freiburg im Breisgau im Alter von 70 Jahren. Für die neue musikzeitung verfasste die Pianistin Sophie-Mayuko Vetter einen Nachruf, in dem sie einen sehr persönlichen Blick auf den von ihr geschätzten Künstler, Lehrer und Duopartner wirft.

 

Je schöner und voller die Erinnerung,

desto schwerer ist die Trennung.

Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual

der Erinnerung in eine stille Freude.

Man trägt das vergangene Schöne nicht

wie ein Stachel, sondern wie ein kostbares

Geschenk an sich. 

(Dietrich Bonhoeffer)

 

Tatsächlich wandelt sich der Schmerz über den Verlust von Rainer Kussmaul bei vielen Menschen in tiefe Dankbarkeit, ihm begegnet sein zu dürfen. Bei einigen, die in sich eine Furcht vor dem Leben nach dem Tod gespürt haben, mag diese an seinem Todestag, dem 27. März 2017, gewichen sein. Denn wo immer er mit seinem Geist und seiner Musik Wärme ausstrahlt, darf Ewigkeit sein.

Er war ein Meister der Andeutungen. Als Lehrer brachte er dem Schüler oft mit einer einzigen Handbewegung nicht nur eine musikalische Geste, sondern deren komplexen Hintergrund nahe. Diesen klärenden Impuls an alle Pulte weiterzugeben, schaffte er als Konzertmeister oft nur mit der Bewegung seiner Schulter. Zwischenmenschlich  kommunizierte er oftmals mittels seines großen Repertoire an mimischen Codes; allein die Bedeutung seines Lächelns hatte mindestens ein Dutzend Facetten. 

Mit wenig bewirkte er viel. So lassen Kussmauls pädagogischen Überlegungen das Ethos eines Gärtners erkennen, der individuelle Entwicklungen mit feinsten Antennen um mehrere Stadien vorausdenkt, unterstützt, beflügelt; die Studenten unter seiner schützenden Hand zu ihrem Ich finden lässt, anstatt sie zu "Wiedergängern" heranzubilden. Kussmaul ermutigte sie zu Experimenten und betonte, wie viel er selbst auch von ihnen lerne. 

Das gilt zum Beispiel für die Barockvioline: Schon fast legendär ist die Silvesterparty 1985, bei der seine Schüler Petra Müllejans, Gottfried von der Goltz und Thomas Hengelbrock beschlossen, sich im neuen Jahr den alten Instrumenten und der sogenannten historischen Aufführungspraxis anzunähern. Regelmäßig trafen sich nun um dieses Trio herum einige seiner Studenten und deren Kommilitonen, um diesen Neujahrsvorsatz umzusetzen. Zwei Jahre später traten sie schließlich unter dem mittlerweile international bekannten Namen Freiburger Barockorchester auf. Von diesen jungen Musikern inspiriert, regte Rainer Kussmaul wiederum seine Klasse zu einer Auseinandersetzung mit der Barockvioline an, um ihnen interpretatorisch neue Wege zu eröffnen.

Ohne sie jemals mit Dogmen zu lenken, gab er jedem Studenten durch die so gewonnenen Kenntnisse die Chance, eine für sich individuell gültige Antwort auf die Frage zu finden, was "historische Aufführungspraxis" für sie heute bedeutet. Für ihn und einige seiner Kollegen der Berliner Philharmoniker, bei denen er von 1993 bis 1997 die Position des ersten Konzertmeister innehatte, führte dies zur Gründung der Berliner Barocksolisten, die bis 2010 unter seiner Leitung auftraten. Sie entschieden sich bewusst dazu, die historisch informierte Aufführungspraxis mit modernen wie auch modernisierten historischen Instrumenten zu realisieren. 

Technik ist, wenn die Ursache hinter die Wirkung, die Wirkung hinter den Duktus tritt. Niemals wurde dies so deutlich wie bei seinem Spiel: Sein Pianissimo, das bis zur letzten Reihe klingend gleichsam eine Extroversion der Intimität schaffte. Diese Quadratur des Kreises, das den Akt des Konzertierens selbst spiegelt, war bei ihm ebenso "Technik" wie seine landschaftliche und zugleich sprachliche Gestaltung einer unendlichen Melodie Schuberts. Das gilt auch für die musica poetica, etwa bei Bachschen Motiven, die er mit - erfrischend "uneggebrechtschen" - Texten versah, um dem Schüler seine Gedanken zu den Stricharten zu verdeutlichen. Seine Interpretation entstand hier gleichsam durch eine Identifikation mit der musikalischen Körpersprache des Komponisten.

