Zum Tod des Regisseurs Joachim Herz - Yulianna Adveeva gewinnt den Chopin-Wettbewerb 2010 - Reinhart von Gutzeit erhält Carl-Orff-Medaille - Der Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann ist tot
Ein Leben für die Oper - Zum Tod des Regisseurs Joachim Herz
Traurige Nachricht aus Leipzig: Die Stadt, in der Joachim Herz (Foto: Matthias Creutziger) einst den legendären „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner schmiedete, musste am 18. Oktober Abschied von ihm nehmen. Der Regisseur hat im Alter von 86 Jahren die letzte seiner vielen Bühnen verlassen. Kurz zuvor besuchte er noch, in sichtlich angegriffenem Gesundheitszustand, die Feiern zum 50-jährigen Bestehen des Opernhauses, das er am 9. Oktober 1960 mit den „Meistersingern von Nürnberg“ eingeweiht hatte. Auf den Tag ein halbes Jahrhundert danach gab es eine Neuproduktion dieser Oper; Herz ließ es sich nicht nehmen, den langen Abend auszuhalten und ihn kurz danach noch pointiert zu bewerten. Der 1924 in Dresden geborene Künstler galt als „Urgestein“ modernen Musiktheaters und schuf zwischen 1950 und 1991 insgesamt 126 Inszenierungen an Bühnen in ganz Europa und an zahlreichen Häusern in Übersee. Insbesondere Buenos Aires, Cardiff, London, Moskau, Vancouver, Wien und Zürich war er verbunden. Sein Hauptwerk aber hat er der Komischen Oper Berlin, Dresdens Staatsoper sowie „seinem“ Leipziger Haus hinterlassen. Nach Anfängen an der Landesoper Radebeul wechselte der frühere Kreuzschüler, beizeiten an Klavier und Klarinette unterrichtet, als Assistent Walter Felsensteins nach Berlin. Einem kurzen Regie-Intermezzo in Köln folgte 1957 der Ruf als Oberspielleiter nach Leipzig, wo Joachim Herz von 1959 bis 1976 Operndirektor war. In dieser Zeit erarbeitete er nicht nur jenen epochalen „Ring“, sondern auch Werke von Berg, Borodin und Britten, Mozart und Mussorgski, Prokofjew und Puccini, Schostakowitsch und Strauss, Tschaikowski, Verdi in seiner Lesart, also als ein Theater ganz im Geist der Musik. Wiederholt sah er in dieser Zeit die fruchtbarste seines Lebens. Zahlreiche Inszenierungen wurden auf Gastspielen gefeiert, aber keine trat einen Siegeszug wie Händels „Xer-xes“ an, mit dem Leipzigs Ensemble tatsächlich in aller Welt gastierte. Bis 1981 rieb er sich als Intendant und Chefregisseur an der Komischen Oper auf, es folgten zehn Jahre an der wiedererrichteten Semperoper, die Herz 1985 mit Webers „Freischütz“ und Strauss‘ „Rosenkavalier“ einweihen konnte. Bis zuletzt war er zu Vorträgen und Konferenzen unterwegs, nun wird seine Stimme fehlen. [Michael Ernst]
Von Warschau in den Olymp - Yulianna Adveeva gewinnt den Chopin-Wettbewerb 2010
Die russische Pianistin Yulianna Avdeeva (Foto: Bartosz Sadowski) ist Siegerin des 16. Chopin Wettbewerbs in Warschau. Zwei zweite Plätze wurden vergeben an Ingolf Wunder, Österreich, sowie Lukas Geniušas aus Russland/Litauen. Den dritten Preis erhielt Daniil Trifonov aus Russland. Als vierte und fünfte Preisträger wurden Evgeni Bozhanov aus Bulgarien und François Dumont aus Frankreich benannt.
Zur Jury zählten neben dem Vorsitzenden Andrzej Jasinski und dem Ehrenvorsitzenden Jan Ekier in diesem Jahr auch berühmte Pianisten und ehemalige Preisträger wie Martha Argerich, Bella Davidovich, Nelson Freire, Dang Thai Son und Adam Harasiewicz.