So wurden seine Studenten von der leider verbreiteten Meinung, dass Technik und Musikalität - gleichsam als A- und B-Note - zwei eigene Kategorien sind, niemals fehlgeleitet. Denn die Kunst der Technik und somit auch die Kunst des Übens ist eine Kunst des Hörens - im Sinne eines Horchens in das Innenleben des Klanges, aber auch des Hineinhorchens in sich selbst: ein Prozess der künstlerischen Selbstreflexion.

Findet man sich als Pianist mit einem Duopartner wie Kussmaul zusammen, ist das ein Geschenk, das einem einmal oder nie im Leben widerfährt. Eher wenig probend, kommunizierten wir in Konzerten mit spontanen Ornamenten und spürten den kongruenten musikalischen Atem. Unvergesslich bleibt mir das erste Zusammenspiel mit ihm: Nach der Mozartschen Einleitung auf dem Hammerflügel schwebte seine erste Note wie Frühlingsluft herein, als wäre diese schon immer da gewesen - und changierte im Verlauf gleichsam zum Herbstlicht. Dieser subtilen Modulation des Tones verlieh Kussmaul bei jedem Komponisten eine vollkommen andere Färbung. Stets war es eine Herausforderung, dieser Ästhetik seines elastischen, noblen, singenden Klangs würdig entgegenzuwachsen.

Gerne ermunterte er seine Studenten, bereits früh in anspruchsvollen Orchesterpraktika mitzuwirken. Als er eines Tages von einem renommierten Orchester bei dessen Suche nach einer Last-Minute-Aushilfe gefragt wurde, ob er denn seinen besten Studenten empfehlen könne, antwortete er stolz: "Alle! Sie bekommen gleich meine Klassenliste."  Tatsächlich stellte er nie einen Studenten als "Lieblingsschüler" heraus - jeder Einzelne war es und wurde von ihm als "Kollege" vorgestellt.

Auf dieser Weise wurde jeder seiner Studenten von ihm als einzigartige Persönlichkeit wahrgenommen und mit unermüdlichem Einsatz begleitet. Hier wurden Kussmauls Empathie, Offenheit, Altruismus, Bescheidenheit, Toleranz und Menschenliebe offenbar. So verlieh er seinen Studenten auch außermusikalisches Rüstzeug wie Sozialkompetenz, Courage und Selbstvertrauen für den steinigen Weg des angehenden Berufsmusikers. Seine Violinklasse, die er seit 1977 leitete, war von Zusammenhalt, Wärme, Pioniergeist, Frohsinn und Respekt geprägt.

Auf diese Qualität seiner Klasse angesprochen, sagte einer seiner Studenten einmal: "Er erzog uns eben nicht zu intriganten Widerlingen mit Ellbogen - lach' nicht, das ist absolut nicht selbstverständlich unter Geigenpädagogen!" Diese Aussage mag einen nicht nur im Kontext zur Bildung eines klanglichen Kollektivs nachdenklich stimmen, sondern auch eine Tendenz in der heutigen Gesellschaft aufzeigen, den Menschen in der Ausbildung bisweilen gezielt mit charakterlichen Schwächen gleichsam antihumanistisch zu bewaffnen. 

Auf diese Weise verstand es Kussmaul, Schüler heranzubilden, die heute an führenden Pulten und pädagogischen Instituten des internationalen Musiklebens wirken und fernab jedweder Egozentrik die Verantwortung für einen musikalischen Bildungsauftrag weitergeben. Denn wenn man Rainer Kussmaul als Mensch, Pädagoge und musikalischen Teamplayer erlebt hat, wurde einem deutlich: Das Weitergeben ist die Tugend des Seins.

Rainer Kussmaul wurde am 3. Juni 1946 in Mannheim geboren. Gemeinsam mit seinen Brüdern Jürgen und Wolfgang Kussmaul bekam er seinen ersten Instrumentalunterricht bei seinem Vater Willy Kussmaul. Nach Studien in Mannheim und bei Ricardo Odnoposoff in Stuttgart war Kussmaul bald Preisträger internationaler Wettbewerbe, sowohl als Solist wie auch mit seinem Stuttgarter Klaviertrio. 1977 wurde er als Professor an die Freiburger Musikhochschule berufen. Als Solist spielte er mit Dirigenten wie Abbado, Barenboim, Inbal, Mehta, Nagano, Prêtre, Ozawa, Solti und Wand. 1993-1997 war er erster Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Seit dieser Zeit leitete er die von ihm gegründeten Berliner Barocksolisten. Er erhielt u.a. mehrfach den Echo-Klassik-Preis und im Jahre 2005 den GRAMMY. Am 27. März 2017 ist Rainer Kussmaul in Freiburg verstorben.

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