Zum ersten Mal werden die ersten drei Preisträger nur wenige Wochen nach ihrem erfolgreichen Abschneiden ein Konzert in Deutschland geben. Bereits am 4. November 2010 treten sie neben Arcadi Volodos beim BASF-Benefizkonzert „Volodos & Friends“ in Ludwigshafen auf.
Musikerziehung groß geschrieben - Reinhart von Gutzeit erhält Carl-Orff-Medaille
Reinhart von Gutzeit ist diesjähriger Träger der Carl-Orff-Medaille für besondere Verdienste um die bayerischen Sing- und Musikschulen. Auf dem 33. Bayerischen Musikschultag in Aschaffenburg würdigte Werner Mayer, ehemaliger Geschäftsführer des Verbandes Bayerischer Sing- und Musikschulen (VBSM) den Preisträger in einer Laudatio. Insbesondere erwähnte er die bewegten Jahre der Wiedervereinigung, in die von Gutzeits Amtszeit als Vorsitzender des VdM fiel. Seinem Vorgänger Diethard Wucher und ihm selbst sei es gelungen, die beiden Verbände und ihre Musikschulen mit ihrer jeweiligen Geschichte und ihrem unterschiedlichen Profil schnell und harmonisch in einem bundesweit prägenden Verband zusammenzuführen. Von Gutzeit, derzeit Rektor der Universität Mozarteum Salzburg, ist unter anderem ehrenamtlich als Vorsitzender des Hauptausschusses von „Jugend musiziert“ und der Jury des VdM-Medienpreises „LEOPOLD“ tätig.
Nah am Forschungsgegenstand - Der Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann ist tot
„Die Musikwissenschaft soll bei den Poeten in die Lehre gehen.“ Was Reinhold Brinkmann in seiner Dankesrede zur Verleihung des Ernst von Siemens Musikpreises 2001 von seiner Zunft forderte, hat er selbst immer wieder einzulösen vermocht. In seiner Maßstab setzenden Studie zu Brahms’ zweiter Symphonie etwa, der er das schöne Motto „Späte Idylle“ gab, oder in weiteren Aufsätzen, deren Titel ebenfalls komplexe Sachverhalte in ein prägnantes sprachliches Bild übersetzen: „Die gepreßte Sinfonie“ (zu Schönbergs Opus 9) oder „Driven into Paradise“ (über die Emigration von Musikern aus Nazi-Deutschland in die Vereinig-ten Staaten). Bei dieser Verleihung – Brinkmann war bisher neben H.C. Robbins Landon der einzige Musikhistoriker, der den Preis zugesprochen bekam – demonstrierte er, vom Rednerpult ans Klavier wechselnd, eine weitere Tugend, die er in dem in Buchform erschienenen Gespräch mit Wolfgang Rihm so in Worte fasste: „Ein Musikwissenschaftler muss Musiker sein. Das heißt, dass er argumentiert aus engster Nähe zur Musik, einem fast körperhaften Kontakt mit Musik, und mit diesem Kontakt seine Interpretationen, seine Kontextstudien unternimmt.“ Der 1934 in Wildeshausen Geborene, der unter anderem bei Hans Heinrich Eggebrecht in Freiburg studierte und Assistent Rudolf Stephans in Berlin war, verstand sein Fach somit nie als eine von der musikalischen Praxis abgehobene Spezialdisziplin, eine Überzeugung, die in seinen Lehrtätigkeiten unter anderem in Marburg, Harvard und Berlin ebenso Ausdruck fand wie in seiner Funktion als Direktor des Darmstädter Instituts für Neue Musik und Musikerziehung. Ein Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit war neben Wagner und Brahms vor allem die Musik der Neuen Wiener Schule, seine Dissertation über Schönbergs Klavierstücke Opus 11 fiel in eine Zeit, da die Beschäftigung mit der jüngeren Musikgeschichte noch keine Selbstverständlichkeit des Faches war. Am 10. Oktober ist Reinhold Brinkmann, der seit einigen Jahren an Parkinson litt, in Eckernförde gestorben. jmk